Almost Famous

USA, 122min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Cameron Crowe
B:Cameron Crowe
D:Billy Crudup,
Frances McDormand,
Patrick Fugit,
Kate Hudson,
Jason Lee
L:IMDb
„One day, you´ll be cool.”
Inhalt
Durch seine Musikleidenschaft bietet sich dem 15-Jährigen William (Patrick Fugit) Anfang der 70er Jahre überraschend eine einmalige Chance: Er kann als Reporter für das renommierte Rolling Stone Magazine über die US-Tournee der Newcomer-Band Stillwater berichten. Noch ehe William so recht weiß, wie ihm geschieht, sitzt er neben seinen Idolen im Tour-Bus und wird Zeuge des Mythos Rock'n Roll. Es entsteht eine besondere Beziehung zwischen William, dem egomanischen und charismatischen Lead-Gitarristen Russell Hammond (Billy Crudup) und der musenhaften Penny Lane (Kate Hudson). Und statt weniger Tage begleitet William die Band schließlich über mehrere Wochen. Aus einem kurzen Artikel wird mit wachsender Vertrautheit on-the-road eine Cover-Geschichte.
Kurzkommentar
Man mag Cameron Crowes ("Jerry Maguire") geistreiche Rückmeldung absehbar und oberflächlich nennen, aber "Almoust Famous" ist so ungewöhnlich wie witzig. Statt in einem schwergängigen Drama den Mythos Rock´n´Roll zu demontieren, zeichnet er eine humorvolles, durchweg hochkarätig besetztes Porträit einer verklärt erinnerten, poetischen Zeit samt ihrer Schattenseiten. Auch wenn einzelne Fäden der Geschichte hätten besser herausgearbeitet werden können, ist "Almost Famous" allein schon durch sein magisches Flair und die außergewöhnliche Idee einer der Höhepunkte des Jahres.
Kritik
Dass der werbestrategische Stand eines Films selbst Einfluss auf die angeblich unvoreingenomme Oscarjury hat, ist nur verständlich und so mag es gekommen sein, dass "Almost Famous" bei der vergangenen Verleihung des Grals der Filmindustrie nicht in der wichtigsten Kategorie, nicht zum "Film des Jahres" nominiert war. Da die Kritiker vorher im einstimmigen Lobeschoral vereint waren, ist der Entscheid gegen "Almoust Famous" (Golden Globe als bester Film) entweder demonstrativer Trotz oder eben das Ergebnis jenes Werbegetöses, die die zugesprochene Gunst eindeutig mitbestimmen.
Und schon hier beginnt die Ausnahme des neuen Films von Cameron Crowe, der seit seinem Erfolg "Jerry Maguire" lange, nämlich fünf Jahre nichts mehr drehte. "Almost Famous" ist sich dann selbst Werbung genug, ist leise, detailversessen und einer der seltenen Werke, denen es liebevoll gelingt, gleichsam den Rhythmus oder Herzschlag eben jener Zeit wiederzubeleben, die immer Gegenstand von Idealisierung sein wird: die der Jugend. Wehmütig bedeutet sie schon bald, selbst in geringer zeitlicher Distanz, die "gute alte Zeit", meist Sorglosigkeit, das kompromisslose Leben für den Moment, Illusion und auch energisches Lossagen, Rebellion gegen das Althergebrachte und augenblickliche Extase, kurz, Spaß. So oder so ähnlich, scheint es, war die Ära von Sex, Drugs and Rock´n´Roll, die Zeit der Hippies, der Oberflächen- und Weltfriedensutopisten, der Musikpropheten, die, zugedröhnt und manchmal nüchtern, messiasgleich die große Weltwende mit der Gitarre herbeispielen wollten: "Rock´n´Roll will change the world!".

Wieviel davon, von den späten 60ern und frühen 70ern, heute Ziel fast schon mythischen Kults, wirklich Realität war oder werden sollte, lässt sich rückblickend wohl kaum noch beantworten. Bekanntlich fängt die Musik da an, wo die Worte aufhören und alles wird magisch, oder was waren eigentlich die 70er? Trifft es Burt Reynolds als desillusioniert zynischer Pornoproduzent in "Boogie Nights" nicht authentischer, wenn ihm nur wenige Tage so in Erinnerung sind, wie den anderen angeblich ganze Jahre? Vergangenheit ist das, was Geschichte aus ihr macht und Cameron Crowes Geschichte vom Starträumen, Flüchtigkeit, Freundschaft und Ernüchterung ist eine persönliche, fast autobiographische. Tatsächlich bekam der 16-Jährige durch den Papst der Musikkritiker, Lester Bangs, die Chance, eine Band auf ihrer Tour zu begleiten und für das damals schon legendäre Musikorgan "Rolling Stone" eine Story zu schreiben.

Ein prägendes Erlebnis der eigenen Jugend wird also zum Thema von "Almost Famous", den die Oscarjury schließlich mit den Preis für das beste Original-Drehbuch vertröstete. Verständlicherweise, ist Crowes Thema doch das originellste seit Langem und in seiner Umsetzung durchweg wie ein stimmiges Porträit wirkend, ganz so, als ob Crowe, da es sich hier praktisch um ein Stück persönlichster Erinnerung handelt, mit ganzem Herzen dabei war. Sicher, der Einwand, der Film würde nicht ausreichend begeistern, nicht wirklich fesseln, hat ihre Begründung in Crowes Entscheidung, sich der Zeit vielleicht eben so zu nähern, wie sie rückblickend auf Viele heute wirkt, und zwar weniger als tiefe Kulturkritik, sondern mehr als naiver Hedonismus. Ihre Politisierung spielt bei Crowe keine Rolle, stattdessen ist "Almost Famous" eine warmherzig nostalgische Komödie über das merkwürdige Phänomen Rock´n´Roll und dessen Niedergang. Antworten sollte man, wo Billy Cudrup als selbstsüchtiger Gitarrist der fiktiven Band "Stillwater" auf die Frage, was er an der Musik im Eigentlichen liebe, "everything" antwortet, nicht erwarten, da Crowe keine Mythenaufdeckung und auch kein gedankenschweres Drama im Auge hat. Das Geheimnis soll bleiben, die Verklärung ungeachtet der Schattenseiten letztlich auch.

Motor seiner schmunzelnden Reminiszenz ist vielmehr jene Leichtlebig- und Oberflächlichkeit, kraft derer Rock´n´Roll eben die Welt verändert wollte. Und der Einfall, die Wesensmerkmale der Zeit in der Konfrontation eines klug beobachtenden, jedoch naiven Jungen mit einer mit sich selbst hadernden Band abzubilden, funktioniert almoust perfect. Patrick Fugit beweist sich als talentiert, wenn in der Rolle des weltoffenen Fans nach der Begegnung mit dem gezeichneten Kritikerpapst (wie immer souverän: Philip Seymor Hoffman aus "Magnolia" und "Makellos") in den schwierigen Balanceakt zwischen journalistischer Perspektive und ausnutzungsgefährdeter Freundschaft entlassen wird. Natürlich stereotyp, aber höchst liebenswert wirkt Oscarpreisträgerin Frances McDormand die Anti-Drogenpropaganda einer besorgten und klugen Mutter, die die Konsequenzen des unreflektiert rebellischen Lebenswandels, der Scheinwelt, in der es alles heißt, nur irgendwie cool zu sein, pädagogisch durchschaut. In der urkomischsten, auch ironischen Szene richtet sie den Bandgitarristen per Telefon rhetorisch förmlich hin und degradiert die Rebellen, die scheinbar nicht wissen, wieso überhaupt, zu hilflosen Spätpubertierenden. Prompt droht das hohle Gerüst der Befreiuungsversprechen zusammenzufallen. Die genau sezierten Stimmungen pendeln so zwischen gesunder Kritik und Spaß an der Erinnerung an eine Zeit, in der alles möglich und vieles poetisch schien. So wirkt "Almost Famous" wie ein Dokument des damaligen Lebensgefühls, mit seinem unwiderstehlichen Flair wie eine gute Schallplatte.

Der Soundtrack, von dem die Atmosphäre entscheidend profitieren kann, trägt seinen Teil dazu bei. Aber auch die übrigen Darsteller sorgen für Leben, sind erfrischend unbekannte Gesichter, und geben - was dem Film letztlich erst zum richtigen Ton verhilft - eine charismatische Truppe ab. Oft benötigt sie, Billy Cudrup als undurchschaubarer Bandgitarrist und Kate Hudson als sehnsüchtige Muse (Golden Glob für die beste Nebenrolle) sind da gesondert zu nennen, nur wenige Worte, um Emotionen, Egoismus und große Träume spürbar zu machen. Das Ende mag da moralisierend wirken und auch hätte Crowe die psychologische Belastung und die individuellen Hoffnungen vielleicht auch hinter der Decke der Erscheinungen thematisieren sollen, das aber wiederum hätte das so rhythmische, auch durch die Austattung stimmungsstarke Abbild um seinen leichtgängigen Charakter gebracht. Seine Nachdenklichkeit wahrt nur die richtige Distanz.

Originelle Wiedererweckung eines ewigen Mythos: Let there be rock!


Flemming Schock