Beach, The

USA, 119min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Danny Boyle
B:Alex Garland (Buch),,John Hodge
D:Leonardo DiCaprio,
Virginie Ledoyen,
Guillaume Canet,
Tilda Swinton
„Das ist genau der Schwachsinn, den Amerikaner reden, wenn sie Sex wollen”
Inhalt
Der junge Richard ist auf dem Aussteigertrip. In Thailand erfährt er von einem geheimnisvollen Strand, der das absolute Paradies sein soll. Kurzentschlossen macht er sich mit zwei neuen Freunden anhand einer Karte auf die Suche, und tatsächlich findet er das Paradies auch. Doch schon bald treten die ersten Probleme auf...
Kurzkommentar
Mit einigen surrealistischen Momenten bildet Danny Boyle den nie endenden Kollektivtraum der Menschheit ab: die Wiedergewinnung des paradiesischen Urzustandes. Die Literaturadaption zeichnet eine vielschichtige und polarisierende Darstellung ebenso aus, wie die formale Umsetzung.
Kritik
Das utopische Denken, der immerwährende Traum des Menschen von einem besseren Leben, ist wahrscheinlich so alt wie der Mensch selbst. Und da gibt es nach der Literatur immer wieder diese Filme, die menschliche Grundbefindlichkeit im zersetzenden Prozess der sogenannten Moderne verarbeiten, indem sie einen anarchistisch gelebten Gegenentwurf von "Realität" proklamieren. Danny Boyles "The Beach" ist einer davon. Schon bevor sich Tyler Durden im "Fight Club" durch Gewalt an den Anfang der verheerenden Zivilisation zurückprügeln, also durch Schmerz zurück zur Unmittelbarkeit der Existenz wollte, war die Erkenntnis, dass wissenschaftlich-technischer und ethisch-moralischer Fortschritt sich stetig weiter voneinander entfernen irgendwo eine banale.

"The Beach" setzt in seiner Adaption eines Aussteigerbuches genau da an, wo die anarchistisch-ökologischen Utopien des ausgehenden 19. Jahrhunderts begonnen haben: bei der Sehnsucht nach einer herrschaftsfreien, identitätsstiftenden Gemeinschaft in einem sorgsam gepflegten, paradiesgleichen Ökosystem. Der Film überträgt somit utopisches Denken (keinen utopischen Systementwurf) auf den vornehmlich jungen, fatalistischen Menschen des anbrechenden 21. Jahrhunderts, dreht sich um unreflektierte Konsumgeilheit und - wie Wolfgang schreibt - um die Ausbildung von Egoismen, um das Zurückziehen des Menschen in sich selbst als logischen Reflex auf eine hochtechnisierte, aber abgestorbene Welt. Und jeder weiß, dass der Traum von der Möglichkeit der Rückkehr ins Paradies aufgrund der egoistischen Natur des Menschen schon lange ausgeträumt ist, dass Wunschbilder sich dann zu Furchtbildern verdichten, wenn sie Wirklichkeit werden. So war es mit der Technik, die sich vom Segen zum Fluch wandelte, so ist es mit den als ideal proklamierten Gemeinschaftsbildern, die demonstrieren, dass "Menschen" und "Perfektion" letztendlich einen nicht aufzulösenden Widerspruch bilden. "DIE" harmonische Solidaritätsgemeinschaft, frei von allen menschlichen Unzulänglichkeiten, wird ein Traum bleiben. Eine Utopie ist genau dann keine Utopie mehr, wenn sie zur "gelebten Realität", wenn sie Geschichte wird.

Genau diese Punkte spielt Danny Boyle schon im Titel seines Filmes anhand einer "Kollektivmetapher", der des Strandes, durch. So könnte man ihm vorwerfen, dass das Thema und auch das widergespiegelte Erkenntnispotential alles andere als originell ist, man könnte sagen abgenutzt. Doch dadurch, dass Boyle das filmästhetisch aufgreift, was sich erst im utopischen Denken der "Postmoderne" abzeichnete, nämlich die Einsicht, dass ein perfektionierter Endzustand der Geschichte nicht möglich ist, wird "The Beach" aus zwei Gründen interessant: zum einen, weil Boyle durch seine vielschichtige Darstellung den paradoxen und "selbstnegatorischen" Charakter der Paradiesgmeinschaft offen legt (kein Paradies ohne Gameboy, Hedonismus führt zur Entmenschlichung, weil sich die Robinsons der Illusion hingeben, nicht vom Schmerz der Realität eingeholt werden zu können) und zum anderen, weil Boyle das leistet, was menschliche Phantasie konstruktiv macht: Sie kann im Film sowie der Literatur Konstrukte entwerfen, die als Negativ- oder Positivfolie (bei Boyle durch Polarisierung beides) die vertraute Realität kritisch reflektieren und uns zeigen, wie die Welt, in der wir leben, sein oder nicht sein soll. Dabei dürfen sei nicht normativ, nicht als praktische Handlungsanweisung dienen, sondern als Erkenntnisinstrumente und Diskussionsangebote, die selbstreflexiv neue Orientierungsmuster denkbar machen.

Wer sich auf einen - wie Wolfgang erwähnt - nicht leichten Streifen einlassen möchte, kann durch "The Beach" zum Nachsinnen über seine eigene Position in der Welt gebracht werden. Der große Vorteil gegenüber dem eindimensional-destruktiven "Fight Club" liegt darin, dass - Achtung Spoiler - der Film damit endet, die "digitalisierte Realität" relativiert, aber eben nicht völlig demontiert zu haben. Er suggeriert treffend, dass die Welt trotz ihrer offensichtlichen Übel als eine lebenswerte erkannt wird und dass Alternativerfahrung wichtig sind, um sich und die Mechanismen der Industriegesellschaft besser zu verstehen und sie vielleicht punktuell verbessern zu können, ohne sie radikal abzulehnen. Die alltägliche Erfahrung, dass es keine perfekte Welt geben wird, dass aber das Traum von ihr und die Hoffnung die Menschen voran bringt (und das Träume Träume bleiben sollten, weil man sonst an ihnen zerbricht), gestaltet Boyle auch formal äußerst geschickt aus. So wird das konstruierte Paradies allein schon dadurch in Frage gestellt und konterkariert, dass elektronische Musik als Klangkulisse herhält. "The Beach" ist inhaltlich ambivalent - einige mögen ihn langweilig finden. Der aus dem Paradies Verstoßene kann nicht mehr zurück, aber Filme wie "The Beach" unterstreichen die Wichtigkeit des Kinos als Motor der Phantasie.

Selbstkritisches, utopisches Träumen in zeitgemäßer Verpackung


Flemming Schock
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