Ratatouille

USA, 111min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Brad Bird
B:Brad Bird
L:IMDb
„Das Essen kommt zu denen, die mit Leidenschaft kochen.”
Inhalt
Der kleine Remy träumt davon, ein berühmter Chefkoch zu werden. Dabei hat er nicht nur mit den Vorurteilen seiner Familie zu kämpfen, sondern auch mit dem offenkundigen Problem, dass es sich bei dem angepeilten Berufszweig um ein eher nagetierfeindliches Gewerbe handelt: Remy ist eine Ratte! Als das Schicksal Remy nach Paris verschlägt und er ausgerechnet im Restaurant von Starkoch Auguste Gusteau – seinem großen Idol – landet, erfährt er „am eigenen Fell“, welche Gefahren die Haute Cuisine für einen kleinen Nager mit sich bringt. Doch als der Küchenjunge Linguini zufällig Remys spektakuläre Kochkünste entdeckt, wendet sich das Blatt: Die beiden tun sich zusammen und bringen so eine Reihe spannender und urkomischer Ereignisse ins Rollen, die schon bald die kulinarische Welt von Paris in helle Aufruhr versetzen.
Kurzkommentar
Mit schöner Verlässlichkeit legt Pixar wieder den besten Animationsfilm des Jahres vor. Erneut kann „Findet Nemo“, dem Primus aus eigenem Hause, allerdings nicht ganz das Wasser gereicht werden. „Ratatouille“ ist ein liebevolles, frankophiles Märchen um den großen Traum einer Gourmet-Ratte. Nach einem turbulenten Auftakt verliert „Ratatouille“ jedoch abschnittsweise deutlich an Tempo und Witz. Hier und dort hätten mehr würzige Pointen nicht schlecht getan.
Kritik
Von ziemlich viel Tamtam begleitet und von langer Hand lanciert, ist jeder neue Pixar das Großereignis des Trickfilmjahres. Das ist auch bei „Ratatouille“ nicht anders. Allerdings dürfte sich mittlerweile hinter all dem Trubel um den Witz und das Genie der Geschichten auch ein schnödes geschäftliches Meßlatten-Szenario aufgetan haben: „Die Unglaublichen“, Brad Birds letzter Film aus dem Jahre 2004, blieb hinter dem Kassenergebnis von „Findet Nemo“ aus Jahre 2003 zurück; auch so im letzten Jahr: John Lasseter („Toy Story“), neben Bird und Andrew Stanton („Findet Nemo“) der Dritte im kreativen Regie-Dreigestirn von Pixar, schnitt mit seinen sprechenden Autos in „Cars“ noch schlechter ab als „Die Unglaublichen“. Im Vergleich zu den relativ sinkenden Umsätzen steigen die Budgets der neueren Filme jedoch rasant an – „Ratatouille“ ist mit Abstand die bis dato teuerste Pixar-Produktion. Mit allem Aufwand wird versucht, der superlativischen Erwartungshaltung gerecht zu werden. Aber auch „Ratatouille“ wird, wie es aussieht, „Findet Nemo“ an der Kasse nicht überrunden können – das schafft womöglich erst der neue Versuch der „Findet Nemo“-Macher, der kommenden Sommer startet.

Technisch und inhaltlich leistet sich „Ratatouille“ dennoch keinen Patzer, auch wenn der Film nicht der erhoffte große Wurf ist. Zunächst einmal erfreut, dass die steigenden Kosten des Streifens sich unmittelbar auch im optischen Genuss niederschlagen. Im Vergleich zu den vorigen Projekten hat sich die Güte der Animation noch einmal erheblich erhöht – dass mit der Ratte ein pelziger Nager den träumerischen Helden in „Ratatouille“ gibt, mag sich hier schon von daher erklären, dass die naturgetreue Animation von Tierfell für die Computergrafiker noch immer eine Herausforderung darstellt. Bird nimmt sie mit seinem Team bravourös: ‚Nahaufnahmen’ des Fells wirken geradezu fotorealistisch; ähnliches gilt für die Raumwirkung der digitalen Akteure und einen wichtigen Part der Objekte: Die Haute Cuisine in „Ratatouille“ sieht teils zum Anbeißen echt aus. Auch erzählerisch kann „Ratatouille“ die allgemeinen Pixar-Tugenden mühelos reaktivieren. Ob es Tiere, Autos, Spielzeuge oder Roboter sind – die nur in Pixel existierenden Gestalten wirken nie weniger lebendig als reale Schauspieler. Die Wesensart einer jeden Figur wird liebevoll und detailliert ausgelotet.

Der Motor, der über das Gelingen des Spaßes entscheidet, ist jedoch die Grundidee und ihre erzählerische Umsetzung. Und da hätte man „Ratatouille“ tatsächlich mehr Würze verpassen können. Von zwei oder mehr diametralen Gegensätzen auszugehen, ist zugegebenermaßen witzig: Nicht nur wird das Bild der Ratte absolut umgekehrt, indem sie vom bedrohlichen Küchenparasit zum Maitre de Cuisine erhoben wird. Indirekt schwingt auch ein ironisch formulierter Gegensatz zur Fast-Food-Unkultur Amerikas mit – denn anders als dort können in Frankreich, dem Mutterland der Esskultur, offensichtlich selbst die Ratten kochen. Dabei gelten die ja weithin als völlig zu Unrecht stigmatisiert (sieht man von der Übertragung der Pest einmal ab), verfügen sie doch nicht nur über einen feinen Geruchssinn, sondern auch über eine ausgeklügelte Sozialstruktur und so fort. Die Idee, der gemeinen Ratte zum Imagewandel zu verhelfen und sie aus der französischen Provinz nach Paris zu katapultieren, um dort gegen alle menschlichen Widerstände den Traum der kochenden Selbstverwirklichung zu leben, klingt gleichermaßen aberwitzig wie betulich.

Auch wenn keine der knappen zwei Stunden langweilig ist, hat „Ratatouille“ doch zwei kleinere erzählerische Probleme, ohne die Pixars neuer Spaß sicher pointenreicher ausgefallen wäre: Zum einen leidet der Film darunter, dass sich Regisseur Bird dazu entschied, den Ort des Geschehens auf die eine Küche in Paris zu beschränken. Die wechselnden Örtlichkeiten zu Beginn schrumpfen auf den Mikrokosmos der Küche zusammen, wo die Dynamik des Anfangs einem teils schwachen Mittelteil weicht. Das Hin und Her zwischen Küchenbelegschaft, einem griesgrämigen Küchenchef und dem liebenswürdigen jugendlichen Tellerwäscher hat anfänglich seine Reize, doch hätten einige neue Ideen gerade im zweiten Drittel nicht geschadet. Selbst simpel kalkulierte Lacher hätte man hier deutlicher platzieren können. Das zweite Problem zeigt sich in der Interaktion von Mensch und Tier: Es mag mittlerweile zum Grundsatz in Pixar-Filmen zählen, dass die digitalen Menschen die digitalen Tiere nicht verstehen, dass nur die Tiere die Sprache der Menschen verstehen.

Gerade die Unmöglichkeit zur Sprache nervt in „Ratatouille“ jedoch. Denn aus diesen Vorgaben geht der nur zunächst witzige, dann aber zu exzessiv ausgekostete Einfall hervor, die Ratte den menschlichen Verbündeten wie eine Marionette steuern zu lassen statt sich mit ihm auszutauschen. Insgesamt gerät „Ratatouille“ daher in einigen Passagen zu einförmig. Dennoch ist der Film unter dem Strich eins echtes (kulinarisches) Vergnügen im vordersten Feld des Genres: Originelle Figuren, eine gute Dosis Paris, lieb gewonnene Frankreich-Klischees und eine brillante technische Umsetzung machen „Ratatouille“ zu einem empfehlenswerten Spaß quer durch alle Altersgruppen. Nur an einigen Stellen ist es wie mit dem nicht ausreichend abgeschmeckten Essen – irgendwas fehlt.

Perfekt animiertes Trickfilmmärchen mit teils zu wenig Biss


Flemming Schock