O Brother, where art thou?

USA, 106min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Joel Coen
B:Homer,Ethan Coen
D:George Clooney,
John Turturro,
Tim Blake Nelson,
Charles Durning,
John Goodman
L:IMDb
„Und wir dachten, du warst eine Kröte”
Inhalt
Tief im Süden der USA, in der tiefsten Depressionszeit, fliehen drei Kettensträflinge durch ein Maisfeld in Mississippi: Everett Ulysses McGill (George Clooney), der selbstbewusste Anführer, Delmar, der freundliche Einfallspinsel sowie der hitzköpfige Pete (John Turturro). Auf ihrer Flucht in die Freiheit erlebt die Dreierbande das größte Abenteuer ihres Lebens.
Kurzkommentar
Von keinem Geringeren als Homer stammt die Vorlage zum neuen Streich der Coen-Brüder ("Fargo"), die sie zu einem aberwitzigen Trip dreier schräger Vögel im Amerika der 20er Jahre frei interpretierend umgestalten. Zwar mag man Mängel an Charaktertiefe und Plotkohärenz ankreiden, aber "O Brother, where art thou ?" begeistert durch stilbildende Musik, fantasievolles Ambiente und vor allem durch enorme Laune.
Kritik
Seit sie 1996 mit dem raffiniert gestrickten Thriller "Fargo" einen der meist gefeiertsten Filme des Jahres vorlegten, sind die Brüder Joel und Ethan Coel in aller Munde. Der auch stilistisch ausgefeilte Film strich jeweils einen Oscar für Drehbuch sowie für die Hauptdarstellerin Frances McDormand ein, aber bereits 1991 machten die Coens mit "Barton Fink" auf sich aufmerksam. Er wurde für etliche Preise nominiert und in Cannes unter anderem mit der goldenen Palme und dem Preis für den besten Regisseur bedacht. Bis heute zeichnet sich in der kreativen Arbeitsteilung der Brüder Joel als Regisseur und Ethan als Produzent verantwortlich, während die Drehbücher aus gemeinsamer Feder stammen. "Fargo" umgab sich dann schnell mit Kultatmosphäre und das 1998er Werk "The Big Lebowski", eine burleske Detektivstory über einen notorischen Kiffer, verschaffte den Coens endgültig eine eingeschworene Fangemeinde, die wertschätzt, dass das einzig Berechenbare des nächsten Coen-Films bekannte Schauspieler sein werden.
Mit John Turturro und John Goodman treten nun in "O Brother, Where Art Thou" vertraute Gesichter in einem Streifen auf, der sich so extraordinär wie sein Titel gibt - ein "Coen" eben. Die Betitelung ist eine Verbeugung vor dem Klassiker "Sullivans Reisen", 1941 von Preston Sturges gedreht, aber die größte Referenz geht erstaunlicherweise in Richtung der griechischen Klassik, an Homer. Mit seinen märchenhaften, farbigen Versepen "Odyssee" und "Ilias" schuf der Grieche um 700 v. Chr. nicht nur die ersten Romane, sondern auch einen unsterblichen Teil der abendländischen Kultur. Die Coens dachten nun an eine ganz eigenwillige, moderne Interpretation der "Odyssee", angesiedelt im Amerika der Depressions-Ära. Das klingt so schräg, wie das Ergebnis ist, wer jedoch annimmt, Homers menschliche Themen mit "O Brother, where art thou ?" kennenzulernen, ist falsch gewickelt. Er sollte natürlich lieber die Dichtung lesen. Zwar heißt es im Vorspann "based upon", vielmehr als in einigen Zentralereignissen locker inspriert zeigt sich der Film aber nicht. So beschränken sich die Ähnlichkeiten auf einen blinden Seher, die bekannten Lockungen der Sirenen, eine Variante des Zyklopen und die Penelopeia, zu der "Odysseus" gegen Ende zurückkehrt.

Dass der neue Coen-Film bei der diesjährigen Preisverleihung in Cannes durchweg ignoriert wurde, liegt ohne Frage daran, dass die Jury vor allem auf die Prämierung von Tiefsinn aus ist. Den hat "O Brother, where art thou ?" sicher sowenig wie Anspruch, was aber völlig legitim ist, weil er dem Publikum nur eines bieten will: viel Spaß in Zeitkolorit und musikalischer Verpackung. Und das glückt absolut. In annähernd jeder Szene spielt die zeittypische Musik mit ihren eigens für den Film eingespielten Songs (auch George Clooney singt) eine treibende Rolle, so dass alles zunehmend Musicaltouch bekommt. Der eingängige, stark stimmungsaufbauende Soundtrack verleiht der grell lebendigen Odyssee die totale Wohlfühlnote und korrespondiert vorbildlich mit der Farbgestaltung des Films. Monochrome und blasse Töne überwiegen, durch den ein eigenwilliger Look entsteht.

Formal ist "O Brother, where are thou" als unbeschwerte Parabel somit der reinste Genuss, ja, fast lädt der Hit der "Soggy Bottom Boys" zum Mitsingen ein. Regisseur Joel Coen stürzt seine drei armseligen Helden in die verrücktesten Abenteuer, und das mit Intelligenz, blendendem Humor und funktionierendem Slapstick. Zuzugestehen ist sicher, dass es dem Drehbuch an innerer Einheit mangelt und von der Epik Homers nicht viel mehr als ein paar Namen geblieben sind, aber was stört das, wenn das Resultat so temperamentvoll angestrichen ist. Substanz gibt es keine, der Handlungsstrang ist mehr ein Miteinander von Bruchstücken und auch die Charaktere sind flach, beinahe comichaft. Trotzdem sind es echte Typen. John Turturro und Tim Blake Nelson mimen die strohdummen Knackies mit voller Hingabe und gerade der am laufenden Band quasselnde George Clooney zeigt neben viel Haarpomenade auch, dass er ein toller Schauspieler ist. Zusammen sind die drei das Trio Infernale. Brilliant. Von John Goodman als menschlicher Zyklop und zulangender Bibelverkäufer sieht man zwar entschieden zu wenig, aber sein Auftritt ist ähnlich abgedreht unterhaltsam wie die grotesk anmutende Parade des örtlichen Ku-Klux-Klans oder der manische Gangster Babyface Neslon.

Das Niveau findet sich diesmal nicht in genial komponierten Drehbuch, sondern im Einfallsreichtum, in der eigenen Odyssee der Coen-Brüder, die in einer umwerfenden Flutszene gipfelt. Mit "O Brother, where art thou ?" hat die Phantasie der Coens einen beschwingt und leichtfüßigen Film hervorgebracht, dem es auf unnachahmliche Art gelingt, eine eigene geistreich-witzige Dichtung zu sein.

Musikalische, phantasievoll bunte Lesart eines unsterblichen Themas


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Tja, da wollen es die Coen-Brüder mir ausnahmsweise mal recht machen und liefern anstelle einer gewöhnungsbedürftigen Groteske eine locker-leichte Musikkomödie ab. Letztendlich können sie ihre Vorlieben aber nicht verbergen, was "O brother where art thou ?" in Kombination mit dem etwas schleppenden Fortlauf der Handlung etwas unausgegoren, aber tro...