Daredevil

USA, 103min
R:Mark Steven Johnson
B:Stan Lee,Brian Helgeland, Mark Steven Johnson
D:Ben Affleck,
Jennifer Garner,
Michael Clarke Duncan,
Colin Farrell
L:IMDb
„How do you kill a man without fear? - By putting the fear in him.”
Inhalt
Trotz Blindheit kämpft Matt Murdock (Ben Affleck) für die Gerechtigkeit. Im realen Leben als Anwalt, in der Dunkelheit als dämonischer Rächer Daredevil. Der Öberbösewicht der Stadt, Kingpin (Michael Clarke Duncan) stellt jedoch eine besondere Herausforderung dar, ebenso die Eroberung einer Frau (Jennifer Garner). Dennoch wagt sich Daredevil daran, getrieben vom Hass seiner Kindheit, die Stadt vom Tyrannen zu befreien.
Kurzkommentar
Auf der patriotischen Superhelden-Welle schwimmend versucht »Daredevil« vom gegenwärtigen Law&Order-Verlangen der Amerikaner zu profitieren. Finanziell ein Erfolg, ist Daredevil cineastisch ein unausgegorenes Desaster, in dem wenig wirklich funktioniert.
Kritik
Ein dunkler, dämonisch angehauchter Held, und ein sanftes, sensibles Alter Ego in der realen Welt, das war die Ausgangsposition für »Daredevil«. Im Vergleich zum Hit des letzten Jahres, »Spiderman«, wurde dabei aber extra tief in die Klischeekiste gegriffen. Daredevil ist so selbstgerecht, dass ihm gar gleich kleine Teufelshörner aus seinem Kostüm wachsen, und sein wirklicher Gegenpart Matt Murdock ist so soft, dass er als blinder Anwalt umsonst den Benachteiligten zu einer Stimme verhilft. Soviel zu den Klischees. Dass Superhelden-Filme sich nicht um Realismus bemühen, mag als Einwand durchgehen, dennoch ist das Backgroundsetting mehr als dürftig. Denn es ist recht offensichtlich die Übersteigerung Spidermans ins Extrem, wobei Matt Murdock jedoch zugleich wenig echtes Leben gegönnt wird, und sein Charakter im Vergleich zu Peter Parker fade und eindimensional bleibt. Auch er hat natürlich seinen Initiationsmythos, der ihn zum ewigen Rächer gegen das Böse werden lässt - viel mehr Motivation ist aber nicht zu sehen. Und Ben Affleck, Schönling und Frauentröster, in den letzten Wochen wegen der Verlobung mit Jennifer Lopez strahlender Titelheld sämtlicher US-Klatschblätter, als dunkler, gequälter, leidender Vollstrecker? Wir haben schon bessere Darstellerentscheidungen gesehen.

Die Geschichte von »Daredevil« ist so sehr reduziert, dass man »Spiderman« für eine geschwätzige Moralvorlesung halten muss. Die Story ist so dünn, dass auch nicht der kleinste Moment für ein wenig erzählerische Subtilität oder eine raffinierte Wendung bleibt. Der Bösewicht ist, nun, böse eben, weswegen er niedergemacht wird. Die schöne Frau ist, nun, schön eben, weswegen sie angebaggert wird. (Weshalb sie nebenbei auch noch eine Martial-Arts-Spezialistin ist, bleibt unerklärlich). So wird abwechselnd gekämpft und geküsst, und nach ein wenig -sehr wenig- Verwirrung, ist die Geschichte auch schon wieder am Ende. Bösewicht besiegt, Frau erobert, Ende. Das war's, schon vorbei? Ja.

Über Superheldenfähigkeiten zu sinnieren, macht vor allem dann Spass, wenn man sich ausmalt, wer gegen wen gewinnen würde. Nun, Spiderman hätte wohl keine großen Probleme gegen Daredevil. Dank Blindheit sind zwar dessen restliche Sinne geschärft, und seine akustische Wahrnehmungsfähigkeit sorgt für einige nette optische Effekte - schließlich muss die Leinwand ja gefüllt werden. Das sonstige kämpferische Arsenal fällt aber mager aus. Zu sehr choregraphiertes, zwangsläufig irgendwie asiatisch aussehendes Geprügle, ein paar Stockspielchen, was man von einem blinden Juristen eben so erwarten kann. Einzige Erfrischung: Colin Farrell als Bullseye. Ihm merkt man den Spass an der völlig überdrehten Figur an, und so stiehlt er Affleck auch alle halbwegs brauchbaren Szenen und Pointen. Nebenbei sei erwähnt, dass »Daredevil« deutlich gewalttätiger und brutaler ausfällt als »Spiderman«. Jede noch so unapetittliche Tötungsart wird optisch ausgereizt, was manchem nach eineinhalb Stunden dann doch etwas zu viel werden kann.

Ben Affleck spielt seine Rolle passabel, ist aber letztlich doch eine Fehlbesetzung. Farrell und Superbösewicht Michael Clarke Duncan sind schön böse, mehr gibt das Drehbuch aber nicht her. Ähnliches gilt für Jennifer Garners optische Präsenz. Demgegenüber steht ein beizeiten konfuser Schnitt, dem anzumerken ist, dass zu viele Szenen den Schneideraum nicht überlebt haben, eine recht fade Kampfchoreographie und eigentlich keine Story. Nicht die beste Mischung. Einziger Grund für den vergleichsweise hohen Besucherandrang dürfte in dem erweiterten Post-9/11-Trauma liegen, dass die Amerikaner dazu veranlasst, sich nach Ordnung zu sehnen - Selbstjustiz ist da kein schlechter Ausweg.

Unausgegorenes, charmeloses Superhelden-Spektakel


Wolfgang Huang