Schloss im Himmel, Das
(Tenkû no shiro Rapyuta)

Japan, 124min
R:Hayao Miyazaki
B:Hayao Miyazaki
L:IMDb
„If we protect the trees, then the robots will protect us”
Inhalt
Das Waisenmädchen Sheeta besitzt einen magischen Kristall, der in Verbindung zum legendären Himmelskönigreich Laputa steht. Doch der böse Musca und eine Bande Luftpiraten wissen um das Geheimnis des Steines und wollen ihn in ihren Besitz bringen. Gemeinsam mit dem mutigen Jungen Pazu besteht Sheeta auf der Flucht vor ihren Verfolgern viele Abenteuer, bis beide den Weg zu den Ruinen des alten Königreichs finden. Sheeta und Pazu gewinnen die Luftpiraten als Verbündete und müssen nun gemeinsam gegen den furchtbaren Musca kämpfen, der mit aller Gewalt die Macht über Laputa an sich bringen will. Jetzt liegt das Schicksal von Laputa in ihren Händen.
Kurzkommentar
Mit exakt zwanzigjähriger Verspätung schafft es Hayao Miyazakis erste „Studio Ghibli“-Produktion aus dem Jahre 1986 nun doch noch auf die europäische Leinwand. Zugegeben, es ist nicht sein bester Film, bietet in seiner leichtfüssigen Ästhetik aber dennoch gute Kinounterhaltung.
Kritik
Hayao Miyazakis kommerzieller Erfolg in Europa und den USA lässt sich zweifellos auf die preisgekrönten Animes „Prinzessin Mononoke“ (1997) und „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001) zurückführen. Dass aber jenen populären Werken bereits eine ganze Reihe von abendfüllenden Zeichentrickfilmen vorangegangen ist, war hierzulande während langer Zeit nur einem verschwindend kleinen Fan-Publikum bewusst, das sich vermutlich grösstenteils aus Japanologinnen und (sonstigen) Anime-Nerds zusammengesetzt hat. Ein reeller Markt für ein westliches Publikum war deshalb so gut wie inexistent, die Beschaffung der begehrten „Studio Ghibli“-Ware aus Übersee entsprechend kostspielig und zeitaufwändig. Wer den Aufwand trotzdem nicht scheute, wurde überreichlich belohnt. Zu den Perlen, die der japanische Trickfilm-Papst bereits seit Anfang der 80er Jahren produziert hat, zählen einerseits das Öko-Märchen „Nausicaä of the Valley of the Winds“ (1984) und die anthropomorphen Tier- bzw. Götterlegenden „My Neighbor Totoro“ (1988) und „Pom Poko“ (1994). Es sind dies Filme, die zwar einen starken Bezug zur japanischen und folglich animistisch geprägten Mythologie aufweisen, dank ihres kindlichen Charmes und ihrem formalen und inhaltlichen Einfallsreichtum jedoch mühelos auch ein westliches Publikum zu begeistern verstehen. Innerhalb derselben Dekade entstanden andererseits aber auch Werke ohne jene explizit kulturelle Verankerung in Japans Mythenwelt, Werke, die umso mehr des Regisseurs schwärmerische Europa-Affinität offenbaren. Sowohl „Kiki's Delivery Service“ (1989) als auch „Porco rosso“ (1992) und “Das Schloss im Himmel” (1986) handeln von und in einem fiktional-historischen Europa, dessen farbenfrohes Fundament der Literaturfan Miyasaki unbekümmert aus dem reichen Schatz der europäischen Romanklassiker formt. Jener Eklektizismus, gepaart mit einer eigentümlichen Fantasie verhindert indessen, dass die Stereotypen des idealisierten Europabild nicht ganz und gar ungebrochen daher kommen, und falls dies doch einmal der Fall sein sollte, zumindest nach Kräften davon abgelenkt wird.

In „Das Schloss im Himmel“ orientiert sich der Regisseur nun gleich an mehreren Klassikern der europäischen Literatur: Während sich das Design der phantastischen Flugmaschinen an Jules Vernes kreative Visionen anlehnt, stammt die schwebenden Insel „Laputa“ aus dem dritten Kapitel von „Gullivers Reisen“, einer von Jonathan Swift ursprünglich satirisch gedachte Zukunftsvision. Im Film findet sich dieses Motiv als Symbol einer gesellschaftlichen Utopie umfunktioniert, deren grandioses Scheitern im äusserst kunstvollen und an Illustrationen von Jules Verne angelehnten Vorspann des Filmes vorweggenommen wird und gleichzeitig als treibende Kraft des Plots fungiert. Die epische Handlungsfolge, welche an jenen Niedergang des Paradieses anschliesst und im weiteren Verlauf der Geschichte zu dessen Wiederentdeckung und Verlust hinsteuert, deckt sich grösstenteils mit der Dramaturgie des klassischen Abenteuerromans.

Diesbezüglich legt sowohl der Stoff der Schatzsuche als auch die Figurenwahl die Vermutung nahe, dass Miyazaki mit Robert Louis Stevensons „Treasure Island“ bestens vertraut ist. Aber anders als bei Stevenson liegt die Welt, welche er sich für seine beiden jungen Helden, Sheeta und Pazu, erdacht hat, im Irgendwo eines imaginären vorindustriellen Zeitalters. Voller Dampfmaschinen und wunderlicher Fluggeräte ging diesem wiederum eine längst vergangene und zur Legende gewordene, hochtechnisierte Epoche voran. Mündliche Überlieferungen aus jener Zeit berichten von einem wahr gewordenen Menschheitstraum, dem schwebenden Königreich Laputa, dessen blühende und armierte Inseln über die ganze Welt geherrscht haben sollen, letzten Endes aber dazu verdammt waren, Ikarus gleich auf die Erde niederstürzten. Die wenigen verbliebenen Beweise dieser Hochkultur, ein Foto und ein geheimnisvoller Kristall, nähren sowohl Pazus Entdeckerdrang als auch seines Gegenspielers Muscas machthungrige Phantasien und führen die beiden Schatzsucher-Fronten mittels einer episodenhaften und bedauerlicherweise viel zu verworren geratener Abenteuerabfolge schliesslich ans Ziel ihrer Träume.

Die – leider auf allzu eindimensionale Charakteren basierende (unschuldige Waisenkinder vs. niederträchtiger Imperator) – kontradiktorisch angelegte Figurenkonstellation eröffnet ein Problemgefälle, das Miyazaki mit seiner zentrale Aussage auflädt: So ist nicht der ständig voranschreitende technische Fortschritt per se eine Bedrohung für die Menschheit, sondern ist sich vor allem der Mensch selbst, der diesen Fortschritt zu kontrollieren glaubt, eine Gefahr, da ihn Macht grundsätzlich korrumpiert. Der Ausweg besteht nach Miyazakis Ansicht darin, ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur zu führen, in dörflichen Strukturen zu leben, ohne dabei Gedanken an Expansion oder Fortschritt zu verschwenden. Etwa so wie es uns die Marderhunde in „Pom Poko“ oder das umweltverträglich lebende Öko-Volk in „Nausicaä of the Valley of the Winds“ vormachen. Diese idealistische Forderung erscheint moralisch zwar sehr vorbildlich, ist aber doch ein wenig naiv und wird wohl darum auch einige Jahre später von Miyazaki im sehr viel überzeugenderen und komplexeren Epos „Prinzessin Mononoke“ reflektiert und dank der Zuhilfenahme postmodernen Wertpluralismus´ auch relativiert.

Bunte Schatzsuche in luftigen Höhen in gewohnter Miyazaki-Ästhetik. Wegen den zahlreichen gewalttätigen Szenen für ganz junge Kinder eher unbekömmlich.


Cindy Hertach