Ganz normal verliebt
(Other Sister, The)

USA 1999, 129min
R:Garry Marshall
B:Alexandra Rose
D:Juliette Lewis,
Diane Keaton,
Tom Skerrit,
Giovanni Ribisi
L:IMDb
„Wer hat das mit dem Sex erfunden? - Ich glaube, das war Madonna.”
Inhalt
Seit Kindestagen äußerte sich Carla Tates (Juliette Lewis) Behinderung in geistiger Rückständigkeit. Durch die normale Schulform weit überfordert und von Altersgenossen gehänselt, schicken sie ihre wohlhabenden Eltern (Diane Keaton und Tom Skerrit), Mitglieder der High-Society San Franciscos, bald auf eine privilegierte Sonderschule. Vom ihren beiden normal entwickelten Schwestern und dem Elternhaus isoliert aufgewachsen, kehrt sie als junge Frau zu Beginn des Films zurück. Auch wenn ihr geistiger Entwicklungsstand weiterhin der eines Kindes geblieben ist, hat sich in ihr erwachsenes Selbstbewußtsein und energische Willensstärke ausgeformt. Bald offenbaren sich Brüche an der spießbürgerlichen Familienoberfläche. Eine Schwester ist zum Entsetzen der erzkonservativen Mutter lesbisch, die zwar wohlwollend ist, Carlas Anspruch auf Eigenverantwortung aber autoritär ignoriert und nicht anders kann, als noch immer das hilfsbedürftige Kind in ihr zu sehen. Mit Unterstützung des einfühlsamen Vaters und ihrer beiden Schwestern kann sich Carla jedoch durchsetzen und bald eine eigene Wohnung beziehen. Für sie ist das Glück auf Erden komplett, als sie mit dem ebenso geistig behinderten Daniel (Giovanni Ribisi) die erste große Liebe erfährt, die sich gegen den ungebrochenen Widerstand ihrer Mutter behaupten muß.
Kritik
Die filmische Verarbeitung von Randgruppenproblematiken, besonders die von geistig Behinderten, bedarf einer sensiblen und weitsichtigen Herangehensweise. Da dies nicht gerade die traditionelle Konzeption des 'Gefühlskinos' aus Hollywood widerspiegelt (Tränendrüse einschalten, Kopf ausschalten), war die Aufgabe für Regisseur Garry Marshall ('Pretty Woman') keine einfache. Schnell, nur allzu schnell driften sozialkritisch bemühte Hollywoodstreifen zu überzogen pathetischen Rührstücken ab, in denen oft unreflektiert Partei ergriffen und apostelartig moralisiert wird. Das typische Resultat sind berechnete Heulorgien auf den Zuschauerrängen in der revolutionären Erkenntnis darüber, daß diese verdammt ungerechte Welt ja so verdammt ungerecht ist. Behinderte werden derart durch den Film als Tränenprovokateure instrumentalisiert, die Betrachtung bleibt an undifferenzierter Oberfläche hängen und der Zuschauer wird nicht wirklich auf den Umgang mit Behinderten vielschichtig sensibilisiert.

Fast ist es unmöglich, auch einen durchdachten Film über geistig Behinderte ohne Allgemeinplätze und uralte Klischees auskommen zu lassen, die ungewollt die Vorstellung von der sozialen Realität in ihren vermeintlich festgefügten Strukturen und Denkweisen untermauern: 'oh, wie tragisch, aber so ist es nunmal'. So überrascht es nicht, daß auch Marshall dem obligatorischen, herablassenen Spott gegenüber den Schwachen einigen Raum läßt, der jedoch glücklicherweise begrenzt bleibt. Das Grundthema von 'Ganz normal verliebt' ist somit nicht die sonst so gebetsmühlenartig wiederholte Diskriminierung durch das allgemeine soziale Umfeld, sondern fast allein die familieninternen Konstellationen.

Vor allem der sorgfältigen Auswahl der Hauptdarsteller ist zu verdanken, daß uns kein kitschiges Lehrstück serviert wird, denn gerade Juliette Lewis erweist sich als denkbar beste Besetzung. Ihr ist besonders hoch anzurechnen, daß sie eine der wenigen weiblichen Darsteller ist, die den Mut haben, das 'häßliche Entlein' zu spielen. Mit schäbiger, braver Lockentracht und ulrakonservativer, teils abgedrehter Kleidung, gelingt es ihr beispielhaft, eine überzeugende Mischung aus Kindhaftigkeit und Erwachsenem zu kreieren. Bestechend wirkt ihre sympathisch naive Darstellung, die, energisch und lebhaft, den Zuschauer mitunter zum Neider macht: Unschuld, unverfälschte Natürlichkeit, Ehrlichkeit - Eigenschaften, die sich beim 'normalen Gesellschaftsmenschen' immer schwerer zu behaupten haben. Dadurch, daß Carla außerhalb des 'Gesellschaftsdiskurses' steht, erfährt sie durch simple Begebenheiten oft ursprüngliches, reines Glück.

Tom Skerrit und Diane Keaton als widersprüchliches Elternpaar sind keine schlechtere Partie. Während Skerrit den bedächtigen, liebenswerten Familienvater ohne Agressionen herauskehrt, verleiht Diane Keaton der Mutter als cholerischer, zwiespältiger Charakter (wohl in den Wechseljahren) äußerst interessante Konturen. Die optimale Ergänzung von Juliette Lewis ist Giovanni Ribisi als der verschüchterte, durch seine Behinderung ebenso allein gebliebene Daniel. Seine Erscheinung ist unaffektiert, dezent und glanzvoll natürlich. Regisseur Marshall gelingt es überwiegend geschickt, die Annäherung der beiden Behinderten glaubwürdig zu verkaufen. Er läßt seine Charaktere würdevoll auftreten und vermeidet gekonnt die prekären Situationen, in denen der Zuschauer sich auf Kosten der behinderten Minorität herablassend amüsieren könnte. Der dennoch häufige Humor stellt feinfühlig dar, wie objektiv selbstverständliche oder triviale Dinge zur Herausforderung werden. Unnachahmlich pointiert ist die Szene, in der Carla und Daniel den ersten Sex sprichwörtlich planen. Zusammen kosten sie ihre kleinen Triumphe in beneidenswert kindhafter Freude aus, kämpfen energisch um die Berechtigung ihrer Liebe und trösten sich über Niederlagen hinweg, bis die Liebe natürlich siegt. Das Ende ist 'Rührseligkeitskonform', aber noch immer sympathisch. Bis dahin wurde man durch die Frische der Inszenierung unterhalten, die - bis auf einige Längen - eine kraftvolle und subtile Zeichnung der Hindernisse und Vorurteile liefert, mit denen die Liebe zweier Behinderter zu kämpfen hat.

Gekonnte Balance von Romantik, Drama und Witz


Flemming Schock