Nichts bereuen

Deutschland, 100min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Benjamin Quabeck
B:Benjamin Quabeck, Hendrik Hölzemann
D:Daniel Brühl,
Jessica Schwartz,
Marie-Lou Sellem,
Denis Moschitto
L:IMDb
„Entwickelt mal Hemmungen!”
Inhalt
Daniel (Daniel Brühl) ist 19, kommt nach bestandenem Abitur zuversichtlich aus dem Urlaub zurück und freut sich darauf, dass das Leben nun richtig losgeht. Aber irgendwie geht das Leben nicht, sondern vielmehr alles andere irgendwie nach hinten los. Sein Vater hat ihm einen unerträglichen Zivijob besorgt, das Wiedersehen mit Luca (Jessica Schwarz) verläuft nicht ansatzweise wie geplant und dann ist da noch diese Party, bei der auch alles daneben geht, denn Daniel scheint für Luca Luft zu sein. Und das ist das Schlimmste. Luca ist bezaubernd, atemberaubend und aufregend, eine alte Bekannte, eine gute Freundin, die grosse Liebe und wegen all dem leider unerreichbar. Und gerade sie musste sich Daniel für sein erstes Mal aussuchen. Vor mittlerweile fast vier Jahren. Und Sie weiss es immer noch nicht.
Kurzkommentar
Benjamin Quabeck muß sich angesichts mancher Storyelemente in seinem Debüt "Nichts bereuen" sicherlich den Vorwurf gefallen lassen, vielleicht schon zu sehr auf der Independent-Schiene zu fahren, aber nichtsdestotrotz bleibt sein leidenschaftliches Porträt eines heranwachsenden Abiturienten in Sachen Stimmung, emotionaler Dichte und inszenatorisch-schöner Komposition ein bemerkenswertes Stück junges, deutsches Kino.
Kritik
Wie Kollege Flemming schon oft festgestellt hat, sind bis auf wenige Ausnahmen Regiedebüts neuer, deutscher Regisseure -gerade in den letzten zwei bis drei Jahren- oft besonders gelungen. Als Beispiele seien nur einmal "Vergiss Amerika" von Vanessa Jopp, "Absolute Giganten" von Sebastian Schipper, "Bang Boom Bang" von Peter Thorwarth oder auch "Die innere Sicherheit" von Christian Petzold genannt. Umso erstaunlicher, dass die deutsche Kinolandschaft immer noch so einen schlechten und publikumsarmen Ruf genießt. Man bedenke außerdem, dass es außer den Regiedebüts ebenfalls noch die Arbeiten von Tom Tykwer ("Lola rennt"), Roland Suso-Richter ("Nichts als die Wahrheit"), Fatih Akin ("Im Juli") und Oliver Hirschbiegel ("Das Experiment") gab. Trotzdem ist es in deutschen Sneaks jedesmal bemerkenswert, wenn das Publikum schon bei einer Einblendung der Art "gefördert von der Filmstiftung NRW" ins ungläubige Grölen verfällt. Deutsche Filme sind scheiße, egal wer sie gemacht. Dass dabei gerade das Filmemachen außerhalb der riesigen Hollywoodbudgets seinen Reiz hat, scheint den wenigsten klar zu sein.

Zugegeben: "Nichts bereuen" macht es dem Kinopublikum in den ersten Minuten nicht gerade leicht, die Vorurteile bzgl. deutscher Kleinproduktionen abzulegen. Wieder mal scheint es um die ziel- und perspektivenlose Jugend zu gehen, wieder mal muß eine Sexszene herhalten, um den Abstand von prüden amerikanischen Produktionen unverzüglich zu konstatieren. Aber der potentielle Zuschauer sei beruhigt: die amateurhaften und inszenatorisch wohl etwas missglückten, ersten fünf Minuten vergisst man schnell, denn obwohl "Nichts bereuen" im Laufe seiner knapp 100 Minuten noch desöfteren etwas treffunsicher und plakativ vorgeht, ist er doch ein leidenschaftlicher, im positiven Sinne teils radikaler Ausschnitt aus dem Erwachsenwerden eines 19-jährigen Abiturienten. Es gibt dabei sicherlich vieles, woran man sich stören könnte: manche Reaktionen Daniels scheinen unglaubwürdig extrem und abermals plakativ. Dass er sich für Luca in der Kirche ans Kreuz hängt, seine Beziehung zur Krankenschwester Anna, die er mal eben vor dem Schaffner in der Schwebebahn befriedigt, oder auch die übliche Kifferszene, die wohl in jedes Jugenddrama gehört.

Doch die mehr oder weniger großen Ungereimtheiten vermiesen bei weitem nicht das runde Gesamtbild, das "Nichts bereuen" letztlich darstellt. Trotz Daniels erwähnter Aktionen, bleibt er dem Zuschauer sympathisch und seine Verzweiflung, pubertär total unterwickelt zu sein, immer nachvollziehbar. Hinzukommen einige schöne Monologe, die sich direkt an den Zuschauer richten, ein paar wirklich witzige Einlagen (in der Disco: "Ich liebe Dich, Luca" - "Ah, ich glaub, der ist draußen kotzen") und nicht zuletzt die magischen Momente mit den hilflosen Senioren und seinem apathischen, eigenen Vater, die die Zerrissenheit von Daniel nicht effektiver aufzeigen könnten.

Dazu die tolle von Lee Buddah produzierte Musik, die von Benjamin Quabeck durch einige Tonspielereien und experimenteller Schnittechnik erreichten Stimmungen - das hat mir ebenso gefallen wie die klasse Darsteller. Dass in Daniel Brühl aus dem seichten "Schule" soviel Potential steckt, hatte ich nicht für möglich gehalten. Die Wandlung Daniels vom unbeachteten Abiturienten zum rücksichts- und ziellosen, letztendlich aber nachdenklichen und reifen Erwachsenen verkörpert er mit der richtigen Hingabe. Und allen Skeptikern bzgl. Viva-Moderatorin Jessica Schwartz, deren Stimme tatsächlich immer so klingt, als hätte sie die Nacht durchgezecht, sei gesagt, dass sie die Rolle der letztlich naiven, ewig gutgelaunten Partyröhre Luca zur vollsten Zufriedenheit erfüllt. Letztendlich war es auch nur eine Nebenrolle und Marie-Lou Sellems Präsenz als Krankenschwester Anna bleibt viel bemerkenswerter - innerhalb des Filmkontextes bildet sie so ziemlich den perfekten Gegenpart zu Daniel.

Viel wichtiger scheint aber noch die Konstruktion von "Nichts bereuen" als ausschnitthafter Rahmen aus Daniels Leben. Regisseur Benjamin Quabeck, dessen semi-autobiographisches Buch die Vorlage für das Drehbuch war, präsentiert uns nichts anderes als das und trotz des vermeintlich offenen Endes kann der Film als abgeschlossen gelten: das Erwachsenwerden ist vollzogen. Und dabei geht es nicht darum, wann man erwachsen wird, sondern wie. Es gibt keine Anleitung dazu, es gibt keine bestmögliche Variante. Wichtig ist vor allem, es selbst in die Hand zu nehmen.

Dass man als intensiver Kinogänger vom Hollywoodeinerlei mit seiner Edeloptik schnell gelangweilt wird und man zu Independent-Produktionen schneller Zugang findet, ist sicherlich eine natürliche, cineastische Entwicklung. Aber hört auf mich, dort draußen in der digitalen Leserschaft: es gibt definitiv noch andere, deutsche Regisseure, die nicht Joseph Vilsmaier oder Rainer Kaufmann heißen.

Nicht immer treffsicheres, aber leidenschaftliches Jugendporträt


Thomas Schlömer