Gangster No. 1

105min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Paul McGuigan
B:Johnny Ferguson,
D:Malcolm McDowell,
David Thewlis,
Paul Bettany,
Saffron Burrows
L:IMDb
„Joe, der brauchte keine Anweisungen. Stattdessen spielte er auf Burts Rippen Steinzeit-Xylophon.”
Inhalt
London 1968. Der junge "Gangster" wird von Freddie Mays, dem berüchtigten "Schlächter von Mayfair", in seine Gang aufgenommen und avanciert rasch zu dessen rechter Hand. Der ambitionierte Aufsteiger ist sich für keinen Job zu schade, kein Auftrag ist ihm zu heikel. Gangster und sein Boss, das sind zwei Männer, die füreinander durch Dick und Dünn gehen und das Leben füreinander riskieren würden - bis sich die schöne Nachtclubsängerin Karen zwischen sie drängt. Getrieben von Eifersucht, Neid und Machtgier, spinnt Gangster einen ebenso perfiden wie brutalen Plan. Was einst Freundschaft war, wird in einem Blutbad enden.
Kurzkommentar
Endlich mal wieder ein harter, schonungsloser Gangsterfilm. Neben einigen handwerklichen Finessen zeigt "Gangster No.1" den beeindruckend psychopathischen Paul Bettany in einem erzählerisch weitreichenden Plot. Nichts für schwache Gemüter, aber definitiv sehenswert.
Kritik
Ungeschönte, aber erzählerisch hochspannende Mafiafilme kennt wohl jeder. Nicht nur der legendäre Pate, sondern auch Scorseses Streifen "Goodfellas" und "Casino" ernteten viel Kritikerlob - trotz oder gerade wegen derbster Gewaltdarstellungen. Mit der richtigen Distanz versehen, entfalten gerade Filme über die Abgründe der Kriminalität eine gewisse Unentziehbarkeit, die bei entsprechend guter Inszenierung fast schon epische Ausmaße annehmen kann.

Nun, einer dieser Klassiker wird "Gangster No.1" wohl nie werden, aber die Inszenierung des britischen Regisseurs Paul McGuigan hat schon Klasse. Er behandelt dabei nicht das (zugegebermaßen ausgelutsche) Thema "Mafia", sondern läßt seine Kriminalitätsstudie fast immer sicher zwischen Psychopathenporträt und Gangsterdrama wandeln. In der Tradition des großen britischen Vorbilds "The Long Good Friday" erzählt der Film vom Aufstieg und Fall eines namenlosen, skrupellosen Schlägers (dargestellt von Paul Bettany bzw. Malcolm McDowell im Alter), der die Machtposition seines Bosses Freddie Mays zutiefst beneidet und alles dafür tut, zu eben dieser Position aufzusteigen. Und um das zu erreichen, ist ihm jedes Mittel recht. Das wird dem Zuschauer spätestens dann klar, wenn er Einblick erhält in das durchgeknallte Wesen der Hauptfigur, denn dessen Ich spricht die eigenen Gedanken in oftmals bruchstückhaften, geisteskrank wirkenden Kommentaren einfach aus. Zumindest in der deutschen Synchronisation ist das nah am Trash, mir jedenfalls hat die Idee und die reißerische Stimme irgendwie gefallen. Nicht nur das dieser Effekt wunderbar zu Paul Bettany's Charisma passt, auch seine Taten wirken dadurch nachvollziehbarer - sofern man das bei den Schlächtereien, die später folgen überhaupt so sagen darf.

Als der namenlose Gangster nämlich keinen Ausweg mehr sieht, beginnt er in einem perfiden Plan den ein oder anderen brutal abzustechen bzw. mit einer kleinen Axt zu zerhacken - Patrick Bateman aus "American Psycho" wäre neidisch drauf. Im Zusammenhang mit dem ohnehin eiskalten Drumherum und dem leicht schizophrenen Charakter der Hauptfigur bleibt das glücklicherweise nicht verherrlichend. An Zugkraft und erzählerischer Finesse verliert der Film aber nachdem die Vergangenheit des gealterten Gangsters geklärt ist. Der finale Akt geht von der Story her vollkommen in Ordnung, aber aufgrund der übertrieben Mimik Malcolm McDowells (dessen Karriere bei "Clockwerk Orange" began und beim Computerspiel "Wing Commander" endete) kommt das Ende zu aufgesetzt, zu überfrachtet, zu klischeehaft daher. Regisseur McGuigan scheint nicht richtig zu wissen, wann Schluß ist und überzieht die psychopathische Linie des Protagonisten völlig. Schade eigentlich, denn mit der richtigen Inszenierung hätte auch das Ende klasse sein können.

Nochmal erwähnenswert bleiben auf jeden Fall die Hauptakteure Paul Bettany (sein emotionsloser Gesichtsausdruck kommt richtig gut) und David Thewlis als Erzfeind Freddy Mays. Mays bleibt sicher nicht ganz frei von Klischees; dank Thewlis Darstellung stört das allerdings kaum. Und auch wenn Regisseur McGuigan am Ende etwas das Glück verlässt, so hat er doch einen sehenswerte, bissige und handwerklich teils beachtenswerte Gangsterstudie geschaffen.


Harter, hundsgemeiner, durchgeknallter Gangsterthriller


Thomas Schlömer