Mansfield Park

England, 112min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Patricia Rozema
B:Jane Austen,Patricia Rozema
D:Frances O'Connor,
Johnny Lee Miller,
Embeth Davidtz,
Allesandro Nivola
L:IMDb
„Fanny, deine Zunge ist schärfer als ein Fallbeil.”
Inhalt
Fanny Price (Frances O'Connor), die schon als Zehnjährige von ihrer in Armut lebenden Familie zu den wohlhabenden Verwandten nach Mansfield Park gegeben wird, wächst dort in dem prachtvollen Herrenhaus im Schatten ihrer privilegierten Cousinen und Cousins auf. Das patriarchalische Oberhaupt der Familie ist Sir Thomas Bertram (Harold Pinter), der sein Vermögen mit Sklavenhaltung und einer Plantage auf der Karibikinsel Antigua angehäuft hat. Ihre Töchter Maria (Victoria Hamilton) und Julia (Justine Waddell) sind die typischen verwöhnten reichen Mädchen. Sohn Tom (Jame Purefoy) trinkt aus Protest gegen die ausbeuterischen Geschäfte des Vaters. Sein sensibler jüngerer Bruder Edmund (Jonny Lee Miller) ist der einzige, der vorurteilsfreie Sympathie für Fanny empfindet, von deren freiem Denken und Fühlen er fasziniert ist und mit der er die Liebe zur Literatur teilt.
Kurzkommentar
Patricia Rozemas Verfilmung des berühmtesten Gesellschaftsromans Jane Austens ist schlicht, dennoch detailverliebt, glaubwürdig und mit unverbrauchten Darstellern exzellent besetzt. Das autobiographisch angehauchte Portrait entwirft eine wundervoll beobachtende Momentaufnahme einer Zeit im Umbruch und einer Frau, die zu modern für diesen war.
Kritik
Als eine der wenigen Frauen hat Jane Austen im ausgehenden 18. Jahrhundert, als Frauen sanftmütig, aber nicht gebildet zu sein hatten, das "tintenklecksende Säkulum" mitgestaltet und seine Bedingungen seziert. Hierzulande weniger bekannt, ist sie, die früh starb, bald zur großen, unsterblichen Dame der englischen Literatur geworden und noch heute gerne gelesen. In ihren sechs Romanen, von denen bisher zwei erfolgreich verfilmt wurden - "Verstand und Gefühl" als "Sinn und Sinnlichkeit" und "Emma" - nimmt Austen in spitzzüngiger Beobachtungsgabe die Doppelmoral und starren gesellschaftlichen Normen des englischen Landadels mit dessen zeremoniellen Umgangsformen aufs Korn. Was Austen neben ihrem Sprachstil als eine erste Vertreterin der "Moderne" erscheinen lässt, ist ihr für die damalige Zeit freigeistiges Grundthema der Infragestellung der gesellschaftlichen Rolle der Frau. In einer Zeit als Frauen noch immer allein die Bedürfnisse des Mannes zu befriedigen hatten, reflektiert Austens Werk neben der Forderung auf öffentliche Emanzipation gegenüber dem autoritären Patriarchat auch die geistige. So erfährt eine Signatur des 18. Jahrhunderts, nämlich die Selbstwerdung des Individuums mitsamt seines Gefühlskultes, bei Austen eine spezifische Perspektivierung. Der bunt gezeichnete "Mansfield Park", 1814 geschrieben, gilt als ihr erfolgreichster, autobiographisch gefärbter Roman.

Da seine Heldin Fanny Price, die, wie Austen auch, dem niederen Stand angehörte, jedoch eher passiv gezeichnet ist, kam bald die Meinung auf, Austen sei als Pfarrerstochter eine durchweg langweilige und inaktive Person gewesen, für die Selbstbestimmung und moralisches Urteil alleim im Refugium der Literatur denkbar waren. Dass dies nicht so ist, möchte uns die Regisseurin Patricia Rozema ("Der Gesang der Meerjungfrauen") beweisen und geht dabei über die Abbildung nichtiger Gesellschaftsrituale hinaus. "Mansfield Park" sollte für sie somit nicht "bloß" eine weitere, vielleicht etwas späte Austen-Adaption werden, vielmehr der Versuch, durch Miteinbeziehung der Briefe Austens, ein korrigiertes, lebendiges Dokument der großen Romanautorin zu entwerfen. Das historisch-politische Umfeld und kontroverse Zeitaspekte werden (so z.B. die Versklavung in Antigua, die den Reichtum auch der Betrams begründet) nur periphär gestreift, denn im Mittelpunkt steht allein die psychologische Auslotung von Fanny Price.

Da musste eine schwungvolle Darstellerin her und dass ihre Rolle mit dem unverbrauchten Gesicht der Australierin Frances O´Connor besetzt wurde, ist ein absoluter Glücksfall. O´Connor zeichnet Price als eine scharfsinnige, selbstbewusste Frau, die sich durch ihr literarisches Talent und Hang zur Bildung zwar mit sozialem Gefälle, aber nicht mit verkrusteten Gesellschaftsnormen abfinden kann. Ihre Ichwerdung vollzieht sich nicht nur literarisch-idealistisch, sondern im direkten Diskurs mit ihrer Umgebung. Dabei sieht sich die weltkluge Fanny nicht als endgültige, innere Moralinstanz, an der sich die gezierte Adelswelt reibt, sondern als unabgeschlossenes Ergebnis. Sie ist bereit, ihre eigenen Urteile ständig einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Trotzdem sie nicht nur an der Oberfläche unablässig mit ihren Gefühlen ringt, ist sie nur selten durch den Affekt beherrscht. Ihre aufgeschlossene Natürlichkeit überwindet Standesgrenzen und alsbald bringt Rozema die Rolle der Ehe zur Verhandlung, die im späten 18. Jahrhundert einen grundlegenden Wertewandel durchlief. War Heirat bis dato eine rein politische Angelegenheit, in der die emotionale Bindung, wenn überhaupt, an zweiter Stelle stand, so wurde sie nun aus Liebe und Zuneigung der Ehepartner eingegangen. "Eine gute Partie" möchte denn auch Alessandro Nivola als Henry Crawford machen. Fannys trotzige Ablehung seines Werbens ist nicht gänzlich schlüssig, da er sie offensichtlich aus wirklicher Liebe und nicht aus "standesgemäßen" Gründen ehelichen will. Eine moralische Wankelmütigkeit ist ihm erst dann zuzuschreiben, als die unsichere Fanny ihn endgültig abweist.

Bis auf die Frage, wer nun wen bekommt, ob Moral und Freigeist über pragmatisches Klassenbewusstsein triumphieren, birgt "Mansfield Park" wenig Aufregendes, ja, man könnte sagen, die Verfilmung sei altmodisch. Verstaubt ist sie sicher nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass Rozemas Akzentuierungen durchweg stimmig sind und sie keinen weichzeichnenden Kostümfilm entwirft. Vielmehr sind Optik, Geraderobe und Ausleuchtung ungewohnt schlicht, aber gerade deswegen glaubwürdig. So bleibt Platz für das Wesentliche, und zwar das exzellente Ensemble. Neben der gefühlvollen Frühfeministin im Vordergrund sind hier vor allem Jonny Lee Miller ("Plunkett & MacLeane") als Fanny geistig nahestehende Liebe aus Kindertagen und Embeth Davidtz als Mary Crawford hervorzuheben. Die Darsteller formen ihre Charaktere mit teils brillianten Dialogen ohne klischeeartige Anwandlungen und gestalten die wohl vorerst letzte Austen-Verfilmung zu einem vorbildlich ausbalancierten und gewandten Sittengemälde der englischen Gentry. Und zu guter Letzt bleibt denn Hoffnung für ein 19. Jahrhundert als das der "Veredlung" und Moral. Patricia Rozema setzt mit "Mansfield Park" die Kontinuität gelungener Austen-Verfilmungen beispielhaft fort, reflektiert ein Stück Mentalitätsgeschichte und lässt zudem das Wesen der wegweisenden Romanautorin als humorvolle und warmherzige Frau in einem klugen Licht erscheinen.

Lebenskräftiges, feinsinnig arrangiertes Bild einer Selbstbefreiung


Flemming Schock