Babylon A.D.

USA, 101min
R:Mathieu Kassovitz
B:Eric Besnard
D:Mélanie Thierry,
Vin Diesel,
Michelle Yeoh,
Gérard Depardieu,
Mark Strong
L:IMDb
„I'm not your friend, I'm not your brother, I'm not your boyfriend.”
Inhalt
Ein namenloses Land irgendwo in Osteuropa. Chaos, Armut, Schmutz und Gewalt, wohin man blickt. Hier lebt Toorop (Vin Diesel), ein wortkarger Abenteurer und Söldner. Das Angebot von Mafia-Boss Gorsky (Gérard Depardieu) klingt dann auch zu verlockend, um es auszuschlagen: Toorop soll ein junges Mädchen nach New York schmuggeln. Als Gegenleistung will Gorsky ihm einen Neuanfang in Amerika ermöglichen. Aurora (Mélanie Thierry), die junge Frau, die Toorop unversehrt auf dem anderen Kontinent abliefern soll, ist - obwohl anders vereinbart - nicht allein. Sie wird begleitet von einer resoluten Nonne (Michelle Yeoh), die sich als Ein-Frau-Leibwache ihres Schützlings versteht. Und tatsächlich: Schon nach kurzer Zeit eskaliert die Reise zu einem alptraumhaften Trip in die Gefahr.
Kurzkommentar
„Babylon A.D.“ stellt die sechste Regiearbeit des Schauspielers und Regisseurs Mathieu Kassovitz dar und ist als eine in düster-monumentalen Bildern erzählte Geschichte von Geburt, Tod und Wiederauferstehung in der Welt der nahen Zukunft zu verstehen. Die Vorlage stammt von Maurice G. Dantec, einem französischen Autor, der - in der Tradition von Science-Fiction und Cyber-Thriller schreibend - seine Romane als literarische Abrechnung mit aktuellen Ereignissen und Entwicklungen versteht. Leider hat der Film zwei entscheidende Schönheitsfehler: Einer davon heißt Vin Diesel...
Kritik
... der andere das aprupte Ende. Nehmen wir uns diesen Punkt einmal gleich vor. Um es vorweg zu nehmen, es ist nicht die Schuld des Regisseurs! Der gute Mathieu Kassovitz arbeitete fünf Jahre an der Filmadaption. Und was macht Fox? Kürzt 70 Minuten, um a) den Film auf 90 Minuten zu trimmen und b) ein PG-13 Rating einzustreichen. In diesem Fall wünscht man Kassovitz für die nächsten ambitionierten Projekte das Recht auf einen final cut. Denn „Babylon A.D.“ krankt an einem völlig überhasteten Ende. Man kann die durch den Studiocut gerissenen Lücken und Löcher förmlich schmecken – keine schöne Sache.

Aber, um den Vorwurf aus dem Kurzkommentar wieder aufzugreifen: Vin Diesel kann nicht als richtiger Mann für diese Rolle bezeichnet werden. Zwar kann er in diversen Actionszenen durch seine enorme, physische Präsenz punkten, die zwischen Zynismus und stoischer Gleichgültigkeit alterniert. Aber sobald es darum geht, eine „Nicht-Action-Gefühlslage“, sprich die ruhigen Töne der Seele, auszuspielen, wird es schwierig. Daher ist es auch fraglich, ob Diesel die Rolle des „Hitman“, welche er für „Babylon A.D.“ sausen ließ, die bessere Alternative gewesen wäre. Ursprünglich war im Übrigen kein Geringerer als Vincent Cassel für diese Rolle vorgesehen. Ich lehne mich aus dem Fenster und wage zu behaupten, dass dies die bessere Wahl dargestellt hätte.

Optisch macht „Babylon A.D.“ alles richtig und noch mehr! Der Film ist ein Genuß. Kameramann Thierry Arbogast („Angel-A“) findet faszinierende Einstellungen und setzt diese mal dynamisch-kinetisch, mal erhaben-einladend ein. Die Schauplätze (von denen man sich ab und an längere Verweilzeit wünscht), Ausstattung und Makeup runden das positive Gesamtbild ab. Es handelt sich um ein Roadmovie, das von dystopischer Endzeit in Krieg und Schlamm zu atopischer neoliberaler Religiösität in New York führt.

„Babylon A.D.“ arbeitet sich zwar erfolglos am übergroßen Vorbild „Blade Runner“ ab, kann aber durch seine Andersartigkeit durchaus gefallen. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein erneutes Ansehen von „Code 46“ (2003) auf jeden Fall.


Allzu überhastet zu Ende gebrachter Science Fiction Film, der intelligent, aber leider fehlbesetzt konfliktbeladene Themen aufgreift und verarbeitet.


Rudolf Inderst