There Will Be Blood

USA, 158min
R:Paul Thomas Anderson
B:Paul Thomas Anderson, Upton Sinclair
D:Daniel Day-Lewis,
Paul Dano,
Kevin J. O'Connor,
Ciarán Hinds,
Dillon Frasier
L:IMDb
„I see the worst in people. I don't need to look past seeing them to get all I need.”
Inhalt
Kalifornien zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Clever, gerissen und skrupellos setzt sich Daniel Plainview (DANIEL DAY-LEWIS) an die Spitze des gerade einsetzenden Erdölbooms. Durch einen Tipp erfährt er von einem riesigen nicht erschlossenen Ölfeld, das sich unter der Farm der Familie Sunday in der Kleinstadt Little Boston befindet. Wie immer will er den Farmern das Land billig abkaufen, das Öl fördern und weiterziehen. Doch dieses Ölfeld wird zu seinem Schicksal. Denn obwohl sie seinem Vorhaben erst zustimmen, stellen sich die Sundays Plainview im Laufe der Zeit immer mehr in den Weg, allen voran Sohn Eli (PAUL DANO), der fanatische Laienprediger der Gemeinde. Der Öl-Multi Standard Oil treibt Plainview in die Enge, Unglücksfälle überschatten die Bohrarbeiten. Schließlich sind es zwei Katastrophen in Plainviews eigener Familie, die den Einzelgänger selbst, seine engsten Mitstreiter und die ganze Stadt mehr und mehr in den Untergang stürzen.
Kurzkommentar
Nach den beiden dramatischen Ensemblefilmen "Boogie Nights" und "Magnolia" sowie der eigenwilligen Romanze "Punch-Drunk Love" wendet sich Paul Thomas Anderson einer historischen Romanverfilmung zu. “There Will Be Blood” bietet denkwürdige Momente kammerspielartiger Intensität, tiefe menschliche Abgründe und die gewohnte visuelle Extravaganz des Regisseurs. Die epochale Stilistik passt aber nicht recht zu den facettenarmen Charakteren und ihrem intimen Psychoduell. Ein bizarres Ende trübt den Eindruck noch ein wenig.
Kritik
Es gibt schon Zufälle – eben noch wütet Daniel Day-Lewis als Mensch gewordene Profitgier im Kino, schon wird draußen vor der Leinwand Herr Zumwinkel verhaftet, in einer Angelegenheit, die sich wohl zu einem Skandal von gesellschaftserschütternden Dimensionen auswachsen wird. “When life imitates art…?”

Doch bevor ich anfange, Gemeinsamkeiten zu suchen, wo keine sind, sollte ich mir an die eigene Nase fassen. In der letzten Folge unseres Podcasts habe ich in der kleinen Jahresvorschau Upton Sinclair, der “Oil!” zu Papier brachte, die literarische Vorlage für Paul Thomas Andersons neuen Film, zum Literaturnobelpreisträger gemacht. Vor lauter Aufregung habe ich ihn dabei mit Sinclair Lewis verwechselt, der, nicht minder lesenswert, den Preis für seine Gesellschaftssatire “Babitt” erhielt. Soviel in Sachen Korrektur.

Blut und Öl. Glaube und Kommerz. Spirituell und materiell. Dichotomien sind die einfachste und direkteste Konstellation eines Konfliktes. Und in ihnen steckt ein endloser Reiz. Anderson ist gewiss nicht der erste, der eine Geschichte auf die Gegenüberstellung von elementaren menschlichen Antrieben herunter bricht. Aber es funktioniert eben immer wieder. Mit Daniel Plainview und Eli Sunday treffen zwei Charaktere aufeinander, die zunächst nicht unterschiedlicher scheinen können. Plainview ist ein Misanthrop, der in seinen Mitmenschen nur Mittel seines Gewinnstrebens erkennt. Sunday ist ein Philanthrop, dessen einzige Sorge dem Seelenheil seiner Mitmenschen gilt. Doch hinter diesen Fassaden sind sie sich sehr ähnlich. Sie gieren nach derselben Bestätigung: Respekt. Status. Macht. Ihre Gier vereint sie in ihrer Maßlosigkeit und in ihrer Skrupellosigkeit. Die Gier korrumpiert sie so sehr, dass sie vor keiner Täuschung, vor keiner Selbstverleugnung zurückschrecken. Und weil sie zwei Einflüsse verkörpern, die die Amerikaner wie kein anderes Volk als charakteristische Tugenden verinnerlicht haben, fechten sie einen Kampf aus, der die nationale Identität bestimmt.

Der englische Schriftsteller G.K. Chesterton beschrieb die Vereinigten Staaten als eine „Nation mit der Seele einer Kirche.“ Als Gesellschaftsparabel ergänzt “There will be blood” dieses Bild mit wuchtigem Duktus: Die Nation mit der Seele einer Kirche und dem Herz des Mammon. Die Seele nur dazu da, von falschen Propheten verführt zu werden und das Herz unfähig zur geringsten emotionalen Regung. Sie geht im unaufhaltsamen Fortschritt über Leichen und hinterlässt verstümmelte Existenzen. Anderson lässt kein gutes Haar an der Zivilisation.

Der Wert dieser Gesellschaftskritik relativiert sich, wenn man sie an der Vorlage misst. Upton Sinclair, ein lebenslanger Sozialreformer, sah die Übel des ungezügelten Kapitalismus vor allem in den inhumanen Arbeitsbedingungen, denen seine ungelernten „Lohnsklaven“ ausgesetzt sind. Dieses Anliegen transportiert besonders sein Tatsachenroman “The Jungle,” den er eigentlich als eine Art sozialistisches Ermächtigungsepos geschrieben hatte. Stattdessen trug er, zur Enttäuschung des Autors, „nur“ zur Einführung einer Gesetzgebung zur Lebensmittelkontrolle bei. Auch in “Oil!” findet sich diese humanistische Hoffnung seines sozialistisch geprägten Gewissens. Anderson hat nichts davon übrig gelassen. Plainview geriert sich als verständnisvoller Familienmensch, dem seine Arbeiter so sehr am Herzen liegen, dass er ihnen den Wohlstand gleich in die Stadt baut. Bald darauf setzt er seinen Sohn in den Zug, weil er ihn nicht mehr zur Inszenierung des heilen Familienbildes gebrauchen kann. Jegliches Mitgefühl verkümmert im Angesicht des materiellen Egoismus - eine zynische Absage an die Möglichkeit der Wahrung von Menschlichkeit in den Mühlen der Industrialisierung. Es ist, als würde Anderson Sinclairs naive Hoffnung mit Wonne in den Staub treten.

Hier beginnt “There Will Be Blood,” etwas unrund zu laufen. So zwingend die Psycho(patho)logie in Andersons Figurenzeichnung auch angelegt ist, so überzeugend sie auch dargestellt wird – es kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Anderson eigentlich wenig zu erzählen hat. Sein einziges Interesse gilt den zwei Hauptfiguren; und es gibt keinen Handlungsschauplatz, an dem Plainview nicht im Zentrum des Interesses steht. Alle Nebenfiguren sind nicht mehr als Stichwortgeber. Anderson inszeniert ein Psychogramm in Stil und Ausmaß einer epochalen Lebenschronik. Seine Charaktere sind aber so eindimensional, dass sie keine Facette offenbaren, die auf eine Wandlung oder Entwicklung hindeutet. Es ist nicht die Dauer des Films, die irritiert, oder dass er gar langatmig wäre – es ist vielmehr so, dass Plainview und Sunday im Laufe eines Lebens so wenig lernen, dass sie beinahe zu Karikaturen ihrer selbst verkommen.

Besonders die Figur der Predigers hätte mehr Nachsicht verdient. Anderson baut ihn behutsam als Gegenspieler auf und gibt ihn letztlich vollends der Lächerlichkeit preis. Die absurde Hysterie des Showdowns ist so überzogen, dass man nicht mehr weiss, ob man lachen oder weinen soll. Dass es Plainview nicht viel besser ergeht, lässt Zweifel aufkommen, wie ernst der Regisseur seine Figuren wirklich nimmt. Andersons Film ist nicht die Tragödie eines Mannes, dessen überbordende Ambition ihm sein Lebensglück verwehrt; er ist eine nihilistische Farce, die nichts als Verachtung für ihre unselig unvollkommenen Protagonisten übrig hat. In moralischer Hinsicht zieht er sich damit ähnlich hämisch aus der Affäre, wie es "The Departed" getan hat.

“There Will Be Blood” hat seine Momente, und es sind nicht wenige. Die grandios wortkarge Eröffnung zeigt in unnachahmlicher Weise, welch Willenskraft den monströsen Plainview befeuert. Wenn er seine Geschäftsrivalen aussticht, gibt es keinen passenden Ausdruck für die unbeschreibliche Entschlossenheit in seinem Blick. Wenn er seinem Stiefbruder am Lagerfeuer seine Lebensphilosophie offenbart, läuft es einem kalt den Buckel runter. “There Will Be Blood” ist eine Zumutung im positiven Sinne; ein Film, der wegen seiner Konsequenz sehenswert ist, und bestimmt nicht, weil er jedem gefallen wird.

„Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon:“ Intensives, irritierendes Psychodrama von bitterböser Abgründigkeit.


Reinhard Prosch