Quarantäne
(Quarantine)

USA, 89min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:John Erick Dowdle
B:John Erick Dowdle, Drew Dodle
D:Jennifer Carpenter,
Jay Hernandez,
Johnathan Schaech,
Steve Harris,
Columbus Short
L:IMDb
„Tape everything, you hear me, tape everything!”
Inhalt
Die junge Fernsehreporterin Angela Vidal (Jennifer Carpenter) und ihr Kameramann (Steve Harris) verbringen für eine Reportage die Nachtschicht bei einer Feuerwehreinheit in Los Angeles. Ein Notruf führt die Feuerwehrmänner mit dem TV-Team im Schlepptau zu einem kleinen Apartmenthaus. Als das Feuerwehrteam in das Apartment eindringt, entdecken sie eine Mieterin, die offenbar von etwas Unbekanntem infiziert wurde. Schnellt stellt man fest, dass Spezialeinheiten das Gebäude unter Quarantäne gestellt haben. Telefon-, Internet-, Fernseh- und Mobilfunkverbindungen wurden gekappt, alle Fenster und Türen werden verbarrikadiert. Von offizieller Stelle werden keinerlei Informationen zu den Eingeschlossenen weitergeleitet. Es scheint kein Weg mehr nach draußen zu führen.
Kurzkommentar
Das von John Erick Dowdle ("The Poughkeepsie Tapes") mit vielen Schockmomenten überzeugend inszenierte Remake des spanischen Horror-Hits "[•REC]" ist ein überzeugendes Stück Terrorkino, das Fragen einer höchst brüchigen Gesellschaftsordnung ebenso in den Mittelpunkt rückt wie die blutrünstigen und fleischlüsternen Mietinfizierten. Und wer den Film lediglich mit „The Blair Witch Project“ in einer Endlosschleife zu vergleichen weiß, wie es viele Kritiken dieser Tage tun, hat leider von beiden Produktionen nicht das Geringste verstanden.
Kritik
Das ging schnell! Noch in der Phase der Postproduktion wurden die Rechte von Hollywood eingekauft und einem Remake stand nichts mehr im Weg. Die zaghaften 12 Millionen US-Dollar an Produktionskosten wurden mittlerweile längst eingespielt und verdreifacht – nicht ohne motivierenden Rückwirkungen über den Atlantik: Wie man in Spanien verlauten lies, ist ein Sequel des Originals bereits in Arbeit; ein Teaserplakat kann bereits im Netz bewundert werden. Böse Zungen behaupten im Übrigen, dass dieses US-Remake nur genau einen einzigen Grund hat: Amerikaner wollen keine Untertitel lesen.

„Quarantäne“ ist ein geradliniger und blutiger Horrorfilm geworden. Zwar war das Original nicht zimperlich, doch ein paar kleine Kameraeinstellungen mehr, verleihen nun dem großen Fressen zusätzliche Härte. Es ist dem komplett in Los Angeles gedrehten Remake außerdem hoch anzurechnen, dass auch dem Filmende ohne Traumfabrik-Weichspüler gehuldigt wird – schließlich, so liest man in älteren Schriften, ist gerade die Kopie die höchste Form der Verehrung. Personen und Schauplätze sind entsprechend eng mit der Vorlage abgeglichen.

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass es dem kleinen Horrorfilm so mühelos gelingt, soziale Wohnrealität in L.A. abzubilden. Natürlich weiß man von Großmeister Romero, dass im Falle eines Wegbrechens staatlicher Ordnung erst einmal Hobbes angesagt ist. Des Polizisten Waffe sitzt dann lockerer, der Feuerwehrmann schlägt mit der Feueraxt nicht mehr nur auf Türen ein und das kleine Kind nagt genüsslich an Mutti. Wahrlich, dieser Naturzustand ist „short and nasty“. Doch schon davor fallen die bürgerlichen Masken in Form von alltäglichem Rassismus, der offensichtlich nur mühsam im Zaum gehalten werden kann. Aber wehe, der Vater des Immigranten könnte die Krankheit eingeschleppt haben – dann ist Schluss mit Humanismus und melting pot. Und immer ist das Misstrauen gegenüber staatlichen Stellen präsent, die Ordnungsmacht manipuliert, lügt, beschwichtigt und, vielleicht am nachhaltigsten: versagt.

Als Medienschelte kann dieser Film natürlich auch problemlos gelesen werden. Der feuchte Traum der Lokalreporterin scheint zunächst wahr zu werden, als direkt vor der Kamera geschossen und gebissen wird – schließlich verspricht dies eine höchst quotenträchtige Geschichte zu werden. Später aber dämmert es aber der jungen Dame, dass sie nichts weiter werden könnte als eine Chronistin des eigenen Todes. Und hier gewinnt langsam die Überzeugung die Oberhand, dass dieses Zombiegate aufgenommen, bebildert und bezeugt werden muss. Die alte und glorreiche Idee des Korrektivs durch die Medien, die vierte Gewalt im Staat sorgt für Kontrolle und Aufklärung. Doch der neutrale Beobachter kann nicht objektiv bleiben – er wird erst selektiv-sensationsheischenden Voyeur und schließlich zum Täter und zwar sprichwörtlich. Mit der Kamera als Hiebwaffe wehrt sich der Kameramann auf tödliche und unappetitliche Weise. Danach sieht er sich ungläubig im Spiegel an. Sein Abbild ist ihm sichtlich unheimlich.


Und es geht doch – angenehm unaufgeregtes sowie geradliniges US-Remake eines aufregenden EU-Horrorfilms.


Rudolf Inderst