Tigerland

100min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Joel Schumacher
B:Ross Klavan, Michale McGruther
D:Colin Farrell,
Matthew Davis,
Clifton Collins Jr.,
Tom Guiry
L:IMDb
„Die Leute sagen: wenn Du nicht nach Vietnam willst, dann bete ... oder sprich mit Private Roland Bozz.”
Inhalt
Amerika 1971, der Vietnamkrieg spaltet die Nation. In Fort Polk, Louisiana, werden weiter junge Rekruten für den Einsatz in Südostasien ausgebildet. Als realistische Simulation des Dschungelkriegs dient eine undurchdringliche Wildnis namens Tigerland. Jeder muß für sich mit den Anforderungen zurecht kommen, aber für Aufruhr sorgt Roland Bozz (Colin Farrell). Er missachtet die sadistischen Befehle seiner Vorgesetzten und unterwandert mit seinen pazifistischen Reden die Moral der ganzen Kompanie. In der letzten Phase der Ausbildung, in der Hölle von Tigerland, kommt es zu einer tödlichen Kontrontation.
Kurzkommentar
Es geschehen noch Zeichen und Wunder: nie hätte ich geglaubt, daß Joel Schumacher ("8mm", "Makellos", Batman 3&4) jemals einen richtig guten Film drehen würde, aber "Tigerland" ist Schumachers bester Film seit "Falling Down" - und noch einiges besser. Getragen von tollen Darstellern weiß der Film auf seine Art zu fesseln und tröstet über den Mangel an neuen Elementen problemlos hinweg.
Kritik
Es gibt schlechte Regisseure und es gibt gute Regisseure. Dann gibt es schlechte Regisseure, die trotzdem einen guten Film abliefern und gute Regisseure, die ab und an mal ins Klo greifen. Joel Schumacher hatte ich bislang immer der ersten Kategorie zugeordnet - sowohl "Flatliners", "Der Klient", "Batman Forever", "Batman & Robin" und "Falling Down" als auch "8mm" und "Makellos" hatte alle viel mehr Potential, als Schumacher letztendlich verwirklicht hat und es gibt keinen Film, über den man sich mehr aufregen kann, als einer, der sein Potential verschenkt. Wenn es eine Regisseurs-Rangliste gäbe: Schumacher stünde ohne Problem auf dem letzten Platz. Glücklicherweise kam Schumacher dann zur Vernunft: in einem Interview mit der "New York Daily" im September 2000 gab er an, sich nach dem Dreh von "Batman & Robin" (1997) verloren gefühlt zu haben; das Box- Office Ergebnis wäre wichtiger geworden als der Film und mit seinem nächsten Projekt "Tigerland" wolle er Hollywoods Methoden endgültig den Rücken zukehren.

Respekt, Mr. Schumacher, denn das Ergebnis ist nicht nur überaus gelungen, sondern sein Versprechen hat er vollkommen eingehalten. Mit Handkamera und ohne künstliches Licht eifert Schumacher mit "Tigerland" dem Dogma-Stil nach - und gewinnt. Obwohl man sich zurecht fragen darf, ob der Handkamera- Stil denn unbedingt nötig gewesen wäre und der Gewinn an Authenzität nicht vielleicht überbewertet wird, so muß man doch zugeben, daß sich "Tigerland" wirklichkeitsgetreu anfühlt und nur selten mit starkem Bildgewackel nervt. Der Ansatz des Films ist dabei allerdings kein wirklich neuer: auch Kubricks "Full Metal Jacket" machte sich damals die Ausbildung der Soldaten vor ihrem Vietnameinsatz zum Thema, ging aber in der zweiten Hälfte eben auch auf den eigentlichen Einsatz in Südostasien ein. "Tigerland" hingegen dreht sich nur um den Militärdrill vor der fast immer tödlichen Versetzung ins asiatische Kriegsgebiet. Daß Schumacher dabei die Absurdität und unmenschliche Härte der Soldatenausbildung anprangert, bietet angesichts so zahlreicher anderer Militärdramen wenig Spielraum für neue Aspekte, aber das ist nicht wirklich schlimm. Genaugenommen aus zwei Gründen: erstens, die Methoden, die fraglos in manchen Kasernen an der Tagesordnung waren, schockieren auf die ein oder andere Weise noch immer und zweitens, die üblichen Charaktere (vom Loser bis zum mental vollkommen Labilen) werden durch die erstklassigen Darsteller höchst beeindruckend verkörpert. Colin Farrell bringt weit mehr Facetten als einen bloß aufmüpfigen Soldaten zum Vorschein und mimt die Zerrissenheit zwischen Nächstenliebe und Egoismus nahezu perfekt. Unterstützt wird er dann von den ebenso talentierten Jungdarstellern Matthew Davis (demnächst in "Pearl Harbor"), Clifton Collins Jr. (Frankie Flowers in "Traffic"), Tom Guiry und Shea Whigham als Wilson.

Was man "Tigerland" vorwerfen könnte (wie beinahe jedem Kriegsfilm), wäre wiederum, daß er durch das Leiden der Soldaten den Zuschauer unterhalten will. Schumacher aber umgeht dieses Problem dank des guten Drehbuchs von Ross Klavan (der das Skript ausgehend von persönlichen Erfahrungen verfasst hat), indem er während des Films und vor allem am Ende hervorhebt, was eigentlich wirklich im Leben zählt: Freundschaft. Keine Aufzeichnungen über das Leben in der Kaserne, die einen zum nächsten Hemingway machen könnte, was Bozz' letzte Aktion am Ende hervorheben soll. Nur das Gemeinschaftsgefühl, das alle Männer verbindet, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Und das bringt Schumacher grandios rüber. Denn wie es in der Armee so ist, liegen Freud und Leid furchtbar eng beiander.

Starkes Plädoyer an Freundschaft und Zusammenhalt, wenn auch ohne neue Akzente


Thomas Schlömer