A.I. - Künstliche Intelligenz
(A.I.: Artificial Intelligence)

USA, 146min
R:Steven Spielberg
B:Ian Watson, Brian Aldiss, Steven Spielberg
D:Haley Joel Osment,
Jude Law,
Frances O'Connor,
Sam Robards,
Jake Thomas
L:IMDb
„Bitte mach' einen echten Jungen aus mir!”
Inhalt
In einer Zeit, in der die Bodenschätze zur Neige gehen, entwickelt sich die Technologie mit astronomischer Geschwindigkeit. Gartenarbeit, Haushalt, Gesellschaft in einsamen Stunden - für alles gibt es Roboter. Nur nicht für die Liebe. Gefühle sind die letzte umstrittene Hürde in der Entwicklung der Roboter. Aber weil so viele Eltern noch immer auf ihre Genehmigung zur Fortpflanzung warten, ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Eine Firma stellt die Lösung vor: David (Haley Joel Osment). Er ist der erste Roboterjunge, der auf Liebe programmiert ist. Zu Testzwecken wird er vom Angestellten Henry Swinton (Sam Robards) und seiner Frau Monica (Frances O'Connor) adoptiert, denn ihr eigenes todkrankes Kind wartet tiefgefroren auf die Entwicklung eines Heilverfahrens. Doch trotz all der Liebe und Hilfsbereitschaft, die David zu geben hat, entsteht unerwartet eine Situation, die ihm dieses Leben unmöglich macht.
Kurzkommentar
In einem wenig spektakulären Kinosommer kann auch Regieliebling Steven Spielberg wenig vom angekratzten Blockbuster-Image retten, denn sein auf Faszination und Provokation ausgelegtes Science-Fiction Drama versteckt er unter einer großen Portion Sentimentalität, Pathos und Kitsch. Soviel Potential war vorhanden, soviel wurde genutzt und soviel wurde anschließend von Zuckerwatte einbalsamiert. Schade, schade, schade.
Kritik
Als Philip K. Dick 1968 die Frage stellte: "Do Androids Dream of Electric Sheep?" war er nicht der einzige Autor, der sich mit Robotern und ihrer Eigenständigkeit beschäftigte. Der Science-Fiction Autor Brian Aldiss verfasste die im Grundtenor ähnliche Kurzgeschichte "Super-Toys Last All Summer Long", in der er der Frage nachging, ob Roboter irgendwann Gefühle empfinden können und wie ein Zusammenleben mit Menschen aussehen würde. Im Mittelpunkt stand der kleine Androidenjunge David, der sich um die Liebe einer menschlichen Mutter bemühte. Ungefähr zehn Jahre später wurde Regisseur Stanley Kubrick auf die Thematik aufmerksam, erwarb die Filmrechte und recherchierte 20 Jahre lang sporadisch nach künstlicher Intelligenz und ihrer zukünftigen Entwicklung. Nach dem technischen Durchbruch der Dinosaurier in "Jurassic Park" war Kubrick dann endlich der Meinung, auch auf technischer Ebene mit seinem Projekt beginnen zu können, wurde aber von den Geldgebern dazu bewegt, zunächst "Eyes wide shut" zu drehen, da "A.I." viel zu teuer schien. Das Resultat dieser Entscheidung ist bekannt und angesichts des Resultats von "Eyes wide shut" und der nun erschienenen, spielberg'schen Version von "A.I." ist die gewählte Reihenfolge umso bedauerlicher.

Wie ausgerechnet Blockbuster-Regisseur Steven Spielberg zu "A.I." kam ist schon recht interessant, sind Kubricks und Spielbergs Filme emotional und vor allem vom Anspruch her doch auf völlig verschiedenen Ebenen anzusiedeln. In den Medien wird immer betont, welch gute Freunde Spielberg und Kubrick doch waren, Fakt ist jedoch, daß sie sich in den 20 Jahren ihrer Bekanntheit nur ein knappes Dutzend mal getroffen und abzählbar oft miteinander telefoniert haben. Abgesehen davon, daß Kubrick Spielbergs Arbeiten durchaus zu schätzen wußte, war Kubrick wohl vor allem aus zwei Gründen an Spielberg interessiert: zum einen, weil Spielberg den Film in ca. 20 Drehwochen beenden konnte und dadurch weniger die Gefahr bestand, daß ein Kinderdarsteller zu sehr altern würde (Kubrick selbst gab zu, zu perfektionistisch zu sein, um den Film so schnell fertigstellen zu können). Zum anderen antworte Kubrick auf Spielbergs Frage, warum er überhaupt "A.I." an ihn abgeben würde, wo er doch schon so viel Zeit darauf verwendet habe: "Also, weißt Du, ich glaube, der Film entspricht eher deiner Gemütslage als meiner".

Tja, und genaugenommen liefert Kubrick hier schon den Knackpunkt für die Bewertung des kompletten Films. Was in den frühen Filmen Spielbergs kaum zum Vorschein kam, in letzter Zeit aber immer häufiger zu bemängeln ist, ist die spielberg'sche Sentimentalität und Süße, die seine Werke mehr oder weniger stark stört und ihnen ihre Ernsthaftigkeit nimmt. Man erinnere sich an "Das Reich der Sonne", "Always", "Hook" oder auch die Abschlußrede im ansonst so vorbildlich unpathetischen "Schindlers Liste". Bei "A.I." kommt Spielbergs Schwäche für kitschige Moment nun besonders zerstörerisch daher und zieht den teils exquisiten ersten drei Vierteln des Films den Boden unter den Füßen weg.
Aber eins nach dem anderen. Kaum jemand wird wohl bestreiten, daß "A.I." einen intelligenten Ansatz hat und einige durchaus provokative und sehr aktuelle Fragen stellt: "Wie weit sollte der Mensch bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz gehen?", "Sind möglichst menschenähnliche Roboter mit eigenen, wenn auch letztlich simulierten Gefühlen, überhaupt erstrebenswert?" und viel wichtiger: "Tragen die Menschen den Robotern gegenüber dann auch eine moralische Verantwortung?". Welche Möglichkeiten dieser Stoff bietet, ist offensichtlich und Spielberg konfrontiert den Zuschauer mit diesen Fragen klugerweise bereits in den ersten fünf Minuten. Umso mehr kann er sich der Aufmerksamkeit des Zuschauers auf diese Fragen bewußt sein, wenn er nach dem Intro mit Prof. Hobby zur eigentlichen Story wechselt. Gleichzeitig setzt er sich jedoch auch unter Druck, denn seine dramatische Ausarbeitung kann in diesem Fall nur bedingt überzeugen.

Beeindruckend ist Spielbergs eigenhändig verfasstes Drehbuch in den Szenen, in denen er uns die Diskrepanz zwischen Mensch und Maschine vor Augen führt: der kleine David, der nur Schlafen geht, um menschlich zu wirken, nicht, weil er den Schlaf nötig hätte, die Geburtstagsparty von Martin, die beinahe in einer Katastrophe endet, und besonders die Mutprobe zwischen den Jungen als Monica "Du machst ihn kaputt!" schreien muß, um ihren Mann Henry zu beruhigen. Daß Spielberg hingegen seit 20 Jahren kein eigenes Drehbuch mehr geschrieben und "A.I." in nur zwei Monaten verfasst hat, macht sich im Rhythmus des Films deutlich. Monicas und Henrys gegenseitige Sinneswandel und Skepsis David gegenüber treten allzu unmotiviert und schnell auf, die Heilung Martins kommt ebenfalls zu plötzlich und selbst die Entscheidung Monicas, David auszusetzen, wird nicht genügend motiviert. Nichtsdestotrotz ist Spielberg hier eine starke Szene gelungen und die Aufteilung des Films in vier Akte hat durchaus was für sich.

Man könnte mit "A.I." nach den ersten drei Vierteln überhaupt sehr zufrieden sein, denn die wenigen Ungereimtheiten (ein perfekter Android scheitert an Spinat) und Sentimentalitäten (die Aktivierung des Codes) verblassen angesichts der interessanten Thematik und Spielbergs effektiven Szenen (David entdeckt sein eigenes Labor). Selbst die Suche nach der blauen Fee, einem Element, das zwar in der Story begründet ist, an sich aber schon nahe an der emotionalen Toleranzgrenze wandert, bleibt plausibel. Trotz Davids programmierter Menschlichkeit bleibt sein rein logisches Inneres immer erkennbar, was besonders in der vermeintlichen Schlußszene deutlich wird, als David sich in einer Art Endlosschleife befindet und immer denselben Wunsch formuliert. Wie toll und ergreifend wäre es gewesen, wenn Spielberg hier konsequenterweise den Schlußstrich gezogen hätte. Der Film wäre als düsteres, logisches und angesichts Spielbergs Absicht, vor einer derartigen Entwicklung von Robotern zu warnen, treffendes Märchen geendet. Ein Film, der dank seines Pessimismus für Aufsehen, Respekt und Anerkennung gesorgt hätte, bei Kritikern und Zuschauern gleichermassen.

[Spoiler] Aber es hat nicht sollen sein. Einem Interview bei Spiegel.de zufolge, hat es Spielberg als jüdisches Kind selber nicht leicht gehabt und in seiner Vergangenheit ist wohl auch sein Drang, von vereinsamten Jungen zu erzählen, begründet (siehe auch "Das Reich der Sonne", "E.T.", "Hook"). Dies scheint ebenfalls der Grund, warum Spielberg seinem Film ein unpassendes, triefend kitschiges und hanebüchenes Happy-End spendieren muß. Nicht nur, daß er seine Kritik an künstlicher Intelligenz dadurch teilweise revidiert, die Vereinigung mit Monica ist dramatisch gesehen auch eine äußerst schwache Lösung. Ein Roboterjunge entwickelt sich dank seiner neuronalen Struktur immer mehr zum Menschen, er imitiert menschliche Gefühle, entwickelt ein eigenes Bewußtsein und ist auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit. Er will ein echter Junge werden, wie einst "Pinocchio", und bekommt diesen Wunsch auf die ein oder andere Weise für einen Tag erfüllt. Nichtsdestotrotz bleibt er ein Roboter und hier stellt sich die Frage, inwiefern der halbherzige und wirklich äußerst süßlich inszenierte Schluß den Zuschauer zufriedenstellt. Nein, trotz Spielbergs fader Ausrede, man müsse den Film zweimal sehen, um ihn zu verstehen (warum das bitte?), kommt man nicht drumherum, zugeben zu müssen, daß das Ende Mumpitz ist - von kräftigen Regie- und Drehbuchpatzern ganz abgesehen (die klischeehaften Wesen zum Ende hin sind keine Aliens, sondern weiterentwickelte Roboter, die die Menschheit überdauert haben; und in unverhofft auftauchenden Haarlocken stecken neuerdings DNA-Sequenzen). [Spoilerende]

Rückblickend kann man sich über "A.I." mindestens genauso ärgern wie über so manch anderen Blockbuster dieses Kinosommers. Das Thema und auch die Ausführung ist zu Beginn und vor allem im dritten Akt (bei Cybertronics) so wunderbar faszinierend, immer wieder blitzen einige brillante Momente auf (die letzten Worte von Gigolo Joe zählen dazu), Haley Joel Osment und Frances O'Connor spielen makellos und die Optik ist trotz der nervenden, gleißenden Weißtöne über jeden Zweifel erhaben, aber neben den unzähligen Ungereimtheiten ist das Ende einfach zu sentimental, zu lang, zu unbefriedigend, um von "A.I." nicht verärgert zu werden.
Was Kubrick wohl aus "A.I." gemacht hätte? Es ist wohl mühselig, das zu diskutieren. Auf jeden Fall wäre der Film deutlich kühler geworden und ihm wäre sogar zuzutrauen gewesen, daß er David auf dem Meeresboden belassen und sein ursprüngliches Ende gestrichen hätte - wenn er für etwas bekannt war, dann für seine Konsequenz.

Kitsch und Sentimentalität ertränken guten Ansatz.


Thomas Schlömer