Tiger & Dragon
(Wo hu cang long)

USA / China, 120min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Ang Lee
B:Du Lu Wang,Hui Ling Wang, James Schamus, Kuo Jung Tsai
D:Chow Yun Fat,
Michelle Yeoh,
Zhang Zi Yi,
Zeng Li Fa
L:IMDb
„Genug geflogen!”
Inhalt
Zwei wundersame Liebesgeschichten werden geschickt verknüpft: Da gibt es zum einen den Martial-Arts-Künstler Li Mu Bai (Yun-Fat Chow) und seine ebenso in der Kampfkunst versierte Freundin Yu Shu Lien (Michelle Yeoh). Sie verbindet eine unglückliche, heimliche Liebe. Yu Shu Lien war einst verlobt mit einem Waffenbruder von Li Mu Bai. Dieser kam in einem Kampf um, in dem er sein Leben für Li gab. Eine Verbindung zwischen Yu Shu Lien und Li Mu Bai würde das Andenken des Toten entehren ... Zum anderen gibt es die schöne junge Gouverneurstochter Jen (Ziyi Zhang), die sich von den Zwängen der Tradition befreien will und vom Gian Hu, dem freien Leben der Martial-Arts- Kämpfer, träumt. Als maskierter Dieb stellt sie nachts ihr kämpferisches Talent unter Beweis. Ihre Eltern haben bereits eine standesgemäße Ehe arrangiert, aber Jen liebt Lo (Chen Chang), einen verwegenen Banditenanführer. Die Hochzeit platzt und Jen verschwindet, und mit ihr das sagenumwobene grüne Schwert der Unterwelt.
Kurzkommentar
Die als höchste (Tanz)kunst choreographierten Martial Arts-Szenen sind bahnbrechend wie übertrieben und machen "Tiger and Dragon" zusammen mit der Photographie zu einem Muss. Ang Lees stilsicherer Traum von China scheitert jedoch im Versuch der ausgewogenen Genrevermittlung, weil die Kampfliturgie von einer hölzern konstruierten Pseudoepik unterbrochen wird.
Kritik
Alles, was Ang Lee, der 1954 in Taiwan geborene Regisseur, bisher anging, wurde von der Kritik mit Segen überschüttet, auch wenn sein letzter Film "Ride with the Devil", ein relativer Flop beim Publikum war. Zweifelsohne ist Lee einer der präzisesten Beobachter und vor allem wandlungsfähigsten Filmemacher, der annähernd jedes Sujet vollkommen ausreizt. So unterschiedlichen Kulturbereichen wie dem europäischen und asiatischen nähert sich Lee mit der gleichen, fast analytischen Weise, die sich doch immer bescheiden zeigt.

Bereits zweimal erhielt der in den USA lebende Regisseur den "Goldenen Bären" in Berlin: Für das "Hochzeitsbankett" 1994 und schon ein Jahr später für die ihm den Durchbruch verschaffende Jane Austen-Adaption "Sinn und Sinnlichkeit". 1996 gelang ihm mit dem "Eissturm" - Sigourney Weaver und Kevin Kline in den Hauptrollen - ein weiterer großer Wurf im Aufgriff eines ziemlich amerikanischen Themas, dem der erkalteten, bürgerlichen Provinzexistenz in den 70er Jahren. Mit seinem spezifischen Blick gelang Lee, nach dessen Meinung für die Kreativität nichts tödlicher sei, als sich zu wiederholen, ein außergewöhnlicher Kommentar zum Thema Famile. Es sind also eher die kritischen und zuweilen schweren Stoffe, die sich Lee normalerweise vorknöpft und so ist es nur verständlich, dass auch er sich trotz aller Zurückhaltung mal endlich einen leichtgängigen Kindheitstraum erfüllen will. Und der muss als Abgesang und Liebeserklärung so richtig schwerelos sein.

Klar ist, dass "Tiger and Dragon" im hiesigen Kulturkreis gänzlich anders aufgenommen wird als in China oder Taiwan, wo noch bis Ende der 80er Jahre das asiatische Pendant zur Westernromantik, der Kung-Fu-Eastern als typischer Männerfilm vom Fließband lief. Die Martial-Arts-Streifen, heute dazu verdammt im Nachprogramm dubioser Sender in Vergessenheit zu geraten, entwickelten eine eigene, die Gesetze der Schwerkraft ignorierende Ästhetik und wiesen überwiegend eine konfuse Geschichte auf, die aber meist nur als Pausenfüller bis zum nächsten Gedresche diente. Lee wuchs mit den schnell in die B-Movie Ecke gewanderten, wilden Streifen auf. Wie der Western starb dann auch der energetische Eastern aus Hongkong, in letzter Zeit allerdings spätestens seit den Actionszenen der maßstabssetzenden "Matrix" wiederentdeckt.

Dem Objekt seiner Begierde nähert sich Lee nun mit den Drehbuchkonventionen Hollywoods und dem ästhetischen Anspruch des toten Genres. Dass das Ergebnis anders, im Sinne des Wortes abgehoben und zeitweise wie eine Karikatur seiner selbst aussieht, liegt an Lees Idee, die Erdanziehung für die Martial-Arts-Kämpfer doch am besten ganz auszuschalten. Ohne groß Anlauf zu holen fliegen die leichtfüßigen Prügler wie Marionetten durch die Szenerie, laufen Wände hoch und dürften selbst bei eingefleischten Eastern- und Videospielfans für ungläubige Komik sorgen. Das ist die eine Seite, aber realistische Maßstäbe sind in diesem Märchen der vornehmlich starken Frauen natürlich fehlplatziert. Die von rhytmischer, perfekt eingesetzter Musik untermalte erste Kampfsequenz ist denn auch schlichtweg atemberaubend, elegant und gehört sicherlich zum besten, was bisher über die Leinwand flimmerte. Kein Wunder, verlässt sich Lee doch auf Yuen Woping auf den Choerographen der "Matrix".

Damit sind in den ersten Minuten des Films die Erwartungen hoch gesteckt, aber da der anspruchsvolle Lee die Figuren nicht an die Anneinanderreihung von Prügelakrobatik billig verkaufen will, muss ja noch das Erzählelement her. Und da liegt der Knackpunkt. Der über den Film ausgeschüttete, fast einmütige Jubelkanon legt die Erwartung eines regelrechten Großepos nahe, voll von Exotik, Mystik, Liebe, großen Helden und Schurken. Diese kriegen die Hucke voll, jene die Sympathie des Publikums verdient. Aber weder vermag die szenische Folge Lees - die teils B-Movie-würdige Synchronisation mag dazu beitragen - Identifikationswerte zu schaffen, noch gelingt es, was wesentlich gewichtiger wirkt, der schrecklich banal-ramschigen Geschichte um Verrat, Verantwortung und natürlich Liebe wirkliches Leben einzuhauchen. Dass sie konstruiert und verkürzt wirkt und nicht interessiert, liegt ja am eigenen Genre, das nach dem fulminanten Prügelauftakt eben mehr Lust auf Kung-Fu als auf schematisch heruntergeleierte Minimaldialoge und unfreiwillig komische Alltagsphilosophie macht.

Aber dann naht ja das nächste Kampfspektakel und Chow Yun-Fats eingefrorene Miene ist ebenso vergessen wie der oberflächlich verhandelte Konflikt von Freiheit und Tradition. Einfühlsam begeistert allerdings Michelle Yeoh. Strahlende Helden und dunkle Schurken gibt es hier trotzdem nicht, von innerem Kampf tritt wenig nach außen und der sonst so gewaltige Obermotz ist bloß eine alte Vettel, die beim bodenlosen Theatertod sogar noch Mitleid schürt. Nein, ein nachhaltig breit angelegter Entwurf ist "Tiger and Dragon" trotz seiner verführerischen Exotik nicht, der Plot wirkt legitimerend aufgestülpt, zuweilen haarsträubend hölzern und die Action ist zu dünn gesäht. Den tänzerischen Kampf in den wehenden Bambuskronen muss man gesehen haben, verzichtbar ist die angeblich taoistische Philosophie des Films, derzufolge durch innere Konzentration Kraft, Macht und Weisheit erreichbar sind. Von letzterer sieht man sich hier selten beglückt, die chinesische Exotik wird nur auf Postkartenniveau reflektiert. Emotionale Intensität liegt zwar hinter der Oberfläche, verhindert aber nicht den lachhaft salbungsvollen Opfertod voller Hingabe. Das ist Romantik. Dieser Eindruck ist nun nicht in kulturellem Unverständnis, sondern in der Kinountauglichkeit etlicher Handlungsmomente begründet. Lee hat seiner leichtlebigen Nostalgienummer keine bemerkenswerte Seele gegeben; der wunderschön mystische, fast metaphysische Anspruch, den er hätte herausarbeiten können, äußert sich allein in der bedeutungskräftigen Schlussszene. Erst diese zeugt vom Geheimnis, von dem die vergangenen, prospektartig fotografierten zwei Stunden nicht umgeben waren.

Leicht unglücklicher Spagat zwischen Erzählkunst und Eastern


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Der Versuch, die momentan sehr schicken Trends zu Computer-verbesserten Kampfsequenzen und asiatischem Kampfstil noch weiter zu steigern, geht gründlich daneben. Neben der rudimentären Story wirken die extrem künstlich aussehenden Kampfszenen nur noch lächerlich - dabei wäre Potential vorhanden gewesen....