Pirates of the Caribbean 3 - Am Ende der Welt
(Pirates of the Caribbean 3 - At World's End)

USA, 167min
R:Gore Verbinski
B:Ted Elliott
D:Johnny Depp,
Geoffrey Rush,
Orlando Bloom,
Kera Knightley,
Chow-Yun Fat
L:IMDb
„Darf ich dir eine Machete für dein intellektuelles Dickicht leihen?”
Inhalt
Will Turner (Orlando Bloom) und Elizabeth Swann (Keira Knightley) haben sich – in einem verzweifelten Versuch Jack Sparrow (Johnny Depp) zu retten – mit dem tot geglaubten Captain Barbossa (Geoffrey Rush) verbündet. Währenddessen treibt Davy Jones (Bill Nighy), der sich nun unter der Kontrolle der East India Trading Company befindet, mit seinem Geisterschiff “Flying Dutchman” sein Unwesen auf den Weltmeeren. Immer mit der Gefahr des Verrats konfrontiert müssen sich Will und Elizabeth durch wilde Gewässer bis ins exotische Singapur durchschlagen und dem gerissenen chinesischen Piraten Sao Feng (Chow Yun-Fat) gegenübertreten. Am Ende muss sich jeder für eine Seite entscheiden, denn in der letzten gewaltigen Schlacht steht nicht nur das Leben und Schicksal der Beteiligten auf dem Spiel, sondern auch die Zukunft aller Piraten und ihrer freiheitsliebenden Lebensart …
Kurzkommentar
Wie befürchtet gerät das dritte Piraten-Spektakel zum Ärgernis. Ließ Regisseur Gore Verbinski das einst so originelle Szenerio schon in „Pirates of the Caribbean 2“ müde aussehen, braucht es sich im dritten Anlauf in endlosen Selbstzitationen und inhaltlichen Lieblosigkeiten selbst auf. Das Finale treibt die Untugenden des ersten Sequels auf die Spitze: (Wort-)Witz sucht man auf weiter See ebenso vergebens wie Spannung und Sparrow torkelt zunehmend gelangweilt über die Planken. Besonders der heillos konfuse Plot lässt die überlangen knappen drei Stunden zur echten Geduldsprobe ausarten. Da helfen auch die Schauwerte nicht mehr.
Kritik
Flaute, Schiffbruch, Segelstreichen und so weiter. Man möchte alle platten Metaphern des Seemann-Jargons aufbieten, um der Desillusionierung durch den finalen Teil der „Pirates of the Caribbean“ Ausdruck zu verleihen. Es macht kein Sinn, über den Sinn von Fortsetzungen zu diskutieren, die gerade in diesem Jahr von Hollywood ausgehend die gesamte Kinowelt überrollen und dabei wenigstens in teils selbstironischer Weise ihre eigene Reihennummer auf die Schippe nehmen („Stirb Langsam 4.0“) – so lange die Kuh Geld abwirft, wird sie gemolken. Nach den beschämend überflüssigen „Matrix“-Fortsetzungen und dem lahmen „Spider-Man 3“ ist man wieder versucht, ein Reihengesetz zu formulieren, in der die „Herr der Ringe“-Trilogie – schon deswegen, weil sie auf dem seltenen Fall einer ihrerseits dreiteiligen, geschlossenen Buchvorlage aufbaut – als Ausnahme nur die trübe Regel bestätigt: Die beiden letzten Teile überschatten den ersten.

Am Ende der Welt ist man mit der Geduld wirklich am Ende, mit dem Finale der „Pirates“ dürften die einst so überbordenden Sympathien für Jack Sparrow und seine Kielratten endgültig abgesoffen sein. Der Zenit möglicher kommerzieller Ausschlachtung der ursprünglichen Themenpark-Attraktion ist in einer 170-minütigen Zeitvernichtungsmaschinerie endgültig überschritten; totgelaufen wird sie nach Disney-Land zurückkehren. Es stimmt schon wirklich traurig, dass ausgerechnet jene Film-Crew, die vor vier Jahren ein ganzes Genre barg, eben dieses wieder herunterwirtschaftet. Was „Pirates 3“ zum Verhängnis wird, ist, dass er die bedenkliche, im zweiten Teil bereits angedeutete sklavische Befolgung schematischster Sequelformeln in erschreckender Konsequenz zu Ende bringt: Die Figuren sind nur noch schale, immer mehr verblassende Zitate ihrer selbst – Untote der Wiederholung – und schippern durch einen verworrenen Plot, in dem jede Menge narrativer Firlefanz um Seelenschuld und Verrat auf enervierende Weise ausgebreitet wird. Das dient, wie im Vorgänger auch, jedoch nur dazu, die Zeit bis zur nächsten Actionssequenz mühlselig lang werden zu lassen. Ein Abenteuer der Langeweile.

In einer Schlüsselszene bietet Kapitän Jack dem jungen Will Turner eine Machete für dessen intellektuelles Dickicht an. Gleiches hätten Regisseur Gore Verbinski und Drehbuchautor Ted Elliott befolgen sollen: Mit der Schneideschere den Film um satte siebzig Minuten kürzen und das erzählerische Gestrüpp um Verrätereien und noch mehr Schuld auf einen pragmatischen Actionplot herunterschneiden sollen. Auch für die erzählerischen Irrfahrten gibt es ein Requisit, das zum treffenden Sinnbild wird: eine Seekarte, in verschiebbaren, konzentrischen Kreisen angeordnet, die immer wieder neue, irritierend geographische Konfigurationen ergeben. So könnte auch im Film in völliger Beliebigkeit das Geschehen der vorigen Minuten Kopf stehen. Dass „Pirates 3“ in seinem ärgerlichen Wirrwarr sich so gar nicht von seinem Vorgänger unterscheidet, wird sicher daran liegen, dass sie direkt hintereinander gedreht wurden. Trotzdem bleibt es erstaunlich, wie ein Jahr vergehen konnte und die Filmcrew die doch weithin festgestellten Defiziten des Vorgängers entschlossen ignoriert. Wo dieser wenigstens noch durch die maskentechnisch-phantastische Großtat des tentakeligen Davy Jones punkten konnte, flaut „Pirates 3“ schon deswegen ab, weil keine Figur eingeführt wird, die irgendwie von Belang wäre oder anspräche.

Yun-Fat Chow ist als Piratenfürst Sao Feng unter dem Strich ein schlechter Scherz. Geoffrey Rush wird als Barbossa wieder aus der Kiste geholt und bleibt auch eine brillante Figur, leider legt ihm der Film genau so viel Witz in den Mund wie der Johnny Depp seinem Jack Sparrow: nämlich ungefähr gar keinen. Situationskomik, groteske Einlagen, selbst platteste Schenkelklopfer – man wartet vergebens. Stattdessen wird ominös-einlullend und - schlimmer noch - unangemessen ernst dahergeschwatzt, zudem gibt es Sparrow jetzt in auf Kunst getrimmten halluzinatorischen Szenen in viel sagender Verdoppelung – weil das Publikum vom Dragqueen-Piraten Sparrow nicht genug bekommen konnte, serviert der Film jetzt die Quittung in trivialer Vervielfachung. Depp wirkt als Sparrow bereits wie eine von sich selbst angeödete, in der maritimen Szenerie herumstehende Karikatur der Karikatur; ein Punkt, der durch den peinlich-zwanghaften, völlig unmotivierten Kurzauftritt von Rockopa Keith Richards in der Rolle von Sparrows Piratenvater noch dramatischer erscheint: eine frisierte Dreadlocks-Tunte im fortgeschrittenen Verfallsprozess karnevalistischer Restverwertung.

Dass „Pirates 3“ wieder über großartige Produktionswerte und wunderbare Ausstattungsdetails verfügt, tröstet nicht darüber hinweg, dass Verbinski aus seinen Figuren keine einzige nennenswerte Pointe mehr herauskitzelt. Originelle Szenen, wie die einer westernartigen High-Noon-Szene, sind an einer Hand abzuzählen. Verbinski schifft seine Figuren vom einen Schlagabtausch zu anderen, worüber einem sämtliche Protagonisten im ihrem undurchsichtigen Motivationsgeflecht jedoch herzlich egal werden. „Pirates 3“ erfüllt als sich selbst entleerendes Rummelkino nicht eine der Kerntugenden des traditionellen Action-, Blockbuster- und Familienkinos: Er ist weder witzig noch spannend, trotz digital perfekt inszenierter Schlachten. Sicher liegt der erzeugte Überdruss auch in der Natur der Sache. „Captain Jack is back“, hieß es noch verheißungsvoll im letzten Jahr. Wenn es nach dieser filmischen Strandung „Kapitän Jack ist weg“ heißt, schwingt ziemlich viel Befreiung mit. Für Regisseur Verbinski wird es Zeit von Bord zu gehen und sich von Produzent Bruckheimer zu emanzipieren. Nur Johnny Depp soll schon von einem vierten Teil reden. Der wäre dann allerdings wohl nur noch mit viel Rum zu überstehen.

Langatmig, verworren, witzlos. Das Finale als abwirtschaftender Tiefpunkt


Flemming Schock