Dance! Jeder Traum beginnt mit dem ersten Schrit
(Take the Lead)

USA, 117min
R:Liz Friedlander
B:Liz Friedlander, Dianne Houston
D:Antonio Banderas,
Rob Brown,
Yaya Dacosta,
Alfre Woodard,
Dante Basco
L:IMDb
„Jeder hat das Anrecht auf ein wenig Kultur”
Inhalt
Tanzen ist seine Leidenschaft: In seinem Studio in der Upper East Side New Yorks bringt der begeisterte Standardtänzer und Tanzlehrer Pierre Dulaine den Kindern wohlhabender Leute Tango, Swing und Foxtrott bei und zeigt ihnen, wie sie bei Tanzwettbewerben richtig abräumen können. Doch eines Abends ändert sich Dulaines Leben grundlegend: Er sieht den Teenager Jason Rockwell, genannt Rock, auf offener Straße das Auto seiner Schuldirektorin zertrümmern. Dulaine stellt Rock zur Rede und merkt, wie unverstanden und perspektivlos sich der Schüler fühlt. Anstatt Rock anzuzeigen, entschließt sich Dulaine, Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen wie Rock von der Straße zu holen - mit Hilfe des Tanzens. Nach einiger Überzeugungsarbeit bei der Schuldirektorin darf der engagierte Dulaine als ehrenamtlicher Tanzlehrer an Rocks staatlicher Schule Stunden geben. Seine neuen Schüler sind zunächst gar nicht begeistert: Sie wollen HipHop statt Figurentanz! Allmählich nähern sich die beiden Seiten aber an und lernen voneinander: Die Schüler begreifen, wie sie durch den Tanz nicht nur äußerlich Haltung bewahren. Umgekehrt zeigen die Jugendlichen ihrem Tanzlehrer, welche Energie im HipHop stecken kann.
Kurzkommentar
Videoclip-Regisseur Liz Friedlander gelingt mit „Dance!“ ein kompetent-formelhafter Teenagerfilm, der vor allem in den Tanzchoreographien durch intelligenten und stilsicheren Schnitt punkten kann. Das Drehbuch hingegen wirkt hingegen reichlich beliebig und unausgereift.
Kritik
Nach dem Totalausfall „Dirty Dancing 2“ und der gelobten Doku „Mad Hot Ballroom“ findet sich mit „Dance!“ (im Original schon teleologischer: „Take the Lead!“) ein weiterer Vertreter der Sorte Tanzfilm in den deutschen Lichtspielhäusern ein. Der 108-Minüter lässt dabei drei unterschiedliche Flüsse zusammen laufen: Zum einen erkennt man den klassischen Tanzfilm, das Verwandeln von Laienbeinen in Koryphäen des Gesellschaftstanzes; zum zweiten finden mehrere Liebesgeschichten gleichzeitig statt, wobei der zentrale Fokus wohl auf der Romeo und Julia-artigen Beziehung zwischen Filmcharakter Jason Rockwell und seiner Freundin in spe, aus deren Familie jedoch der Mörder seines Bruders stammt gerichtet ist: Zu guter Letzt erkennt man jedoch, fast wie die Bielefelder Sozialgeschichte, dass Strukturen und Gesetze der Gesellschaft zur Verantwortung für das Leben der Ghettokids gezogen werden können; dennoch – der Funke der Leidenschaft will nicht so recht zwischen den beiden überspringen. Drittens schließlich wird eine deutliche Aufsteiger-Geschichte vermittelt; Tanzlehrer Pierre Dulaine klärt über den amerikanischen Urmythos auf: Wer sich anstrengt, dem stehen alle Türen offen. Allerdings verrät er eines nicht: Ist man einmal über diese Türschwelle geschritten, wird man deshalb noch lange nicht akzeptiert, viel mehr erntet man oft Sympathie aus Mitleid und muss vielleicht sogar das Leben eines Tieres im Zoo fürchten. Das zumindest deutet die Bildersprache von „Dance!“ im großen Finale des an Schauplätzen in Toronto entstandenen Films an.

Die generelle Schwäche ist eindeutig am fahrigen Drehbuch festzumachen. Die unterschiedlichen Entwicklungen der Charaktere sind beliebig und am deutlichsten merkt der Zuseher dies an der Figur des Tanzlehrers selbst. Nie kommt klar heraus, weshalb er den Jugendlichen helfen will, aus ihrer sozialen (Not-)lage, die durch Angst und Gewalt gekennzeichnet ist, heraus zu kommen. Und das sich stets alle Filmfiguren an den Kopf werfen: „Du kennst mich nicht,“ oder „Da, wo ich her komme, da …“ macht es keinesfalls besser.

Deutlich hervor zu heben ist der überzeugende Schnitt: Spätestens durch die stets wippenden Füße meiner eleganten und filigranen Sitznachbarin im Kino fiel der höchst organische Ansatz des Editors Robert Ivison auf! Auch der Soundtrack dürfte ein Verkaufserfolg werden – vereint er doch einen frischen Genremix aus klassischer Tanzmusik und HipHop. Bleibt jetzt noch die Frage, wer sich als gediegener Charmebolzen nach Neukölln wagt: Sky Dumont oder Pierre Augustinski?

„Save the last Dance“ trifft „High School High“ in sympathischer, schnell geschnittener, jedoch auch plakativer „Rocky“-Aufsteiger-Story


Rudolf Inderst