Ghost Dog

USA / Frankreich / Deutschland / Japan, 119min
R:Jim Jarmusch
B:Jim Jarmusch
D:Forest Whitaker,
John Tormey,
Cliff Gorman
L:IMDb
„Dinge von großer Wichtigkeit sollten leicht, unwichtige Dinge ernst genommen werden.”
Inhalt
Ghost Dog (Forest Whitaker) lebt über der Welt, unter Tauben, in einer Hütte auf dem Dach eines verlassenen Gebäudes. Er ist ein professioneller Killer, der im Dunkel der Nacht verschwinden und sich unbemerkt durch die Stadt bewegen kann. Sein Leitfaden ist ein alter Verhaltenscodex der Samurai. Als Ghost Dogs Maximen von der verstörten Mafiasippe, die ihn gelegentlich beschäftigt, sträflich missachtet werden, reagiert er strikt im Einklang mit dem Weg des Samurai.
Kurzkommentar
Independent-Ikone Jim Jarmusch bastelt aus Versatzstücken von japanischer Samuraiphilosophie, Killerportraitierung und Gangstarap-Akustik eine recht bizarre Formsynthese. Mit nicht eingelöstem spirituellen Anspruch und einer unsäglich banalen Handlung ist der Film auf inhaltlicher Ebene verzichtbar. Als selbstgefälliges, visuelles Stilexperiment ist er aber bemerkenswert.
Kritik
Jim Jarmusch ('Mystery Train', 'Dead Man') ist einer der letzten konsequenten Independent-Regisseure des sonst innovationsarmen US-Kinos. Seit zwanzig Jahren ist er seiner rahmensprengenden Eigenart treu und bekräftigt sie mit 'Ghost Dog' erneut, einem Film, der sich um Genrekonventionen wenig kümmert. Vielmehr vermengt er Charakterstudie mit altbackenem Thrillerplot und lässt merkwürdigen philosophischen Überbau mit einer Sozialbetrachtung verschmelzen.

'Ghost Dog' scheint sich durch Synthese gerade einer Formbestimmung zu entziehen und wirkt vor allem als kunstvoll optisches Konstrukt, dem wenig an Spannung gelegen ist. Die Erzähltechnik ist denn auch eine reflexive, die Figur des 'Ghost Dog' ausgedehnt fixierend. Jarmusch fängt die Szenerie der dekadenten amerikanischen Großstadt in wirkungsvollen Bildern ein - eine traurige Kulisse, die nicht dem Wesen, aber dem Blick von Forrest Whitaker zu entsprechen scheint. Melancholisch-bedröppelt schlurft der etwas grobschlächtig wirkende 'Gangsta-Samurai' durch die vom italienischen Mob beherrschten Bezirke. Dem Zuschauer wummern dazu ständig harte Ghetto-Raps entgegen.

Vielleicht wollte Jarmusch bei der Charaktertypisierung jener Mafiosis ironisch überspitzt wirken, herausgekommen sind aber bloß blöde Abziehbilder mit protzigen Ringen und fetten Zigarren. Doch nicht nur das Äußere, auch die Dialoge wollen Mafiaklischee- und Kodex persiflieren, sind aber alles andere als witzig. Weiteres ist ebenso abgenutzt oder phrasenhaft. Sicher, schnell merkt man, dass es Jarmusch nicht auf dieser Ebene hält, aber wo will er hin? Nun, neben Metaphern und Reflexionen über alles Mögliche (Verfall der Moderne, Werteverlust, Sinnleere) dreht sich alles um Treue und Verrat, um uralte Kodexe; Mafiakodex im Geistesduell mit dem uralten der Samurai. Hinzu kommt die bildhafte Sozialbetrachtung.

Zusammengebracht wird dies weniger überzeugend, kapiert man eigentlich nicht, was der Streifen mit Rezitationen aus der Samurai-Kriegs- und Seinsphilosophie denn Erleuchtendes bringen möchte. Die eingeblendeten Textstellen begleiten die absehbare Handlung eher aufgesetzt und bezugslos. So darf man zwar Aphorismen zwischen Kriegspsychologie und Meditation lauschen, bleibt aber ziemlich unbeeindruckt.

Das fast bornierte Geschehen, eine Art philosophisches Töten mit exponiertem Kodex, scheint davon fast unberührt und auch nicht spiritueller. Womöglich liegt das auch an Forrest Whitacker, der mechanisch-trübsinnig den nachdenklicken Japanophilen mimt, dabei jedoch phasenweise unfreiwillig komisch wirkt. Mit pathetischer Geste wird die Wumme, das gehätschelte Mordinstrument, zurück ins Halfter geschwungen. Auch köstlich, wie 'Ghost Dog' in einer möchte-gern bedeutungsschwangeren Szene von einem Hund intensiv angeglotzt wird - wer denkt mehr? Alle Welt kennt den den rachegeprägten Kodex der Mafia, nun kennen wir unnötigerweise den wenig praktischen der Samurai. Fatal, wie konsequent 'Ghost Dog' seine Ergebenheit bis zum grotesken Ende überdehnt.

'Ein Samurai muss, auch nach dem ihm der Kopf abgeschlagen wurde. noch in der Lage sein, eine letzte Handlung bestimmt auszuführen' - Ah ja. Wird diese ausgeführt, fallen von Kugeln Getroffene wie Kartoffelsäcke zu Boden. Kneifen wir gegenüber dem sträflichen Haupstrang der Handlung ein Auge zu, bleibt an 'Ghost Dogs' mehrfach determinierter Figur (Taubenzüchter als Killer, lesender Killer etc.) zu kritisieren, dass er zwar charismatisch gezeichnet wird, aber insgesamt nur eine Kopie des 'lonely killer' nach der Fasson von 'Lèon' hergibt.

Das dabei Paradoxe: der Berufskiller, ursprünglich Sinnbild von Demoralisierung und Perversion, wird zum isolierten Empfindsamen, gar Weltschmerzphilosophen stilisiert, zieht Publikumssympathie und Identifikation auf seine Seite. Die anderen Figuren leiden nicht weniger unter Hüllencharakter, dafür machen die Darsteller ihre Sache solide. Retten kann sich Jarmusch unfertiges Geschmisch nur durch seine außergewöhnliche Form, Unterhaltung garantierend. Ruhe regelrechter Bildpoesie wird mit stimmiger Rapmusik und fernöstlichem Touch gekonnt verpflochten.

Merkwürdige Kreuzung von Samurai-Ethos, Rap und abgenutztem Thriller


Flemming Schock