Ultraviolet

USA, 87min
R:Kurt Wimmer
B:Kurt Wimmer
D:Milla Jovovich,
Cameron Bright,
Nick Chinlund,
William Fichtner,
Sebastien Andrieu
L:IMDb
„Are you mental?”
Inhalt
Gegen Ende des 21. Jahrhunderts ist durch eine Epidemie, die Genmutationen hervorruft, eine Subkultur von Menschen entstanden. Alle Infizierten werden zu einer Art Vampir: Sie verfügen über außergewöhnliche Schnelligkeit, Intelligenz und Kraft. Da die Regierung in ihnen eine Bedrohung sieht, werden sie ausgegrenzt und unter Quarantäne gestellt - mit dem Ziel, sie zu vernichten. Nur die infizierte Kämpferin Ultraviolet kann dies verhindern. Sie macht es sich zur Aufgabe, den neunjährigen Jungen Six zu beschützen, auf den es die Regierungstruppen besonders abgesehen haben. Six ist der menschliche Schlüssel zur Vernichtung der Infizierten. Er trägt ein Virus in sich, das den Fortbestand von Violets Rasse unterbinden soll. Die Rettung des Jungen gerät zum Wettlauf gegen die Zeit, in dem sie nicht nur das Kind, sondern ihre gesamte Spezies beschützen muss und Rache an denjenigen sucht, die ihr persönliches und das Schicksal ihrer Mitstreiter zu verantworten haben.
Kurzkommentar
Still und heimlich, das heißt ohne Pressevorführung und Marketing-Ausbrüche, schleicht sich Kurt Wimmers „Ultraviolet“ in die deutschen Kinos, wo sie (Mila) oder er (der Film) vermutlich auf Zuseher trifft, die sich kräftig ärgern werden! Das grenzdebile Skript muss von Schimpansen in tastenschwingender Zufälligkeit erarbeitet worden sein, und die Schauspieler sind schallender Hohn für ihre Zunft. Ein Zitat aus „Ultraviolet“ beschreibt metakorrekt diesen Studiobetriebsunfall: „It’s a pathetic picture!“
Kritik
Es soll an dieser Stelle kein Geheimnis daraus gemacht werden, dass von allen Science Fiction Visionen der letzten Zeit eigentlich nur „Aeon Flux“ fürchterlicher war als „Ultraviolet“. Das ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass man Regisseur Kurt Wimmer irgendwie immer noch für den semiseriös-intendierten, flachatmig-dystopischen „Equilibrium“ (2002) samt seines ewig coolen Christian Bale als Power-Vollstrecker eines totalitären Zukunftsstaates danken möchte, und zum anderen vermag die Setdekoration und Kostümierung des 30 Millionen Dollar teueren Films eine wilde, aber gelungene Mischung aus Piet Mondrian, Roy Lichtenstein und Peter Halley zu präsentieren.

Alte Zoten kramt „Ultraviolet“ aus der Kiste, wenn es um die zahlreichen und ermüdenden Kämpfe geht: Zwar ist der komplett in Shanghai gedrehte Film vergnügt-schamlos genug, die so genannte „Gun-Kata“ aus „Equilibrium“ weiter zu entwickeln, andererseits ist deutlich zu erkennen, was die Wachowski-Brüder 1999 in der postmodernen Matrix-Küche der Popreferenzen anrichteten. Die Faustregel für B-SciFi-Ware, die praktisch schon vor Kinostart dazu verdammt ist, schnell den weiteren Schritt in der Vermarktungskette, sprich DVD-Auswertung, zu gehen, lautet: „Und fällt Dir mal nichts and’res ein, dann bewahre doch den Wehrmachts-Schein.“ Namen- und zahllose Feinde in bestem NS-Assoziations-Outfit werden von Ex-Modell Jovovich, der man spätestens nach „Jeanne d’Arc“ nie wieder eine Filmrolle hätte anbieten dürfen, vom blutleeren FSK-12-Horizont gefegt.

Vier Monate Entstehungszeit benötigte man für „Ultraviolet“, der am Startwochenende für das Studio enttäuschende neun Millionen Dollar einspielte; und diese vier Monate sind vermutlich dem Umstand geschuldet, dass entsprechend viel Arbeit in der Postproduction, die die dominierenden CGI-Momente einarbeitete, stecken. Es ist legitim zu fragen, ob die Schauspieler eigentlich ihr Wohnzimmer für diesen Film verlassen mussten – es hätte vermutlich durchaus gereicht, eine Wohnzimmerwand grün zu streichen, ein paar Aufnahmen mit der Fotofunktion der Handykamera zu schießen und den Rest den chinesischen Grafikmonteuren zu überlassen. Immerhin wird dem Zuseher schmerzlich klar, dass Jovovich hart im Promifitnessstudio ihrer Wahl am Bauch-Beine-Po-Workout teilnimmt: Man tippt auf 15 Stunden pro Tag, leider bleibt da wenig Zeit, sich auf eine Rolle gründlich vorzubereiten, selbst die wenigen Augenblicke, in denen Ruhe auf der Leinwand einzukehren scheint, verstreichen ungenutzt. ADS-Förderer Wimmer lässt es krachen! Six, der Junge, den Violet beschützen soll, wird von Cameron Bright gespielt. Ob er es wohl seinem Agenten zu verdanken hat, dass er seine Rolle aus „X-Men 3“ so verteufelt wahrhaftig wiederholen muss? Als Laborratte jedenfalls hat er den Durchbruch geschafft. Das Spiel der restlichen Darsteller wirkt derart eindimensional und uninspiriert, dass man sich tatsächlich eine Fast Forward-Funktion wünscht.

Während man dem Filmvorspann noch liebevolles Arrangieren unterstellen kann, ist die digitale Effektarbeit gründlich misslungen. Fast ist man gewollt zu fragen, ob jene intentional so mies zum Abschluss gebracht wurde oder es schlichtweg an den finanziellen (Un-)mitteln lag. Wenn jemand den Abspann des Playstation 1-Spiels „Resident Evil Director’s Cut“ kennt, dann weiß er/sie, wovon die Rede ist. Im fiktionalen Presseheft würde das übrigens alles ganz anders lauten, etwa so: „In seiner utopisch-düsteren Zukunftsvision entwirft Kurt Wimmer das Bild eines totalitären Überwachungsstaates, in dem es für die junge Heldin Violet an der Zeit ist, ihren letzten großen Kampf zu bestreiten. Eine spannende Handlung, fesselnde Charaktere, sowie eine fantastische Welt voller Abenteuer und Action erwarten Sie!“ oder vielleicht doch die intellektuelle Variante? „Gelungen thematisiert Wimmer Ausgrenzungsdiskurse vor dem Setting einer dystopischen Weltordnung unter den Fixpunkten einer neuen politischen Ideengeschichte – dabei evoziert der Ausnahmeregisseur immer wieder Fragen nach Matriarchatsmustern und …“ Man sieht, wohin das alle führen kann. Um die Zukunft, nein, eigentlich um den Zukunftsfilm steht es momentan düsterer als gedacht.

Statt Erleuchtung und Freudenfeuer nur ein ultravioletter Funken: „Ultraviolet“ bietet rigiden Übertrash für Mitte-1990er-Grafikfetischisten.


Rudolf Inderst