Nachttanke

Deutschland, 88min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Samir Nasr
L:IMDb
„Wie man in den Wald schallt, schallt es raus.”
Inhalt
Regisseur Samir Nasr beobachtete in seiner Abschlussarbeit an der Filmakademie Ludwigsburg 4 Wochen lang das Treiben an einer Ludwigshafener 24h-Tankstelle. Parallel zum Geschehen an der Tankstelle läuft die Fußballweltmeisterschaft in Frankreich 1998. Gezeigt werden die unterschiedlichsten Menschen: drei selbsbewusste Türken, rechtsradikale Skinheads, Punks, Alkoholiker, die nette Nachbarin, die immer wieder zum Spirituosentanken kommt, und jede Menge Fußballfans unterschiedlicher Nationen.
Kurzkommentar
"Nachttanke" ist ein wunderschöner Dokumentarfilm. Die unterschiedlichen Leute und die Geschichten, die sie erzählen, bieten reichlich Kurzweil und regen oft zum Schmunzeln oder Lachen an. Das bunte Gemisch an Leuten spiegelt gut die Identität der Arbeiter-Stadt wieder. Das eigentliche Anliegen, die WM quasi als umliegenden Spannungsbogen zu verwenden, ist leider etwas danebengegangen. Die Geschichten der Nachtschwärmer sind wesentlich interessanter als die eingestreuten Zeitungs- und Radio-Schnipsel.
Kritik
Regisseur Samir Nasr lässt das Leben für sich spielen, und seine Rechnung geht voll auf. In vier Wochen an einer Nachttankstelle in Ludwigshafen hat er genug Filmmaterial gesammelt für einen äußerst unterhaltsamen und charmanten Dokumentarfilm. Das Geschehen besticht durch Authenzität, die erzählten Geschichten sind teilweise dramatisch wie Filmstoff, doch sie sind wahr und aus erster Hand erzählt. Die meisten Nachtschwärmer kommen immer wieder an die Tankstelle. Nach und nach lernt man sie näher kennen, erfährt von ihren Wünschen und ihren Träumen, von ihrer dunklen Vergangenheit und ihren momentanen Sorgen. Besonders die drei jungen Türken hatten viel Interessantes zu Erzählen, besonders das Ende des Films und ihrer Geschichte regt ein wenig zum Nachdenken an.

Der Film selbst ist vollkommen unkritisch, wagt sich aus der reinen Beobachterrolle heraus, um mit geschickten Fragen etwas über die Menschen zu erfahren. Anhand des Gesagten darf sich der Zuschauer selbst ein Bild der Person machen. Politische Aussagen eines lallenden Anarchisten werden ebenso gezeigt wie stolz posierende Nazis. Zwei junge Skinheads zeigen stolz ihre "Blood & Honour"-Tätowierung, das Zeichen der rechtsradikalen Organisation, zu deren Umfeld auch 2 der Jugendlichen gehören, die im Juni diesen Jahres Molotowcocktails auf ein Asylantenheim in Ludwigshafen warfen. Die beiden machen sich aber durch verquere Aussagen ziemlich lächerlich. Ein Kommentar des Regisseurs ist eigentlich gänzlich überflüssig.

Man kann Nachttanke zwar theoretisch mangelnde Dynamik vorwerfen, würde dem Film damit aber Unrecht tun. Langeweile kommt zu keinem Punkt im Film auf, die Vielfalt der nächtlichen Besucher ist sehr unterhaltsam. Das eigentliche Thema Fußball-WM hat Nasr wohl bewusst in den Hintergrund gestellt, wer gröhlende Fußballfans sehen will, braucht doch nur abends den Fernseher einzuschalten. Vielleicht hätte Nasr ab und zu noch nicht-fussballerische Nachrichtenschlagzeilen einbauen sollen, das hätte einen noch stärkeren Bezug zum gewählten Monat entstehen lassen. Wirklich stören tut das aber nicht. Nachttanke ist ein erfrischender, bodenständiger Dokumentarfilm, dessen 88 Minuten Spieldauer wie im Fluge vergehen.

Äußerst charmanter und unterhaltsamer Dokumentarfilm aus dem und über das Leben


David Hiltscher