Zug des Lebens
(Train de vie)

NL / BL / F, 103min
R:Radu Mihaileanu
B:Radu Mihaileanu
D:Lionel Abelanski,
Rufus,
Clément Harari,
Michel Muller
L:IMDb
„Wer will Nazi sein?”
Inhalt
In Osteuropa wird 1941 ein kleines jüdisches Dorf von den vorrückenden deutschen Truppen bedroht. Während sich ratloses Entsetzen in der Kenntnis über die Deportation breit macht, hat der Dorfverrückte Shlomo (Lionel Abelanski) den bemerkenswerten Einfall, doch einen eigenen Deportationszug zu inszenieren, um so über Russland nach Palästina zu flüchten. Mordechai (Rufus) wird zum "Kommandanten" der gefälschten Wachtruppe des Zuges ausgebildet. Bis zur ersehnten Freiheit hat der Zug immer gefährlichere Etappen zu besten.
Kurzkommentar
"Zug des Lebens" ist mutig und innovativ, weil er sich vor dem oscardotierten Begnini dachte, man könne die grauenvollen Fratze des Holocausts mit verzweifeltem Lachen bewältigen. Doch der großartige Erzählansatz verfährt sich, der Zug vermittelt auf ganzer Linie eine schwankende Mischung aus Absurdität und wenig befreiender Komik, in der nur selten Tragik spürbar wird. So fährt er schleichend einem natürlich katharsislosen Ziel zu.
Kritik
Roberto Begnini strich 1997 für seine Holcaustkomödie "Das Leben ist schön" überschwengliches Lob ein, das mit drei Oscars, sogar mit dem für den besten Film, gekrönt wurde. Viele werden darüber glücklich gewesen sein, dass das fassungslose Schweigen über eines der größten Verbrechen, das Menschen an Menschen verübten, gebrochen und durch einen unerwartet mutigen Zugang "verarbeitet" wurde. Gleichzeitig hagelte es jedoch auch verständliche, scharfe Kritik. Wieso sollte ausgerechnet ein Komiker, der suggerieren könnte, es sein alles nur ein alptraumhaftes Spiel, das thematisieren, was eigentlich unaussprechbar und vor allem nicht im Film darstellbar schien? In den Augen der überlebenden Holocaustopfer hätte womöglich schon ein dramatisches Schaustück den protesthaften Vorwurf der Trivialisierung provoziert - aber eine Komödie?

Verharmlost sie die Shoah nicht schamlos und beschmutzt die Erinnerungen an die Toten, indem sie durch entsetztes Lachen vor dem Grauen in die Phantasie flüchtet? Mit diesen Fragen wird sich auch der nach nach Frankreich emigrierte rumänische Jude Radu Mihaileanu auseinandergesetzt haben müssen. Da die Idee zu seinem Film vor Begninis Variante und auch vor "Jakob der Lügner" gedreht und entwickelt wurde, ist die Frage interessant, wer vom wem inspiriert wurde. Ungeachtet der eventuellen Fragwürdigkeit sind beide Einfälle brillant. Konstruiert Begnini die Annahme von einem Vater, der seinem Sohn einredet, die KZ-Realität sei bloß ein Spiel, so lässt Mihaileanu seine tragischen Helden in einem gefälschten Deportationszug der Hoffnung auf Leben entgegenfahren. Und da Filme, die den eben vermeintlich nicht zu thematisierenden Holocaust zum Thema erheben, ausgesprochen mutig sind, müssen sie belohnt werden.

Auf diversen Festivals wurde der gut gemeinte "Zug des Lebens" denn auch mit (obligatorischen?) Preisen bedacht. Bei genauerem Hinsehen fragt sich jedoch, was hier so ausgesprochen kunstfertig ist. Wir haben einen poetischen Titel - und? Im wesentlichen handelt Mihaleanus Film nicht über den Holocaust, denn dieser scheint weit weg. Die Angst der "Selbstdeportierten" wurde bei Abfahrt wohl im Dorf vergessen, ihre Lebendigkeit, ihr Hoffen und Bangen hat der programmatische Titel verschluckt. Aus dem "Zug des Lebens" ist kein schlechter Film geworden, aber ein überschätzter. Das Potential der originellen Idee wurde im Zug der Zaghaftigkeit verschenkt. Entweder Komödie oder Tragödie, aber bitte nicht beides in achselzuckender Synthese.

Sicher, der Humor muss subtiler Natur sein, damit niemand verletzt wird, sich aber über die Darstellung der Nazis als tölpelhafte Einzeller zu amüsieren, ist dummer Klamauk. Dennoch hat der Humor einige Höhepunkte, z.B. als der als Nazi getarnte Mordechai (Rufus) einem SS-Schergen improvisierend erläutert, er würde in seinem Zug kommunistische Juden transportieren und dadurch eben effizienter arbeiten, weil Juden und Kommunisten nicht getrennt deportiert werden müssten und er so einen Zug spare. Dass sich in den Waggons eine kommunistische Partei konsolidiert, die "materialistischen" Atheismus etablieren will, ist herrlich absurd, wird aber wieder nicht genügend gesteigert. Sonstige Konflikte, die sich auf engstem Raum entwickeln, werden einfach unterschlagen.

Die Ratlosigkeit des Drehbuchs schlägt sich streckenweise auch in den wenig gewitzten Dialogen nieder. Die beschworene Originalität des jiddischen Humors beschränkt sich auf wirklich wenige Szenen ("Denkst du, dass Jiddische sei eine Parodie des Deutschen? - Haben die deswegen den Krieg begonnen?"), wohingegen das Tragische selten durch das aufgesetzt humoristische Schutzschild dringt. Allein in Mordechai wird sie spürbar, die anderen Figuren sind eher hölzern geschnitzt und wecken wenig Anteilnahme. Der langsam fahrende Zug reflektiert somit die lahme, von tragikomischer Verknüpfung wenig verstehende Narration. Sie ist leichtfüßig, aber ebenso leicht zu vergessen.

Dass es vermessen wäre, dem Holocaust mit einer Katharsis zu begegnen, ist so einleuchtend wie die Tatsache, dass die groteske Fahrt durch russischen Bombenhagel nicht der Weg in die Freiheit und das Finis des Märchens ist. Die Auflösung im letzten Bild hinterlässt einen Film, der zwar einen mutigen und beachtenswerten Schritt darstellt, aber kein unbeschwertes Lachen noch Weinen bot. Seine Wirkung bleibt demnach marginal.

Antriebslahmer Zug verschenkt glänzenden Ansatz


Flemming Schock