Zodiac - Die Spur des Killers
(Zodiac)

USA, 157min
R:David Fincher
B:James Vanderbilt, Robert Graysmith
D:Mark Ruffalo,
Jake Gyllenhaal,
Robert Downey JR.,
Anthony Edwards,
Brian Cox
L:IMDb
„Before I kill you, I'm going to throw your baby out the window.”
Inhalt
In Anlehnung an die wahre Geschichte eines Serienmörders, der den Großraum San Francisco in Atem hielt und jahrzehntelang die Behörden in vier Verwaltungsbezirken mit seinen Chiffren und Briefen verspottete, inszenierte DAVID FINCHER nach "Se7en" und "Fight Club" nun den Thriller ZODIAC. Vier Männer sind von der Jagd auf den Jäger besessen - diese Besessenheit verändert sie völlig und macht sie zu Gespenstern ihrer selbst: Die endlosen Hinweise, die der Killer hinterlässt, dominieren ihr Leben - und zerstören es.
Kurzkommentar
Der style over substance Fincher aus "Panic Room" war einmal, der nicht nach der Uhr der Konventionen tickende "Fight Club" Fincher auch. Geblieben ist ein ruhig erzählender, sich fast gänzlicher zurückziehender Fincher, der mit "Zodiac" ein Stück Zeit- und Mediengeschichte auf- und ausarbeitet. Das jenes leider auf Kosten von spannendem Kinoerlebnis geht, ist schade und legt den Schluss nahe, dass der Zodiac-Killer vielleicht lieber in einer Mini-Serie lauen Schrecken verbreiten hätte sollen.
Kritik
Kritikikone Fritz Göttler sieht in "Zodiac" einen "wahrhaft atemraubende[n] Thriller" und "ein Suspense-Meisterstück"; auch andere deutsche Medien äußern sich wohlwollend und metacritic.com donnert auf stolze 7.7 von 10. Wer will da schon widersprechen? Wer will da widersprechen, wenn Fincher "endlich" das liefert, was so lange gefordert wurde? Einen zurück nehmenden Film; einen Film, der sich nicht Kamera-Kabinettstückchen und Kuriosem, sondern mit Inhalten beschäftigt? Ein Film, der sich Zeit nimmt, und bei dem nicht die Hatz regiert?

Der Film ist zweifellos beachtlich. Das sind zum einen diese Bilder, die San Francisco entlarvend anders zeigen als sonstige Produktionen. Manchmal wähnt man sich als Zuschauer in Detroit oder in anderen grau-braunen Industriestädten, auf keinen Fall aber im sonnigen SF – Stadt der Hippies. Stadt der glücklichen und fröhlichen Kinder. Stattdessen: PVC und Regen. Und der Zodiac. Mit dem Zodiac nimmt Fincher eine Figur auf's Korn, die bereits regen Einzug in die Populärkultur hielt (auch, weil er selbst dafür sorgte): Der "Scorpio-Killer" aus "Dirty Harry" ist an die Figur angelehnt, in Serien wie "Nash Bridges", "Criminal Minds" oder "Millennium" tauchten ähnlich gestrickte Figuren auf und nicht zu vergessen ist auch eine frühere Filmversion von Alexander Bulkley aus dem Jahr 2005. Es steht also außer Frage, dass der Zodiac Killer, der zwischen zwischen Dezember 1968 und Oktober 1969 fünf Menschen ermordete und andere schwer verletzte, die Fantasie der Medienwelt anregte. Auch ist bis heute die Identität des Killers nicht gelüftet, zwar bietet Fincher EINE mögliche Lösung, ist aber – subtiler als Oliver Stone bei "JFK" – gleichzeitig darauf bedacht, diese Lösung e pluribus una darzustellen. Der US-Regisseur, der selbst zur besten Zodiac-Zeit in San Francisco aufwuchs, bringt dem Zuseher auch den Frust nahe, den bestimmt viele Menschen in der damaligen Zeit spürten. Frust, der sich anstaute, weil man sich von einem einzelnen (gefährlichen) Menschen seinen Tagesablauf diktieren lassen musste (Stichwort: Schulbus); Frust, ob der Unfähigkeit der Polizei und letzten Endes Frust, weil die Presse eine ambivalente Rolle einnahm. Nicht nur bot sie dem Killer eine Plattform für seine Ankündigungen, sondern sie sorgte dafür, dass der Hohn des Mörders vielfach Verbreitung fand. Für Begeisterung sorgt auch das Schauspiel des 85 Millionen US-Dollar teuren Films– besonders Jake Gyllenhaal als Robert Graysmith und Mark Ruffalo als Dave Toschi spielen schlichtweg fantastisch. Bei Robert Downey junior kann man sich indes nie sicher sein, ob er sich nicht einfach selbst spielt (Prost!). Alle Beteiligten werden von Harris Savides stolze 158 Minuten lang herrlich in Szene gesetzt.

Und dennoch: Elegisch-gediegen vergehen die zweieinhalb Stunden alles andere als im Flug. Mitunter wird es langatmig und langwierig, mitunter möchte man vorspulen und nicht mehr warten, bis sich heraus stellt, die Protagonisten haben sich erneut in einer Sackgasse verrannt. Aber vielleicht muss es genauso so sein und so dargestellt werden. Fincher scheint geradezu panische Angst davor zu haben, echten Thrill zu benutzen: nur ein, zwei Mal blitzen seine Fähigkeiten durch. Die PR des Films legt sehr großen Wert darauf festzuhalten, wie sehr der Film den psychischen Niedergang der den Zodiac jagenden darstellt. Davon allerdings ist tatsächlich wenig zu bemerken. Gyllenhaal verliert sein Filmweibchen recht klinisch-sauber, auch zeigt man ihn nie in Finanznot oder Existenzangst. Viel eher erscheint er wie ein eifriger Sammler von Informationen: eben jemand, der seine Berufung gefunden hat. Und der Herr Chefermittler? Er verliert seinen Job, aber nie die gute Laune. Viel eher könnte man sich die beiden auch in einem der vielen buddy movies vorstellen. Von seelischer Pein erkennt man da herzlich wenig.

Langatmiges und höhepunktarmes, aber wunderbar besetztes und gespieltes Kriminalstück


Rudolf Inderst