Children of Men

Großbritannien / USA, 109min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Alfonso Cuarón
B:P.D. James, Alfonso Cuarón, Timothy J. Sexton
D:Clive Owen,
Julianne Moore,
Michael Caine,
Charlie Hunnam,
Chiwetel Ejiofor
L:IMDb
„The whole world has collapsed, only Britain soldiers on.”
Inhalt
2027, seit 18 Jahren ist kein einziges Baby mehr zur Welt gekommen. Ein unbekanntes Phänomen hat alle Frauen unfruchtbar gemacht, und die Menschheit altert unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen. Wie die anderen reichen Nationen ist England längst zum Auffangbecken geworden, und trotz der Knute des Kriegsrechts beherrschen Chaos, Gewalt und Nationalismus den Alltag. Inmitten dieses Abgrunds ist es an einer Handvoll Menschen, der Menschheit ihre letzte Chance zu geben. Der desillusionierte Regierungsagent und ehemalige Aktivist Theo (Clive Owen) und seine Exfrau Julia (Julianne Moore) werden zur Eskorte einer wie durch ein Wunder schwangeren Frau und geleiten sie auf ihrem gefährlichen Weg zu einem Zufluchtsort auf hoher See.
Kurzkommentar
Alfonso Cuarón, mit seinem bisherigen Werk eher als Fachmann für menschliches Befinden und Befindlichkeiten ausgewiesen, wendet sich mit „Children of Men“ dem Genre der Science-Fiction dystopischer Prägung zu. Inmitten des drohenden Zusammenbruchs selbstverständlicher gesellschaftlicher Strukturen illustriert der Mexikaner eine konsistente Zukunftsvision mit hohem Anspruch, atemlosen Bildern und anregender Dringlichkeit. Das Ergebnis ist zwingend sehenswert.
Kritik
Einen echten „Routemaster“ wird man im London des Jahres 2027 wohl vergeblich suchen, wenn es dann soweit ist. Seit Dezember 2005 werden die roten Doppeldecker nurmehr sporadisch auf zwei sogenannten „heritage routes“ eingesetzt, und das ist auf absehbare Zeit begrenzt, denn Londons öffentliche Transportmittel sollen behindertengerecht und kostengünstig sein. Da wird ein städtisches Wahrzeichen unversehens zum unzeitgemäßen Luxus.

Ob Alfonso Cuarón ein Zeichen setzen wollte gegen diese Entwicklung oder nicht sei dahingestellt; jedenfalls platziert er besagte Busse prominent und effektiv in der Eröffnungssequenz seines Films, um der verödeten Erscheinung seines Handlungsschauplatzes einen Namen zu geben: Cuaróns London vom 16. November 2027 ist ein London, das man erkennt und doch nicht wiederzuerkennen meint. Der heruntergekommene Straßenzug, durch den Clive Owen als Theodore Faron eingangs streicht, erinnert an zahllose Fernsehbilder aus den Metropolen der Bürgerkriegsgebiete der Erde. Terror, Angst, Armut und Hilflosigkeit sind auch in Westeuropa Teil des desillusionierenden Alltags geworden, dem die Menschen mit ausdruckloser Miene trotzen. Über allem liegt ein schmutziger Schleier vom Staub der fortschreitenden Verwahrlosung, der alles mit aussichtsloser Tristesse belegt. „No children. No hope. No future.“

Es sind Details wie der mit Digitalreklame ausgestattete Stadtbus, die das futuristische Setting von „Children of Men“ in unserer Gegenwart verankern und absolut greifbar vorausdeuten: Autos mit minimalen Veränderungen im Design und einem „Head-up-Display“, das vor einem drohenden Crash warnt, Zeitungskästen, die die Schlagzeilen der aktuellen Tageszeitung digital durchblättern oder schlicht eine erhöhte Anzahl von Flachbildschirmen im öffentlichen Raum – durch kleine Veränderungen an vertrauten Alltagsgegenständen gelingt es dem Designteam um Geoffrey Kirkland und Jim Clay, subtil und glaubhaft Zukunft zu suggerieren. Eine ähnlich minimalistische Zukunftsvision mit maximaler Wirkung sah man zuletzt in „Code 46“.

Neben dem technischen Fortschritt wird die gesellschaftliche Entwicklung en passant skizziert. „Viele Zukunftsgeschichten bieten eine Art ‚Big Brother’-Klima. Für mich ist das allerdings eine Sichtweise des zwanzigsten Jahrhunderts. Künftige Diktaturen kommen in Verkleidung daher, die Tyrannei des einundzwanzigsten Jahrhunderts heißt Demokratie – darin lag für mich das interessante Konzept für ‚Children of Men.’“ Auch wenn Alfonso Cuarón im Interview nach Neuem strebt, um das besagte ‚Big Brother’-Klima kommt auch er nicht herum. Die fortschreitende Digitalisierung des öffentlichen Raumes mit den erwähnten Bildschirmen trägt zwar noch die Züge der Informationsgesellschaft in Gestalt des Nachrichtenfernsehens, beigemischt sind jedoch Slogans, die mit unüberhörbarer Kontrollfunktion zu Konformismus und Denunziantentum mahnen: „Report any suspicious activity. Avoiding fertility tests is a crime. Report all illegal immigrants. Suspicious? Report it.“ Heraus kommt ein Mischmedium zwischen informierter Demokratie und totalitärem Überwachungsstaat; die Assoziation mit den repititiven Orwell’schen Gehirnwäscheformulierungen ist unvermeidlich.

All das ist eingebettet in ein äußerst schonungsloses Setting, das Spuren hinterlässt. Die omnipräsente Gewalttätigkeit durch die Staatsmacht in Form von Polizei und Militär, durch aufständische Gruppierungen wie die ‚fishes’ und durch bettelarme Flüchtlinge, die ums nackte Überleben kämpfen, treibt dem Zuseher Sorgenfurchen ins Gesicht. Willkommen im demokratischen Ausnahmezustand. Da wird schon mal eine ganze Kleinstadt in ein Flüchtlingslager verwandelt, dessen Insassen nur noch ihre Abschiebung erwarten können und dabei weitgehend sich selbst überlassen bleiben. Die fiktionale Eskalation der Einwanderungs- und Flüchtlingsproblematik einer Gesellschaft im Kriegsrecht gelingt Cuarón beklemmend wirklichkeitsnah.

Dennoch, das Zentrum der Geschichte bleibt zu jeder Zeit die Odyssee Theos und der jungen Kee (Clare-Hope Ashitey), weshalb Cuarón und seine vier (!) Co-Autoren es nicht auf ein umfassendes Gesellschaftsporträt abgesehen haben. Statt dessen verlassen sie sich – nicht ganz zu Unrecht – auf Kniffe wie den illustrierenden Nebensatz über die Entwicklung von religiösen Splittergruppen oder Momente mit selbsterklärendem Schauwert: Um eine Gesellschaft, die ihre Bürger mit der euphemistisch betitelten Arznei „Quietus – You decide when“ per Suizid von den Gefahren ihrer unsicheren Zeit erlösen will, kann es nicht sonderlich gut bestellt sein.

Für die ganz große, zivilisatorische Dystopie mag es „Children of Men“ etwas zu selten nachdenklich innehalten, dafür ist es eine willkommene Aufheiterung, Michael Caine beim Philosophieren über Seinszustände zuzuhören. Sein pragmatischer Vernunftmensch Jasper ist von unverwüstlicher Lebensbejahung; so möchte man sich John Lennon vorstellen, hätte er die Chance zum Altern bekommen.

Der große Pluspunkt von Cuaróns $72-Mio.-Hatz ist aber letztlich seine sagenhaft authentische Unmittelbarkeit. Die präzise Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki, der unter anderem für Terrence Malick „The New World“ sowie für Tim Burton „Sleepy Hollow“ photographierte, birgt beeindruckende Resultate. Lubezki arbeitete bereits bei „Große Erwartungen“ und „…y tu mamá tambien“ mit Cuarón zusammen und kommt hier nur dank minutiöser Proben in minutenlangen Sequenzen ohne Schnitt aus. In diesen virtuosen „single-take“-Einstellungen, die an Intensität kaum zu überbieten sind, erzählt die eigentlich körperlose Kamera plötzlich aus der ersten Person. Neben der Anfangsszene, der Flucht aus dem Landsitz der „fishes“ sowie dem abschließenden Häuserkampf in den verwüsteten Straßen des „Bexhill Refugee Camp“ besticht hier besonders eine desaströse Autofahrt durch Perspektive und Stimmungswechsel.

So erhält „Children of Men“ eine Actionlastigkeit, die angesichts der Thematik überraschen mag, aber durchweg überzeugt. Cuarón macht das, was aus „Minority Report“ hätte werden können – intelligente Science-Fiction, die inhaltliche Relevanz und fesselnde Action eindringlich verbindet.

Ein Fenster mit düsterer Aussicht: Grimmig-konsequenter Sci-Fi-Thriller, der über seinen thematischen Aufhänger lehrbuchreif im Publikumsgedächtnis nachhallt.


Reinhard Prosch