30 Days of Night

USA, 113min
R:David Slade
B:Steve Niles, Stuart Beattie
D:Josh Hartnett,
Melissa George,
Danny Huston,
Ben Foster,
Manu Bennett
L:IMDb
„When man comes up against something he can't destroy, he destroys himself instead.”
Inhalt
Barrow, Alaska: Jedes Jahr im Winter bleibt es in der abgeschiedenen Kleinstadt für einen Monat lang Nacht - 30 Tage lang. Eine harte Zeit, in der die meisten Einwohner ihre Heimat Richtung Süden verlassen. Doch dieses Jahr Kommt es schlimmer: Kaum sind die letzten Sonnenstrahlen am Horizont verschwunden, kommt eine Gruppe geheimnisvoller Fremder auf der Suche nach Nahrung in die Stadt. Und diese Nahrung sind die zurückgebliebenen Einwohner von Barrow, über die die Neuankömmlinge regelrecht herfallen. Sheriff Eben (Josh Hartnett) und seine Frau Stella (Melissa George) stellen sich den angriffslustigen Vampiren in den Weg, um die Einwohner von Barrow zu retten. Doch die Nacht ist noch lang und die Zahl der Überlebenden schwindet.
Kurzkommentar
Nach dem Geheimtipp "Hard Candy" wagt sich Regisseur David Slade (mit jeder Menge Videoclipwissen, u.a. Aphex Twin, ausgestattet) an die Realverfilmung des sehr beliebten US-Comic "30 Days of Night", den er als sehr blutlastige, von Horrorlegende Sam Raimi produzierte, Dezimierungsshow in fast zwei Stunden auf die Leinwand bringt. Grimmig und humorlos geben sich diese 30 Tage und am Ende scheint eine altbekannte Weisheit zu thronen: "Freedom comes with a price."
Kritik
"That cold ain't the weather - that's death approaching. Who do you think they're gonna take first?" Lange lässt sich der Film nicht Zeit, diese Frage zu beantworten. Doch zuerst einmal ad fontes. Die Comc-Miniserie "30 Days of Night" bedeutete nicht weniger als den Kickoff zweier Karrieren. Autor Steve Niles und Zeichner Ben Templesmith begannen im Jahr 2002, ihrer Vampirsaga Leben einzuhauchen. Der Spielfilm dürfte nun dafür sorgen, dass einige Seher auch zu Lesern werden: Zumal man doch gerne wissen möchte, wie die Geschichte weiter gehen könnte.

Der Film hält sich zunächst einmal nicht mit schnöder Portraitierung geophiler Alaska-Sensation auf, sondern lässt das verrottete und verrostete (Schiffs-)übel gleich von der Leine. Die Vampirvorhut macht sich durch den tiefen Schnee auf, die Invasion der Blutsaufenden vorzubereiten, in dem er der kleinen Gemeinde systematisch die Kommunikationsmöglichkeiten einschränkt und Warnmechanismen in Form von Hunden ausmerzt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird Kleinstadt-Sheriff Josh Hartnett nervös, den viele Fanboys des Comics als klassische Fehlbesetzung werteten. Zu jung, heißt es da, zu mild, heißt es dort – und das obwohl Hartnett schon, so scherzend an dritter Stelle zu lesen, "40 Tage, 40 Nächte"-Erfahrung mitbringt. Zugegeben, es wirkt ein wenig seltsam, den jungen Mann zusammen mit seiner jungen Ehefrau und seinem 15-jährigen Filmbruder zu sehen und nicht an einer Clique von Gleichaltrigen zu denken, aber Hartnett weiß auszugleichen. Zieht erst einmal der Horror so richtig in die kleine Stadt ein, durchlebt Hartnett die wildeste Gefühlsachterbahn seines (Schauspieler-)lebens. Da ist nichts mehr von dem coolen Schulhoftypen aus "The Faculty" und (zum Glück) schon gar nichts mehr von dem schmierigen Charmebolzen-Bomberpiloten aus "Pearl Harbor" übrig. Der junge Schauspieler verliert über das Grauen, die (Selbst-)ekel, aber auch die Freude kaum Worte. Stoisch greift er zur Axt, wenn es sein muss und genau so entschlossen und mit wenigen Worten besiegelt er sein eigenes Schicksal, wenn es darum geht, die geschrumpfte Gemeinde vor der totalen Auslöschung oder Schlimmerem zu bewahren: To Serve And Protect!

Und das Schlimmere ist farbenfroh! Welches Auge könnte schon der Herausforderung widerstehen, roten Lebenssaft auf weißem Schnee zu vergießen? Na eben. Gorehounds werden in kurzen, intensiven Phasen der komplett in Neuseeland gedrehten Produktion kräftig bedient: Hacken, Schlitzen und Schließen gepaart mit Nulltoleranz für Alte und Kinder. Die Vampire haben dabei nichts mehr europäisch Aristokratisches an sich, sondern sind viel mehr von den Infizierten aus "28 Days Later" inspiriert. Reißschwenks und wilde Schnitte kombiniert mit einem gönnerischen Kameraflug über die Kleinstadt, als die 32 Mio. Dollar Blutorgie ihren Höhepunkt zelebriert, sprechen eine überdeutliche Sprache der Gewalt. Die Ausarbeitung der Charaktere ist in "30 Days of Night" wohl nicht das bestimmende Thema gewesen, zudem erinnert der Film auch eher an "30 Hours of Night", den praktische Probleme des Überlebens unter übernatürlicher Belagerung werden kaum thematisiert. Allein Ben Forster in seiner Rolle als seltsamer und bedrohlicher Fremder sorgt für ein wenig Grauschattierung des Schauspiels. Auch der Zwist der Vampire, den die Comicvorlage noch einfängt, nämlich die Sorge des Blutsaugeroberhaupts, dass durch das Schachtfest in der menschlichen Siedlung, unnötiges Interesse auf Vampire gelenkt würde, ist nur noch schwächlich erahnbar. Und das Wundermake-up, welches die Ehefrau des Sheriffs 30 Tage am Stück glänzend aussehen lässt, wünschen sich bestimmt auch zahlreiche Kinogängerinnen…

Oftmals handelt es sich um besonders interessante Filme, wenn sich Kinogänger und Kritik in gewisser Weise widersprechen. Und dabei muss es sich nicht einmal um Kritik beziehungsweise Kritiker handeln, die im Verdacht stehen, ausschließlich die Performanz und Tiefe der Erstlingsfilme kirgisischer Cutter zu bewundern. Als Indiz für diese Vermutung kann man einen kleinen US-Pressespiegel zusammenstellen. Während "30 Days of Night" bei imdb.com immerhin eine 7,1 einfahren konnte, stellt sich die Filmkritik prompt quer. Während der Philadelphia Inquirer noch von einem "bloodsucker's paradise" spricht, und der San Francisco Chronicle unterstreicht: "A well-paced and entertaining horror debut", will die Los Angeles Times nicht in das Lob miteinstimmen: "The movie thus moves from truly creepy to truly inane, which is, unfortunately, all too common in films of this ilk." Noch kritischer bewertet die New York Times "30 Days of Night": "The performers have little to do besides spill and drink blood in this tedious, inconsequential B picture. The sun doesn’t rise nearly fast enough."


Überraschend harter Vampirhorror basierend auf Comicvorlage, welcher stark zwischen geradliniger und ungelenker Inszenierung und Dramaturgie alterniert.


Rudolf Inderst