Get Garter

USA 2000, 102min
R:Stephen Kay
B:Ted Lewis,David McKenna
D:Sylvester Stallone,
Miranda Richardson,
Rachael Leigh Cook,
Rhona Mitra
L:IMDb
„Du bist einer von den Bösen, vergiss das nicht.”
Inhalt
Nachdem sein Bruder unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, beginnt Jack Carter (Sylvester Stallone), Geldeintreiber für einen Casinoboss, Nachforschungen anzustellen. Schon bald wird ihm klar, dass sein Bruder ermordet wurde, und dass eine Menge Leute mehr wissen, als sie ihm anfangs zu sagen gewillt sind.
Kurzkommentar
Stallone verlegt sich aufs Reden. Ein Krimi im Look moderner Videoclips, mit Mickey Rourke und Rhona Mitra in Nebenrollen, und trotzdem braucht Stallone gut anderthalb Stunden bis er eine Waffe in die Hand nimmt. Der Plot ist überraschungsarm und unlogisch, doch der Film ist erstaunlicherweise nicht so langweilig, wie es klingen mag.
Kritik
Sylvester Stallone polarisiert die Leute. Die einen finden seine Filme eher dürftig und schwer zu ertragen, andere hingegen erwarten jeden neuen Stallone Kracher mit Spannung. Er hat das Action Genre nie wirklich verlassen, sein Gewaltimage hängt ihm einfach zu sehr nach. So dreht er nun bereits seit Jahren einen Actionfilm nach dem anderen, die leider größtenteils mittelmäßig waren. Am besten kam noch "Copland" an, der streckenweise etwas ruhigere Töne anschlug. Dort wurde er allerdings von einer Riege exzellenter Schauspieler unterstützt, was der Story Tiefe und Glaubwürdigkeit gab.

"Get Carter" ist jedoch ein reines Stallone-Vehikel, er hat keinen Sidekick und keinen richtigen Widersacher. Es gibt eine Menge kleinerer Rollen, aber außer Rachael Leigh Cook sieht man keinen der anderen Charaktere mehr als 10 Minuten. Diese gefällt auch durchaus, was man nicht von allen Nebendarstellern behaupten kann. Mickey Rourke darf mal wieder den Bad Guy geben, einen Zuhälter und Pornoproduzenten. Auch nicht wirklich überzeugend ist Alan Cumming als exzentrischer Jungmillionär, was aber in erster Linie am Drehbuch liegen dürfte, das seiner Rolle merkwürdige Entscheidungen diktiert. Nicht minder dämlich stellt sich auch die Prostituierte Geraldine an, gespielt von Ex-"Lara Croft" Model Rhona Mitra. Michael Caine, der in der ersten Verfilmung des Romans, 1971, die Hauptrolle spielte, ragt natürlich heraus, hat aber eine eher bescheidene Rolle. Stallone selber bietet eine ansehnliche Leistung. Man kann ihm eine gewisse Coolness nicht absprechen, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass er die ganze Zeit Anzug und Krawatte trägt.

Woran es dem Film am meisten mangelt, ist Action. Es gibt prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, wenn Stallone mal besonnenere Rollen übernehmen will, die eben nicht alle Probleme mit Fäusten und Pistolen regeln. Hier allerdings spielt er einen brutalen Geldeintreiber, der in der Eröffnungsszene einen wehrlosen Schuldner auseinandernimmt. In der Suche nach dem Mörder seines Bruders benutzt er dann nur noch selten Gewalt, und versucht sich in investigativen Gesprächen. Das Ganze erinnert streckenweise mehr an "Columbo" oder "Derrick" als das, was man normalerweise bei so einem Charakter erwarten würde, vor allem wenn er von Sylvester Stallone gespielt wird. Alle 15 Minuten etwa kommt dann mal eine Schlägerei oder eine Autoverfolgungsjagd, aber das wars dann auch schon, bis zum Showdown versteht sich. In Gewaltszenen wird meistens so geschnitten, dass man wenig Brutalität sieht, oder es wird gar vorzeitig weggeblendet. Für einen Film über Zuhälter, Mörder, Mafia und Pornoproduzenten sieht man erstaunlich wenig Sex und Gewalt. Was aber am meisten fehlt sind ein paar krachige Action Szenen als Kontrast zu Stallones Privatschnüffler Nummer. Das wird nämlich bereits nach kurzer Zeit langweilig, da Carter bis kurz vor Schluss im Dunkeln tappt, obwohl das Handlungskonstrukt ziemlich offensichtlich ist.

Also Action Fehlanzeige, Krimiteil eher mau, was bleibt? Ästhetik. Das Audiovisuelle ist die große Stärke von "Get Carter" und rettet den Film ganz klar vor einem Totalabsturz. Das Produktionsteam spielt nach Lust und Laune mit Stilelementen, die in erster Linie aus Videoclips bekannt sind. Das wird viel mit Zeitraffer/Zeitlupe gearbeitet, genau wie von Zeit zu Zeit mit schnellen Schnitten. Untermalt wird der Film größtenteils von Drum n Bass, wobei Musik und Schnitte gut aufeinander abgestimmt sind. Nur bei den Autoverfolgungsjagden wird allzu hektisch die Kameraperspektive gewechselt. "Get Carter" bietet sicher keine revolutionären, aber immerhin ansprechend routinierte Einstellungen.

Die Handlung wirkt nunmal arg unglaubwürdig, vor allem durch den Kontrast zwischen Carters ruhigem Vorgehen am Anfang und seinem rabiaten Verhalten gegen Ende. Durch wahlweise eine besser ausgearbeitete Handlung oder mehr Action wäre "Get Carter" mit Sicherheit ein empfehlenswerter Film geworden. Krimis ohne ausgeflippte Serienmörder sind fast genauso selten geworden wie altmodische Actionstreifen, man ist immer froh mal wieder neue Kost geliefert zu bekommen. Aber da sich Stallone diesmal eindeutig zwischen die Stühle gesetzt hat, wird wohl niemand so recht zufrieden aus dem Kino kommen, außer vielleicht die Stallone Fans.

Actionarmer Krimi in schickem Outfit


David Hiltscher