Death Sentence - Todesurteil
(Death Sentence)

USA, 101min
R:James Wan
B:Ian Jeffers
D:Kevin Bacon,
John Goodman,
Kelly Preston,
Jordan Garrett,
Aisha Tyler
L:IMDb
„You listen to me. You go near my family, and I will cut out your goddamn guts like I did your fucking friend. Do you hear me?”
Inhalt
Nick Hume (Kevin Bacon) ist ein freundlicher, ruhiger Manager mit einer intakten Familie, einem guten Job und einem perfekten Leben. Bis er seines Tages mit ansehen muss, wie sein ältester Sohn von einer Straßengang brutal ermordet wird. Gequält von Trauer und Schmerz ist Hume bald nur noch von einem Gedanken besessen: Rache. Er wird zu Richter, Jury und Henker in einer Person, denn alle Beteiligten sollen für das grauenvolle Verbrechen büßen, erbarmungslos und ohne Ausnahme.
Kurzkommentar
Dreht James Wan immer denselben Film? Selbstgerechte Männer, die nichts mehr zu verlieren haben, spielen sich bei dem US-Regisseur gerne zu Richtern und Henkern auf, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. „Death Sentence“ bietet geradlinige und technisch ansprechend photographierte Bilder voller unbändiger Energie, einen grandiosen Kevin Bacon, aber eine menschenverachtende Grundaussage, die Humanisten in Scharen aus den Kinosälen treibt.
Kritik
Rachefilme bilden ein eigenes Genre mit eigenen Gesetzen. Egal ob „Ein Mann sieht rot“, „Der Mann mit der Stahlkralle“, „Der Exterminator“ oder „Vigilante“; sie alle appellieren an die vermeintlich „primitiven“ Triebe und einen anachronistischen Gerechtigkeitssinn, der im Menschen nach dem alttestamentarischen Motto „Auge um Auge, Zahn und Zahn“ schlummert. Der 110-minütige Film, der komplett in Columbia, South Carolina abgedreht wurde, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Brian Garfield, aus dessen Feder auch die Vorlagen für die „Death Wish“-Reihe mit Charles Bronson stammen.

Die Bergpredigt hat auch in der Welt Nick Hume nichts zu suchen. Konfrontiert mit dem unvorstellbaren Grauen, das über sich und seine Familie hinein bricht, wählt der Versicherungsspezialist einen Weg und geht diesen konsequent bis zum (blutigen) Ende. „Well, you don't really know what you'd do until it happens. Surprise yourself.“ Bemerkt er dazu im Film lakonisch, als er nach seiner Rachetat mit blutigem Handverband sein kleines gesundes homemade Sandwich futtert. Demnächst wird auch Jodie Foster mit „Die Fremde in Dir“ das anscheinend tief verwurzelte Misstrauen vieler US-Amerikaner in die Urteils- und Bestrafungsfähigkeit des Justizwesens zum Ausdruck bringen. Da mag der liberal intellektuelle Europäer verächtlich schnauben und zu Ausdrücken wie zynisch oder sogar faschistoid greifen, doch er sollte Vorsicht walten lassen. Denn man kann den Film auch durchaus (mit etwas gutem Willen) anders lesen. Aus einem Zustand der vermeintlich heilen Welt ruckartig erwacht, schlägt Suburbia zurück und nähert sich doch, ohne es recht zu merken, den Methoden und Seinszuständen der moralisch verwerflichen Gegenseite an. Der Film reflektiert diese Tendenz, indem er den blutenden und sterbenden Antagonisten leise bemerken lässt: „Look at you. You look like one of us. Look what I made you become.”

Kevin Bacon ist zweifellos die richtige Wahl für die Figur des amerikanischen Vaters, der sich als Beschützer von Heim, Herd und Familie begreift. Er, der in so vielen verschiedenen Rollen großartige Leistungen vollbrachte (u.a. in „Sleepers“, „Mystic River“ oder Stir of Echoes“, überspielt auch in diesem Film einige dramaturgische Ungereimtheiten, wobei er manchmal nur haarscharf am Overacting (Stichwort: Intensivstation) vorbeischliddert. Das mag aber auch an der fiesen Lieblich-Score liegen, die jeden Gefühlsausbruch auf der Leinwand dermaßen übertrieben gefühlsbeladen-trauernd unterstreicht, als sprächen alle Charaktere fortwährend vom Holocaust. Zwar können die restlichen fiesen Burschen, die eine wilde Mischung aus Latino-, Black- und Skinhead-Gang darstellen getrost als heißblütige Karikatur allen Stadtübels und Schießbudenfiguren abgefrühstückt werden, aber der schmierig-gelungene Auftritt von John Goodman, der für ein wenig Profit gern seinen eigenen Sohn ans Messer liefert, macht vieles wieder wett. Der Showdown, bei dem ein „Taxi Driver“-inspirierter Bacon zur Jagd bläst und mit einem Gewehr hantiert, das sogar Michael Caine in „Get Carter“ beeindruckt hätte, lässt Wan sein handwerkliches Geschick demonstrieren. Es geht unter dem Gedonner von Gitarrenriffs recht blutig und schießwütig zu in einer Kulisse, die vor Dreck nur so strotzt. Hier hat der Versicherungsmann seine heile und klinisch-reine Welt längst hinter sich gelassen und ist zum blutigen Handwerker mutiert. Was am Ende steht, lässt der Film offen. Neuetablierung reduzierter Familienbande? Sanftes Entschlafen angesichts wunderschöner Erinnerungen? Wan entscheidet sich nicht. Und der Zuschauer geht mit einem Kopf voller Fragezeichen nach Hause.

Die US-Presse nahm den Film mit gemischten Gefühlen auf. In der Seattle Time ist zu lesen: „It's got style to burn and is more gruesome that any schlock-horror gorefest.” Der Miami Herald beschreibt den Film als: “An old-school exploitation picture, polished off with a modern sensibility.” Susan Granger zeigt sich angewidert: “Exploitive and overwrought with extreme violence - one of the worst movies so far this year.” Und im englischen Guardian heißt es schließlich: “Only drinking a pint of paint-stripper would leave a nastier taste in the mouth.”


„Death Sentence“ liefert den fadenscheinigen Vorwand gerechter Abrechnung, um stilsicher jede Menge Gewalt auf der Leinwand zu zelebrieren.


Rudolf Inderst