I am Legend

USA, 100min
R:Francis Lawrence
B:Mark Protosevich, Akiva Goldsman
D:Will Smith,
Alice Braga,
Dash Mihok,
Salli Richardson,
Charlie Tahan
L:IMDb
„Social de-evolution appears complete. Typical human behavior is now entirely absent.”
Inhalt
Grausam und unerbittlich breitet sich 2012 eine Epidemie über den gesamten Erdball aus. Auch der hervorragende Wissenschaftler Robert Neville (Will Smith) kann den von Menschenhand entwickelten Virus nicht in den Griff bekommen.
Aus unbekannten Gründen ist Neville immun. Als einziger Mensch hat er in den Ruinen von New York City überlebt. Doch ganz allein ist er nicht: Lichtscheue Mutanten, die Infizierten, beobachten Neville auf Schritt und Tritt. Sie warten ab, bis er eines Tages einen tödlichen Fehler begeht. Neville will die verheerenden Folgen des Virus umkehren, indem er die Immunstoffe seines eigenen Blutes nutzt. Doch er steht als Einzelkämpfer einer gewaltigen Übermacht gegenüber. Und die Zeit läuft ihm davon.
Kurzkommentar
Mit der emotionalen (Un-)heftigkeit einer Disneypark-Attraktion trifft „I am Legend“ auf die Zuseher. Zwar ist es zu jedem Zeitpunkt des Films eine große Freude, das digital veränderte Chaos-New York zu bestaunen, aber es ist Will Smith, der durch seine Saubermann-Revueshow dem Film von Beginn an die Tragik und Schwere nimmt, die er verdient und nötig gehabt hätte.
Kritik
Sprechen wir urbane Szenarien. Das Motiv der Großstadt wird gerne benutzt, um soziale Missstände zu verdeutlichen: der Moloch aus Hektik und sozialer Kälte, der Menschen buchstäblich verschlingt und als Reste ihrer selbst – nach einem entwürdigenden Verdauungsmoment – wieder auf die Straßen hinausspült. Technologie findet in Städten statt. Auf engem Raum werden mehr oder weniger zivilisatorische Entwicklungen in Gebrauch genommen – man verbindet mit dem Begriff der Urbanität Fortschritt, vielleicht Liberalität. Umso verlockender ist es daher für Bilderschaffende, zu zeigen, wie sich die Natur Stück für Stück Stadtraum zurück erobert. Eines der letzten Beispiele für diese kraftvollen Rückeroberungsbilder war der mäßige „A Sound of Thunder“ (2005) von Regisseur Peter Hyams. „I am Legend“ kann da aus dem Vollen schöpfen und zelebriert dystopisch-verstörende Bilder eines New York, die auf ihre eigene Weise wunderschön sind. Sonnenauf- und Untergänge wirken anders, wenn sie auf zerstörte Hochhäuser-Schluchten treffen. Neue, ungewohnte Szenarien sind möglich – wer würde schon eine Maisernte oder eine Hirschjagd mitten in New York vermuten? Kurzum, es sind äußerst poetische Bilder einer dekonstuierten Stadtumgebung, in denen sich der Protagonist Robert Neville (zu) stilsicher im Film mit dem besten Dezember-US-Einspielergebnis aller Zeiten bewegt.

Robert Neville, das ist die Hauptfigur des gleichnamigen Romans „I am Legend“ aus dem Jahr 1954 von Richard Matheson, den Ray Bradbury als „one of the most important writers of the twentieth century“ lobt. Matheson beschreibt in seinem Buch den Wissenschaftler Neville, der sich nach einer weltweit wütenden Epidemie im Jahr 1976 als einzig „normaler“ Mensch in der Rolle eines gesellschaftlichen Outsiders behaupten muss, denn Vampire bilden die neue Gesellschaft: Sie lernten, mit der „Krankheit“ zu leben und für diese stellt der Wissenschaftler ein schmerzhaftes Relikt aus vergangenen Zeiten dar. Er ist nun das „Monster“, das beseitigt werden muss, um die Schwelle zu einem neuen Leben und zu einer neuen Gesellschaft zu überqueren. Der einflussreiche Roman erfuhr bereits zwei Verfilmungen vor der Will Smith-Variante: Bereits 1971 war Charlton Heston „The Omega Man“ und musste sich fieser Vampirhippies erwehren. Ein paar Jahre früher (1964) sorgte „The Last Man on Earth“ für Ruhe im Vampirzoo: Der großartige Vincent Price bleibt dabei unvergessen.

Nun ist es also der charismatische Will Smith, der sich an der Rolle des Robert Neville versuchen darf. Smith, der sich zwar immer wieder in ernsthafteren Rollen, wie etwa „Ali“, versucht, aber seine Popularität vor allem aus Actionrollen mit komödiantischen Einschlag bezieht. Zu diesen Filmen zählen zum Beispiel „Independence Day“, „Men in Black“, „Bad Boys“ oder „I, Robot“. Kennzeichnend für die Rollen, die Smith spielt, ist das Saubermann-Image. Entsprechend war Skeptik vorherrschend, als bekannt wurde, dass er es sein würde, der den letzten Menschen auf Erde spielen würde. Wie sich zeigt, waren diese ängstlichen Befürchtungen begründet.

Smith spielt Nevill in jeder Hinsicht souverän. Smith raucht nicht. Smith trinkt nicht. Smith macht die Großstadt nur in begrenztem Rahmen zu seinem Spielplatz. Smith onaniert nicht. Smith funktioniert. Als Mensch, als Soldat, als Wissenschaftler. Und zuletzt als Gläubiger. Er interpretiert Neville als zutiefst konstruktiv. Für ihn gibt es kein Zweifeln, kein Zögern, keinen Zusammenbruch. Nur als Gegensatzportraitierung ist er menschelnd. Er erschießt nicht aus nächster Nähe Tiere. Anders als die Vampire, die jede Chance nutzen. Will fängt, um zu forschen, Vampire fangen, um zu speisen. Neville ist ein forschender Übermensch ohne depressive Anflüge. Nur in kurzen Momenten wankt er. Und selbst diese Momente sind verdächtig kurz entfernt vom comic relief. Das ist tatsächlich schade und unterzieht den Film einer überklinischen Behandlung, die alle abgründigen und menschlichen Triebe zugleich erfolgreich ausmerzt. Doppelt schade: kurz bevor sich Smith seinen Ängsten und Zweifeln stellen muß, setzt – der Dramaturgie sei Dank – die volle Ladung Action ein. Das ist dann nicht die Zeit für Tränen und Stirnrunzeln, sondern für Tretminen und Assault Rifle. Beim Gegner“design“ ist man sich als Zuschauer auch nicht so ganz sicher. Was stellen die Wesen nun eigentlich dar? Sind es menschliche Raubtiere? Ist das, was wir sehen Rudelverhalten? Oder Schwarmverhalten? Kollektive Intelligenz? Welche Rolle nimmt der Anführer der Bande ein? Gibt es zwischen ihm und Neville eine persönliche Geschichte, wie es in einigen Szenen den Anschein hat? In den besten Momenten hat „I am Legend“ etwas von „28 Weeks later“ – ohne aber jemals den Grad von Spannung zu erreichen, den der Inselschocker bietet. Die digitalen Effekte, die die Monsterkreationen umschwirren sind von eher mäßiger Qualität – auch seien Freunde eines blutigen Steaks gewarnt, echter body splatter findet zu keinem Zeitpunkt statt.

Als Produkt seiner Zeit stellt „I am Legend“ eine kollektive Aufarbeitungsmaschine dar. Mehrfach unterstreicht Neville, dass er New York nicht verlassen könne, da dies sein Ground Zero sei. Er forscht, um „alles wieder gut zu machen.“ Er forscht, um die Uhr zurück zu drehen. Die Katastrophe 9/11, die so sehr präsent ist in diesen Bildern, darf nicht passieren. Obwohl er in dem Bewußtsein lebt, dass alle Menschen um ihn herum eigentlich tot und verloren sind, kann und will er nicht aufgeben. Er muss ein Gegenmittel finden. Für die Psychologie der Figur bedeutet dies freilich: dauerhafte Motivation. Ständiges Arbeiten. Keine Ruhe. Er in den letzten Minuten sieht Neville ein, dass dies nicht möglich ist, die Zeit zurück zu drehen; und zieht daraus seine einzig mögliche Konsequenz.

Eine interessante Rolle spielt die Frage nach religiösen Fragen und Motiven in „I am Legend“. Hier gibt sich der Film schlussendlich erstaunlich bieder. Zwar pocht Neville in einer feurigen Rede darauf, dass, angesichts der globalen Katastrophe, Gott nicht existiere, aber die Bilder sprechen eine gänzlich andere Sprache. Neville erfährt an einer späteren Stelle des Films unerwartet Rettung, Diese Rettung kündigt sich nicht nur „Licht am Ende des Tunnels“ an, sondern wird durch ein Kruzifix, welches gemütlich am Rückspiegel baumelt, noch nachhaltig verstärkt. Wenig später muß sich Neville der Einsicht beugen, dass zumindest andere Überlebende existieren könnten. In all der Stille, die nun omnipräsent sei, so das Gerücht, könne man Gottes Stimme wieder klarer hören. Und dieser führt seine Kinder, ganz wie Mose, nur über CB-Funk, aus der Knechtschaft in ein besseres Leben ohne Furcht und Terror. Und zu guter Letzt (SPOILER AHEAD) erleben wir auch noch das letzte Rückzugsgebiet der Menschen. Tatsächlich, es gibt sie also, die nicht infizierte Kolonie voller Menschen. Eine kommunitäre Utopie des 19. Jahrhunderts, die von dem Dröhnen einer sehr präsenten Kirchenglocke dominiert wird, an der die US-Flagge lieblich im Windhauch steht: Ländliches Idyll, welches von einem friendlichen Miteinander von Zivilreligion und institutionalisierten Glauben lebt. Freunde der Romanvorlage wird es schütteln (auch das ursprüngliche Filmende wird diese übrigens kaum versöhnlich stimmen).

Die US-Presse war hin- und hergerissen, was „I am Legend“ betrifft. Während die Village Voice lobt: „In what has been a pretty remarkable career up to now, it's this performance that fully affirms Smith as one of the great leading men of his generation", bemängelt der Austin Chronicle: “Unfortunately, after those first 10 minutes it’s all downhill for I Am Legend, as the film descends into a monster-movie malaise starring a horde of balding CGI monsters that look like refugees from a video game and that will scare absolutely no one, save those who worry that green-screening is ruining the movies.” New York Daily News verkündet begeistert: “The Manhattan movie of the year, Francis Lawrence's I Am Legend, offers a stunning glimpse into how the city - as we know it today - might look in 2012 if it were abandoned in 2009.” Anders die Baltimore Sun: “The credits list a couple of dozen medical and scientific consultants. What this film really needed was a script doctor.“


Leider allzu familiengerechte Verfilmung des Romans in visuell äußerst beeindruckendem Setting.


Rudolf Inderst