X-Men

USA, 104min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Bryan Singer
B:Tom DeSanto, Bryan Singer, David Hayter
D:Patrick Stewart,
Ian McKellen,
Hugh Jackman,
Halle Berry
L:IMDb
„Wollt ihr denn gar nicht sterben?”
Inhalt
Obwohl sie von der Gesellschaft geächtet werden, bildet Professor Charles Xavier (Patrick "Jean-Luc Picard" Stewart) willige Mutanten aus, ihre Superkräfte in den Dienst der Menschheit zu stellen. So gelangen auch der skeptische Wolverine (Hugh Jackman) und die ängstliche Rogue (Anna Paquin, "Eine wie Keine") an die Seite von Jean Grey (Famke Janssen, "Goldeneye"), Storm (Halle Berry), Cyclops (James Marsden) und Prof. Xavier. Doch die Feinde sind nicht weit: Der machtgierige Senator Kelly (Bruce Davison) macht Front gegen die X-Men, und Xaviers einstiger Weggefährte Magneto (Ian McKellen, zuletzt in "Gods and Monsters"), der mächtigste Mutant der Welt, will mit seiner Brotherhood of Mutants, bestehend aus Sabretooth (Wrestler Tyler Mane), Mystique (Supermodel Rebecca Romijn-Stamos) und Toad (Ray "Darth Maul" Park), das Ende der Zivilisation herbeiführen.
Kurzkommentar
Mit Hugh Jackman dürfte Hollywood einen neuen Star entdeckt haben. Wegen ihm, des stylischen Designs und rasanter Action im letzten Drittel lohnt "X- Men". Mit einem Regisseur, der allem zu viel Profil und Substanz verleihen will, scheitert der Film streckenweise aber an einem kruden Plot und fehlendem Antrieb.
Kritik
Der Mutantenreigen "X-Men" wirft direkt zwei Fragen auf: erstens, wieso der in den USA seit Jahrzehnten überpopuläre Superheldencomic mit leichtem Trasheinschlag erst jetzt seine Realfilm-Umsetzung fand und zweitens, wieso man dafür ausgerechnet einen Regisseur wie Bryan Singer, der kein erklärter Kenner der Comicvorlage ist, einspannte. Auf die erste Frage gibt es keine schlüssige Antwort gerade auch deswegen, weil das Startergebnis in den USA von über 57 Millionen Dollar als das zweiterfolgreichste aller Zeiten signalisierte, dass die Zeit für Superhelden und Leinwandmutanten schon lange überreif war. Dass das Publikum danach verlangte, hatte aber auch sicher mit der geschickt lancierten, bewusst dezenten Werbekampagne des Films zu tun. Und Frage zwei ist wohl mit einem Bestreben von 20th Century Fox zu erklären, das gleichzeitig ein merkwürdiges Signum der letzten Jahre markiert: Niveauabsichten statt aufrichtige Action für jeden noch so albern wirkenden Streifen.

Dass diese letztlich unfreiwillig komisch wirken und Action in einem Actionfilm unterbinden, war oft das klägliche Resultat. Bryan Singer brachte als Regisseur für eine knallig-bunte und enorm laute Comicadaption zudem eigentlich keine günstigen Voraussetzungen mit, denn weder hatte er bisher einen Actionstreifen gedreht noch war er in der "X-Men"-Materie sonderlich bewandert. Er, der mit den "Üblichen Verdächtigen" vor vier Jahren einen raffiniert gestrickten Konspirationsthriller vorlegte, konnte eigentlich als Garant für Charakterpsychologie und daraus resultierendem Niveau auf der Handlungsebene gelten. Aber unbedingt das in einer Comicumsetzung?

Die Hoffnung des Studios wird die gewesen sein, die Individualität der Mutantentruppe des Comics auf die Leinwand zu retten, um die Fangemeinde zufrieden und zahlungswillig zu machen. Dank des Regisseurs ist dies wohl geleistet, es ist aber gleichzeitig auch das große Problem von "X-Men". Statt mit aufrichtiger Mutantenaction loszulegen, unternimmt Singer, der ruhig deutlich mehr als nur ein Drittel des Budgets hätte für Effekte verwenden können, eine deutlich zu lange Einleitung der Figuren. Zugegebenermaßen lohnt sich diese für das wortkarge Charisma Hugh Jackmans. Er ist der Antiheld mit überflüssigem Vergangenheitstrauma, bemerkenswerter Frisur und hat das gewisse animalische, das konfuse Etwas. Mit der virilen Überpräsenz als Wolverine stiehlt er allen anderen Mutanten mühelos die Show, wird zum Sympathieträger und lässt auf die fest beschlossene Fortsetzung hoffen. Bis auf die Gegenspieler an der Spitze, verkörpert von Patrick Stewart und IanMcKellen ("Gods and Monsters"), zwei ehemaligen, hier natürlich aussichtslos vergeudeten Theatermimen, sind die übrigen Mutanten denn auch so gezeichnet, wie sich eigentlich gehört: in comichafter Freskomanier.

Halle Berry als wasserstoffblonde Storm steht ziellos in der Gegend herum, Cyclops (sieht so dämlich aus wie der Name sich anhört), der Zungenkasper und die blaue Latextante Mystique wirken ähnlich hohl bis lächerlich, erinnern zuweilen sogar sehr an B-Moviegestalten. Das ist gut so, weil es Spaß macht, aber dass bei ihnen auf Psychogramme verzichtet wird, heißt leider nicht, dass das Vakuum mit handfester Keilerei gefüllt wird. Vielmehr verstrickt sich Singer dann in sein zweites Problem, und zwar das des Plots. Es mag ja sein, dass die Comicvorlage durch Sozialkritik, Fragen der Identität, Moralität und Toleranz eine für das anspruchslose Medium unheimliche Komplexität gewinnt, aber im Film wirkt sie schlichtweg blödsinnig. Erstens kommt Irritation dadurch auf, dass Singer das Geschehen zeitlich nicht verortet, dann bleibt völlig unklar, mit welcher Zielsetzung die Mutanten überhaupt geschaffen wurden, wieso die Menschen Angst vor den Mutanten und die Mutanten die Menschen vernichten wollen - wegen ihrer Ignoranz oder deswegen, weil sie die körperlich Schwachen und damit der Mutantenevolution im Weg sind? Wie wär´s mit Konfliktlösung im Dialog?

Nein, die Frontbildung geschieht nur um ihrer selbst willen, wirkt ziemlich krude und nimmt dem Film das, was er als Actioncomic in Reinform gebraucht hätte: Mutantenkampf ohne deplazierte Moralattitüde. Singer versucht den Streifen damit über zu lange Strecken mit Handlungssubstanz zu füllen und lähmt das Geschehen nur. Gibt es dafür den Minuspunkt, so besticht "X-Men" durch edles Sytling, gute Effekte, rasante Action, auf die sich Singer leider zu spät einlässt. Und dennoch: In Relation zu bisherigen Comicumsetzungen ist "X-Men" im Spitzenfeld anzusiedeln. Als abgerundeter Film wird er auch hier sein Blockbusterpotential einlösen, der makellose Überflieger ist er allerdings nicht. Für die Fortsetzung bleibt ein schnörkelloseres Spektakel zu erwarten - aber bitte ohne Anspruch.

Mutanten mit entschieden zu viel Hirnballast


Flemming Schock
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Was uns Bryan Singer mit seiner Verfilmung der Marvel-Comics "X-Men" auftischt, ist nicht viel mehr als spaßiges, aber äußerst gelungenes, Popkorn- Actionkino. Zwar wird teils erfolgreich versucht, den Charakteren mehr Tiefe zu verleihen, als sie in 37 Jahren Comic-Geschichte je hatten, letztendlich bleibt die Verfilmung aber "nur" von hochsimpler ...