Marie Antoinette

USA, 123min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sofia Coppola
B:Sofia Coppola
D:Kirsten Dunst,
Jason Schwartzman,
Judy Davis,
Rip Torn,
Rose Byrne
L:IMDb
„All eyes will be on you”
Inhalt
Marie Antoinette wird aus politischem Kalkül ihrer Mutter, der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, als Teenager mit dem französischen Thronfolger Ludwig XVI. verheiratet. Schweren Herzens muss die 14-jährige Prinzessin die geliebte Heimat hinter sich lassen – und trifft auf eine völlig neue Welt. Am französischen Hof herrschen andere Sitten und ihr Ehemann Ludwig geht lieber auf die Jagd, als seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Gelangweilt von ihrer Ehe gibt sich Marie Antoinette pompösen Festen in einer vom Rest der Gesellschaft abgeschotteten, elitären Atmosphäre hin. Lebensfroh, vergnügungssüchtig, sorglos und verschwenderisch sind schon bald die Attribute, die der Regentin zugeschrieben werden.
Kurzkommentar
„Marie Antoinette“ ist hinreißendes Kino, elegisch und einfühlsam, kraftvoll und schön. Alle Stimmen, die es ein simples Pop-Unternehmen nennen, übersehen, dass dieser Film durch seine Regieentscheidungen gerade das Seil zwischen damals und heute spannt, zwischen Versailles und Los Angeles und zwischen Politik und Kunst. Konsequent versagt sich Sophia Coppola umfassenden Handlungssträngen und konventionellen Spannungskurven und formuliert damit umso treffender ein Requiem für eine Person mit fremdbestimmter Jugend.
Kritik
„Marie Antoinette“ ist ein Film des Rückblicks, zärtlich und sensibel, und – man muss gleich wertend werden – fast noch besser als Coppolas wunderschönes Regiedebüt „The Virgin Suicides“, auf jeden Fall aber besser als „Lost in Translation“. Man kann ihm nicht weniger zusprechen als tatsächlich einen neuen filmischen Blick zu liefern, eine neue Perspektive, sowohl auf den Jugend- als auch den Historienfilm. „Marie Antoinette“, das spürt man deutlich, konnte von Sophia Coppola nur so gedreht werden und nicht anders, nur aus dieser Perspektive des Mädchens, nur auf diese Weise. Daraus gewinnt er seine Kraft.

Wie die Eugenides-Adaption liegt seine Stärke vor allem darin, dass er die Vergangenheit nicht als atmosphärische Aufwertung, als Dekor, verwendet, sondern als Kommunikationsweg. Erst durch die Vermischung von geschichtlichem Hintergrund und moderner Inszenierung, durch Verbindung von historischer Kulisse und Songs von den „Strokes“, gelingt Coppola das zeitübergreifende Moment, also die Brücke vom Celibrity-Tratsch im 18. Jahrhundert zum Celibrity-Tratsch im 21. Jahrhundert. Man darf sich das nicht wie bei Luhrmanns „Romeo + Julia“ vorstellen, der im wesentlichen doch nur Shakespeare für eine neue Generation aufbereitete. Luhrmanns Figuren waren im Jetzt verankert und verwiesen aufs Damals, Coppolas Figuren hingegen sind im Damals verankert und verweisen aufs Jetzt: Wir spüren eben nicht nur, wie es war „Material Girl“ im 18. Jhd. zu sein, wir spüren auch wie es war Königin zu sein. Und das hieß im Kern, gut aussehen zu müssen und einem sexuellen Auftrag nachzukommen.

Doch nichts liegt Coppola ferner als eine Anklage zu formulieren. Der Gestus vieler Historienfilme, mit einem überheblichen Blick eine „schreckliche Zeit“ bloßzulegen, ist „Marie Antoinette“ genau genommen fremd. Wenn königliche Rituale wie das morgendliche Anziehen oder das vollständige Entkleiden vor dem Wechsel in das französische Königshaus (Coppola inszeniert diesen Moment tatsächlich wie eine Gefangenenübergabe) umfassend gezeigt werden, dann weniger, weil hier eine Gesellschaftsform bloßgestellt werden soll, sondern um ein menschliches Schicksal erfahrbar zu machen. Wir spüren, dass hier ein Mensch in eine völlig neue Umgebung geworfen wird und dort Leistungen erbringen muss, für die er sich weder auf die entsprechende Erfahrung noch auf die nötige charakterliche Stabilität stützen kann.

Coppola begnügt sich aber nicht damit, Marie als junges Mädchen darzustellen, dass es „einfach nicht besser wusste“ – obwohl sie diese Ebene zulässt. Kirsten Dunst wird genügend Raum gegeben, der Figur Kraft zu verleihen, Würde und Ausstrahlung. Verzweifelt versucht sie zu Beginn ihrer Zeit in Versailles, das strenge Korsett der Empfänge, Rituale und förmlichen Begegnungen zu durchbrechen, zu vermenschlichen und zu personalisieren. Doch der Spielraum einer angeheirateten Frau ist gering und solange man keinen Erben vor den Augen des ganzen Hauses zur Welt gebracht, ist man nichts wert, Königin hin oder her. Und wenn Judy Davis als Comtesse de Noailles auf Maries Anmerkung, das sei doch alles ziemlich lächerlich hier, pointiert antwortet „This, Madame, is Versailles!“, so ist das nicht (nur) ein Gag nach amerikanischer Drehbuchschule, sondern gerade auch das Destillat einer Welt, mit der sich dieser junge Mensch konfrontiert sieht: strikt, präzise, entmenschlicht.

Es ist schon erstaunlich wie es Coppola gelingt, die Flucht der Marie Antoinette in den Materialismus mit der heutigen Zeit zu parallelisieren, wie sehr es ihr gelingt, den Film sowohl „historisch“ als auch „modern“ lesbar zu machen. Auf beiden Ebenen wirkt er glaubwürdig. Vielleicht kann man nicht sagen, dass „Marie Antoinette“ keine Bilder wiederholt, die schon da waren, zumindest aber kontextualisiert er sie neu. Bilder poppiger Dekadenz, Bilder von Marzipan, Frisuren und Schuhen, aber auch Bilder von Sommerkleidern, Blumen und Maries kleiner Tochter Marie-Thérèse-Charlotte, der einzigen Figur in diesem Film, die einen Satz auf französisch spricht. Vom Privaten innerhalb des Adels verweist Coppola also durchaus auf die politischen Umstände „da draußen“, aber das ist nur ein Angebot, kein Auftrag. „Marie Antoinette“ ist gerade kein Film, der die „soziale Realität“ der Zeit ausblendet, er hat es nur nicht nötig, sie explizit auszustellen. Präsent ist sie ja dennoch immer, in den Kommentaren über Staatsausgaben, den hilflosen Entscheidung Louis XVI. und dem berüchtigten Kuchensatz.

Deswegen ist das Schlussbild auch so klug: es erfasst sowohl die französische Revolution als auch die persönliche. Wir spüren: Hier ist gerade ein freiheitsliebender Vogel seinem engen Käfig entkommen.

Zartes Porträt einer verlorenen Seele und frischer Blick auf Momente des Umbruchs


Thomas Schlömer