Nachtgestalten

Deutschland, 90min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Andreas Dresen
B:Andreas Dresen
D:Michael Gwisdek,
Dominique Horwitz,
Myriam Abbas,
Susanne Bormann
L:IMDb
Inhalt
3 Geschichten: Hanna und Victor, die auf der Suche nach einem Hotelzimmer für Nacht sind, Peschke der auf der Suche nach Feliz' Zuhause ist, und Jochen, der auf der Suche nach einer schönen Nacht ist und Patty findet. Episodenfilm, der im regnerisch-trüben Berlin spielt.
Kritik
Relativ trist kommt Andreas Dresens Werk "Nachtgestalten" daher: 3 Pärchen, die im neonbeleuchteten, regnerischen, maroden Berlin auf der Suche nach etwas sind. Man mag die Konstellation für klischeehaft halten, aber andererseits ist sie irgendwie auch prototypisch: Denn in Wirklichkeit suchen die Personen nicht Wohnung, Begleitung und Sex und geraten dabei in verschiedenen Verwicklungen, nein, etwas raffinierter ist der Film dann doch:

Die beste Episode ist zweifellos die von Peschke&Feliz. Der gealterte Geschäftsmann Peschke muss statt der erwartetetn, wichtigen Geschäftspartnerin einen kleinen Jungen aus Angola nach Hause bringen, wo auch immer das ist. Und so irrt er mit Feliz, der natürlich kein Wort Deutsch spricht, durch Berlin, und muss allerlei Missgeschicke erleiden. Die eigentliche Bedeutung kommt dabei Dr. Schneider zu, Peschkes jungem Chef, auf den er sich immer, mitunter fluchend, beruft. Peschke steht sinnbildlich für den Geschäftsmann alter Garde, der nicht mehr ganz mit der modernen, harten Zeit mitkommt. Diese Idee ist zwar nicht ganz neu, aber hervorragend umgesetzt von einem tollen Michael Gwisdek, der für diese Rolle zurecht den Silbernen Bären von Berlin bekommen hat. Das Spiel zwischen dem stummen Feliz und dem ständig redenden Peschke ist einfach wunderbar. Und doch bleibt Peschke, der nach einer Art Menschlichkeit sucht, am Ende leider erfolglos...

Victor, einer von vielen Obdachlosen, will mit seiner Freundin Hanna, die zufällig an 100 DM gekommen ist, eine schöne Nacht verbringen: Im Hotel, mit Badewanne und Frühstück. Und so begeben sich die beiden zuerst auf die Suche nach einem Taxi, dann nach einem Hotel. Doch besonders Hannas Wutausbrüche und Überreaktionen verhindern das kleine Glück. Auch hier steckt wohl mehr dahinter: Victor sucht nach Ruhe und Geborgenheit, will auch mit Hanna ein Kind grossziehen (worüber es mal wieder zum herben Streit kommt, den Hanna will mitnichten), und Hanna sucht Achtung und Respekt, weshalb sie sich auch mit jedem anlegt, dessen Bemerkungen sie als Provokation empfindet. Und so bleiben Hanna und Victor erfolglos, denn weder finden sie auf emotionaler Ebene zueinander, noch dürfen sie eine ruhige Nacht im Hotel geniessen.

Jochen, ein richtiges Landei, will zuerst nur schnellen Sex erleben, merkt aber, nachdem er die junge Nutte Patty für die ganze Nachte angeheuert hat, das er eigentlich viel eher auf der Suche nach Liebe ist, und versucht Patty zu helfen. Gemeinsam ziehen sie durch Berlins Nachtleben, wobei sich Patty in der von Jochen bevorzugten gediegenen Atmosspähre unwohl fühlt, und umgekehrt. Und obwohl sie sich nächer kommen, bleiben beide erfolglos, denn Patty bestiehlt Jochen um ihre Drogensucht zu finanzieren und schlägt sein Hilfsangebot aus.

Diese kurze Beschreibung erfasst längst nicht alle Aspekte, in vielen Dingen bleibt "Nachtgestalten" auch etwas dunkel, unterschiedliche Interpretationen wären zulässig. Zugunsten des Filmes könnte man das als Vielschichtigkeit und nächtliche Gräue jenseits von schwarz und weiss auslegen, zuungunsten als Unsicherheit. Allemal, "Nachtgestalten" bietet weit mehr als man es vom deutschen Film im allgemeinen gewohnt ist. Die Storys sind trist und eigenwillig, und sicher nicht jedermanns Geschmack. Aber wer sich auf den Film einlässt, erlebt nicht nur durchweg solides und mit Gwisdek sogar excellentes Spiel, sondern auch Anregungen, Ideen und Bilder jenseits von Hollywood.

Düster-ungewöhnlich-unkonventioneller Episodenfilm


Wolfgang Huang