Man who wasn't there, The

USA, 116min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Joel Coen
B:Joel Coen, Ethan Coen
D:Billy Bob Thornton,
Frances McDormand,
James Gandolfini,
Tony Shalhoub
L:IMDb
„Trockenreinigung...könnte das das ganz große Ding sein?”
Inhalt
Eigentlich schien Ed (Billy Bob Thornton) mit seinem Leben zufrieden zu sein, doch als sich ihm die Gelegenheit bietet, wird er von dem Wunsch gepackt, sich selbstständig zu machen. Das Startkapital dazu erlangt er durch eine Erpressung. Doch durch zahlreiche Verwirrungen kommt es zu einem Mord, und als es an die Aufklärung geht, gerät Ed immer mehr unter Druck.
Kurzkommentar
Auf den Punkt gebracht: "The man who wasn't there" ist einfach stinklangweilig. Einschläfernd. Ansonsten ist er gar nicht schlecht. Formal beweisen die Coen-Brüder durchaus ihre Könnerschaft, besonders Thornton spielt besser denn je, und sogar der Geschichte kann man was abgewinnen. Wenn er nur ein bisschen weniger öde wäre.
Kritik
Eines konnten die Coen-Brüder schon immer, und das zeichnete ihre Filme stets aus: die Gegenwart beobachten und dem Zeitgeschmack voraus sein. In verkrampften Zeiten drehten sie lockere Filme (The Big Lebowski), in politisch korrekten Zeiten völlig inkorrekte Filme (Fargo), und in unruhigen Zeiten wie diesen, da drehen sie eben ruhige Filme. Genau das ist eigentlich die Haupteigenschaft von "The man who wasn't there". Obwohl es mehre Morde gibt, Ehebruch, Hochzeiten, Verhaftungen, trotz alledem wirkt der Film sehr ruhig. Unzweifelhaft liegt das an den eingesetzten Stilmitteln: Denn nicht nur spricht die Hauptfigur tatsächlich recht wenig (die anderen dafür umso mehr), auch die Schwarzweiss-Filmtechnik und die endlose Langsamkeit tun das Ihrige dazu. Eines gelingt hervorragend: Den Zuschauer in die Perspektive des Protagonisten, Ed, zu versetzen, der den ganzen Krach um sich herum kaum wahrnimmt, die Welt, die ihn umgibt, weitestgehend ignoriert - er ist der Mann, der gar nicht da ist. Ed erscheint geradezu empfindungslos, unemphatisch, nur in einem Moment lodert sein Interesse: Er sieht die Chance, sein Leben zu verbessern, und greift zu. Doch er denkt nicht an die Zukunft, an die Folgen, weil er überhaupt wenig an seine Umwelt denkt. Und so gerät eine Maschinerie ins Rollen, in Gang gesetzt von einem Menschen, der gewissermaßen nicht auf die Bühne treten sollte. Ohne Ed dreht sich die Welt, wie es sich gehört, doch als er einmal in seinem tristen Leben in die Welt eingreift, da geht alles schief. Und selbst in all dem Chaos, das er verusacht, nimmt kaum jemand Notiz von ihm, meisterhaft dargelegt in einer Szene, in der er den Mord gestehen will, doch niemand zeigt Interesse dafür, niemand nimmt ihn Ernst.

Für die überschaubare Truppe an immer wieder auftauchenden Coen-Schauspielern hätte sich Billy Bob Thornton einen Platz erspielt, aber vielleicht darf er auch nur ein Gastspiel geben, wie zuletzt George Clooney (während Schauspieler wie John Goodman, Steve Buscemi oder Frances McDormand immer wieder zu sehen sind). Seine Darstellung jedenfalls ist meisterhaft, er gibt den melancholischen, wortkargen, freiwillig ausserhalb der Gesellschaft stehenden Ed äusserst überzeugend. Dazu die in der Rolle zu früh gealterter Frauen stets überzeugende Frances McDormand, und insbesondere Tony Shalhoub als vor Selbstbewusstsein nur so strotzender Rechtsanwalt. Der Cast ist nicht nur gut gewählt, sondern auch gekonnt komponiert, fast schon zu artifiziell: Dem stillen, introvertierten Ed stehen die ewig quasselnden Frank und Dave gegenüber, simpel im Gemüt, sowie der Geschäftsman Tulliver und der Rechtsanwalt Riedenschneider, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzen, auch wenn man sich fragen mag, weshalb eigentlich (gekonnt angedeutet durch die Fritz/Werner-Episode). Dazu kommen die unbestreitbaren inszenatorischen Fähigkeiten Joel Coens, gerade in den Schwarzweiss-Bildern gewinnt die fotografische Komposition ungemein.

Weshalb nun aber eine Wertung, die das vorangegangene Loblied nicht stützt? Immerhin gewann Coen in Cannes für diesen Film den Regie-Preis? Zurecht, die Regieleistung ist überzeugend, die schauspielerische ebenfalls, die technische Umsetzung gekonnt, das Drehbuch durchdacht, und trotzdem: "The man who wasn't there" ist unglaublich langweilig. Hier gilt es, zwei Ebenen zu betrachten: Für all jene, die des Spaß wegens ins Kino gehen, taugt der neue Coen-Fil rein gar nicht, weiter entfernt von dem vorangegangenen "Oh Brother, where art thou?" konnte er kaum sein, völlig ohne jeden Schwung, ohne eine einzige witzige Pointe. Und auch auf der inhaltlichen Ebene kann "The man who wasn't there letztlich nicht so recht überzeugen. Einen Film zu drehen, der den Erwartungen vollkommen zuwiderläuft, dem vorigen Film so gar nicht ähnelt, und den Zeitgeist, der nach schneller, leicht verdaulicher Action und Komödie schreit, ist mutig, und es ist eine Kunst - doch es ist nicht kunstvoll. Die Geschichte eines Mannes, der sich, aus welchen Gründen auch immer, von der Gesellschaft zurückzieht, und dessen Rückkehr in diese mißlingt, sei es seinetwegen, sei es wegen der Gesellschaft, das alles verpackt in einer verspielten Mordgeschichte, kurz gesagt: Was soll das? Weder zur Gesellschaftskritik noch zu einer Art existenzialistischen Selbstkritik taugt "The man who wasn't there", dazu ist er dann doch zu simpel gestrickt, und ein Film allein gegen die Konvention, das ist zu wenig. Noch dazu, wenn er so anstrengend ist.

Trotz formalen Könnens und eines gewissen Hintersinns todlangweilig


Wolfgang Huang
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Man könnte Wolfgang objektiv sicherlich bedenklos zustimmen, aber "The Man who wasn't there" offenbart ganz andere Qualitäten. Die Bilder, die Musik, der Rhythmus sind oftmals so berauschend schön, dass die eigentliche Story zugunsten der Atmosphäre stark in den Hintergrund gedrängt wird und der Film für all jene Zuschauer empfehlenswert bleibt, di...