Pans Labyrinth
(Laberinto del Fauno, El)

Mexiko / Spanien / USA, 114min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Guillermo del Toro
B:Guillermo del Toro
D:Ivana Baquero,
Doug Jones,
Sergi López,
Ariadna Gil,
Maribel Verdú
L:IMDb
„But captain, obey for obey's sake... That's something only people like you do.”
Inhalt
Erzählt wird die berührende Geschichte der kleinen Ofelia, die mit ihrer hochschwangeren Mutter zum Stiefvater in eine ländliche Gegend Nordspaniens zieht. Der Stiefvater hat dort den Auftrag übernommen, im Jahr 1944, kurz nach General Francos Sieg, die republikanischen Rebellen zu bekämpfen. Seine Brutalität, Unberechenbarkeit und das schwere Verhältnis zu ihm lassen Ofelia in eine geheimnisvolle Fantasiewelt flüchten, welche von wundersamen, schaurigen und mythischen Fabelwesen bevölkert ist. In ihrem neu erschaffenen Kosmos findet das Mädchen nicht nur Zuflucht, sondern wird mit Ängsten und Träumen konfrontiert, welche ihr helfen, den Schrecken der Realität zu trotzen.
Kurzkommentar
Märchenforscher Max Lüthi und „Brothers Grimm“-Regisseur Terry Giliam wären gleichermaßen berührt: Der eine, weil das Märchen per se mit „Pan’s Labyrinth“ einen unerhört gelungenen und rührenden Wiedereinzug in die Kinolandschaft feiert, und der andere, weil er sich nun für die Grimm-Gurke doppelt zu schämen hat.
Kritik
Der Cellist Pablo Casals richtete während eines Konzerts in Barcelona am 17. Oktober 1938 über das Radio an die demokratischen Staaten der Welt einen Hilferuf, dessen Hellsicht durch den weiteren Gang der Geschichte aufs Furchtbarste bestätigt werden sollte: „Machen Sie sich nicht des Verbrechens schuldig, dem Mord an der Spanischen Republik tatenlos zuzusehen. Wenn Sie es zulassen, dass Hitler in Spanien siegt, werden Sie die nächsten sein, die seinem Wahnsinn zum Opfer fallen werden. Der Krieg wird ganz Europa, wird die ganze Welt erfassen. Kommen Sie unserem Volk zu Hilfe!“

Auch wenn Geschichtswissenschaftler wie etwa Stanley G. Pane den spanischen Bürgerkrieg, der von 1936 bis 1939 andauerte, nicht als eine schwarz-weiße Auseinandersetzung zwischen liberaler Demokratie und Faschismus deuten wollen, so besteht zumindest wenig Zweifel darüber, dass dieser europäische Konflikt, in dessen Verlauf auf Seiten der Republik so illustre Namen wie Willy Brandt, Hemingway oder Orwell auftauchten, immer noch ein sehr sensibles Thema in Spanien darstellt, welches sich quer durch die Gesellschaft zieht und oftmals der traurigen Tradition des Todschweigens folgt.

In diesem Kontext nun siedelt der mexikanische Filmemacher Guillermo del Toro sein neues Werk „Pan’s Labyrinth“ an. Del Toro ist bei Freunden des phantastischen Films natürlich schon lange kein Unbekannter mehr, spätestens nach „Blade 2“ war er reif für ein Blockbuster-Großprojekt, welches er mit der Comicadaption „Hellboy“ dann auch prompt (höchst erfolgreich) in Angriff nahm. Umso mutiger erscheint es da, dass sich der Regisseur dazu entschloss, außerhalb der USA, konkreter in Spanien für ein relativ kleines Budget von sieben Millionen Euro diese fast zweistündige Produktion zu realisieren.

Der Film, der für die Goldene Palme in Cannes nominiert war, weiß die Fachpresse durch die Bank zu begeistern. Die fanaffinen Magazine Ain’t it cool news und IGN Filmforce loben: “PAN'S LABYRINTH is Guillermo Del Toro at his best on all levels. His script is the best writing he's ever done, the direction is sharp, imaginative, but not showy.” Und weiter: “This is an amazing work of cinema by any estimation, and is by far one of the most original and memorable films in recent memory.” Die BBC beschreibt den Film als “transcendent, passionate, full of beauty and endlessly affecting, this is without question the movie of the year.” Abschließend ist in Variety zu lesen: “del Toro's masterful direction shifts from fantasy to reality and back again with remarkable fluidity.”

“Pan’s Labyrinth” wird es leider nicht mehr dieses Jahr in die Kinos schaffen, deutsche Zuschauer müssen sich noch bis Mitte Februar 2007 gedulden, um diesen großartigen und phantasievollen Film genießen zu können. Es fällt tatsächlich schwer, all die Aspekte zu unterstreichen, die den Streifen zu einem Erlebnis werden lassen, ohne Gefahr zu laufen, die vielen kleinen, liebevollen Details zu vergessen. Das ist zum einen dieser traumwandlerisch sichere Schnitt von Bernat Vilaplana, dessen Talent leider bei der Sequelenttäuschung „Beyond Re-Animtor“ gleich eimerweise vergeudet wurde. Vor allem Naturaufnahmen erfahren durch Vilaplana einen butterweich-geschickten Fluss, der sich mit der wunderschönen Filmmusik von Javier Navarette zu einem gefühlvollen Ganzen vereint – stets unter der Schirmherrschaft einer souveränen Kamera. Produktionsdesign, Makeup sowie Spezialeffekte ergeben ein so organisches Bild, dass man nur widerwillig akzeptiert: Dieser Film ist nun zu Ende.

Der Zuschauer möchte weiter in dieser Welt verweilen, möchte erfahren, wie es mit den Charakteren weiter geht. Die Tür zu einem geheimnisvollen Universum scheint aufgestoßen worden zu sein, und doch endet der Film in einer schwarzen Leinwand. Del Toro geht indes nicht zimperlich mit seinen Filmfiguren um; diese erfahren blutiges, schmerzvolles Leid und doch wird so manches Mal die Genugtuungs- und Rachekarte vom Regisseur an der richtigen Stelle ausgespielt, um einen Katharsis-Effekt zu bewirken. Wenn man über die Filmfiguren spricht, so kann festgehalten werden, dass sich die gesamte Darstellerriege mit Ruhm bekleckert. Sergi Lopez lässt als franquistischer Captain Vidal das Fascho-Leder seiner Stiefel kontinuierlich knarzen und verharrt in einer Pose der ständigen Bedrohung. In steter Opposition: die kleine Ofelia, die auf ihrer Suche nach einer Flucht aus der grausamen und entbehrungsreichen Realität immer tiefer in die Märchenwelt ihrer imaginierten Vergangenheit eintritt. Die 11-jährige Ivana Baquero gilt bereits jetzt als neuer Kinderstar in ihrer spanischen Heimat und spielt ihre Rolle mit großem Enthusiasmus.

In dieser Märchenwelt trifft der erinnernde Zuschauer auf viele alte Bekannte aus der Filmwelt des del Toros. Die wandelbaren Insekten aus „Mimic“ oder die überfette Kröte, die nicht nur entfernt an einen schweren, fleischigen Vampirwanst aus „Blade 2“ anknüpft. In all diesen Bilderwelten stecken gleichermaßen der spanische Maler Goya und der Illustrator Arthur Rackham. Dass gerade die Figur des Pan, der für seinen unstillbaren Hunger nach sexuellen Abenteuern - der Mythologie nach – bekannt ist, das kleine Mädchen in eine „andere Welt“ einführen will, erzeugt zudem ein interessantes Spannungsfeld voller Fragen nach Reife und Sexualität.

Sicherlich einer der Höhepunkte der Kinojahres 2006. Handwerkliche Großtat trifft im phantastischen Alice-im-Wunderland-Setting auf politisches Einfühlungsvermögen.


Rudolf Inderst