Wahres Verbrechen, Ein
(True Crime)

USA, 126min
R:Clint Eastwood
B:Andrew Klavan,Larry Gross, Paul Brickman, Stephen Schiff
D:Clint Eastwood,
Isaiah Washington,
Lisa Hamilton,
James Woods
L:IMDb
Inhalt
Der ehemalige Spitzenreporter Steve Everett ( Clint Eastwood ) scheint den Zenit seines Erfolges hinter sich zu haben. Ehemals wegen seiner kompromißlosen Investigationen gefürchtet, in denen er ohne Rücksicht auf den Verlust seines Jobs selbst den Schmutz höherer Politiker ans Tageslicht zerrte, ist er jetzt nur noch Schatten seiner selbst. Die ihm verliehene Gabe, immer den richtigen "Riecher" für die Wahrheit zu haben, traf in nur einem Prozeß nicht zu. Der von Everett verteidigte Angeklagte war schuldig, was zur medienwirksamen Blamage und gesellschaftlichem Sturz führte. Das Leben und die Familie Everetts ist durch Alkoholprobleme und seine unablässigen Affären mit den Frauen irgendwelcher Chefredakteure in die Brüche gegangen. Als die Tage der großen Stories für ihn gezählt scheinen, erhält er jedoch eine neue Chance, seinen Ehrgeiz unter Beweis zu stellen. Die junge Studentin, die im Fall des wegen Mordes zum Tode verurteilten Schwarzen Beachum (Isaiah Washington) ursprünglich recherchierte und am Tage seiner Hinrichtung ein Interview mit diesem führen wollte, büßt ihr Leben bei einem Autounfall ein. Trotzdem Everett sie kannte und auch mit ihr anzubändeln versuchte, findet er keine Zeit, um wirklich ergriffen zu sein, da er jetzt zwar nur für das Interview einspringen soll, sich jedoch sofort instinktiv von der Unschuld des Angeklagten überzeugt zeigt und einen Wettlauf gegen die Willkür des amerikanischen Justizsystems beginnt.
Kritik
Mit "Ein wahres Verbrechen" legt Hollywoods nie zu altern scheinender Haudegen seine bereits einundzwanzigste Regiearbeit vor, zeigt sich als Produzent verantwortlich und übernimmt zusätzlich natürlich noch die Hauptrolle. Somit wird der Film nicht nur vom Hauptdarsteller Eastwood getragen, sondern wirkt wie spezifisch auf den moralisch fragwürdigen und ambivalenten Charakter des Steve Everetts zugeschnitten. Die arg abgeschdroschene und klischeehaft konstruierte Story eines Opfers amerikanischer Rachejustiz, hier nur durch das Fehlen rassistischer Motive leicht minimal variiert vorliegend, ist ermüdend trivial. Mit Beginn von Everetts Bemühen nach Wahrheitsfindung und Beweis der Unschuld Beachums trotz erdrückender Beweislage weis der Zuschauer um das Ende des Films. Als sekundär erweist sich dabei auf intentionalistischer Ebene, ob Beachums Exekution rechtzeitig gestoppt werden kann oder nicht, da die beabsichtigte Wirkung des Film auf einen moralischen Rundumschlag gegen den verantwortungslose amerikanischen Justizapparat abzielt. Dieser betreibt zwar keine ausdrückliche "Rassenjustiz" mehr, zeigt sich aber von dekadent schlampigen Ermittlungen und der "finden wir schnell einen Schuldigen, damit Ruhe herrscht" Mentalität durchsetzt. Die wenig innovativen Grundpositionen sind somit abgesteckt: hier die kapitalistische Justiz in der Unfähigkeit, die schreiende Ungerechtigkeit aus eigener Kraft zu erkennen und eigentlicher Täter des „wahren Verbrechens„; dort der zwar existialistisch gescheiterte, doch zumindest beruflich wahrheitsliebende Reporter, der seine Bestätigung im Wahrheitsbeweis sucht. Würde dieser nicht von Eastwood gespielt, wäre der Film sogleich in der Versenkung verschwunden, ist der Hauptplot doch trivialster Natur. Interessant bleibt alleine die ambivalente Selbstinszenierung Eastwoods im persönlich charakterschwachen Reporter Everett, der trotz seines Alters genug Sexappeal hat, um die Frauen sämtlicher Chefredakteure in die Horizontale zu bringen und damit ständig zwischen beruflichen Todesurteil und familiärem Scheitern schwebt. Sichtlich genießt Eastwood die Übertragung seines Status als wohl von der Zeit unberührtes Sexsymbol auf die Figur Everetts. Dieser ist durch seine unzähligen Bettgeschichten und dem alles andere vergessenen Fanatismus, mit dem er die Wahrheit verfolgt, unfähig noch Liebe zu empfinden und die Familie zusammenzuhalten. Hat Everett, dessen diametrales Verhalten im Beruf und Privatleben die Identifikation des Zuschauers mit ihm schwierig macht, am Ende zwar der Wahrheit Genugtuung verschafft und Gerechtigkeit restituiert, so wird er doch letzten Endes auf sein privates Scheitern zurückgeworfen. Soziale Inkompetenz und aus Selbstverschulden zerstörtes Privatleben wird durch die Zurückgewinnung beruflicher Identität versuchsweise aufgewogen. Der Zuschauer wird mit einem moralischen Postulat entlassen. Ein eigenes und den Film in Zügen sehr amüsant machendes Kapitel sind die Reflexe von Everetts sozialem Umfeld auf seine Sexgeschichten. Die Chefredakteure der Zeitung ( gespielt von James Woods und Denis Leary ) und Everetts Arbeitgeber hegen eine persönliche Abneigung gegen ihn: er hat auch mit ihren Frauen geschlafen. Wie sich die Auseinandersetzung und der ironische Dialog über sexuelle Intrigen und machohaftem Streben nach phallistischer Selbstbestätigung entwickelt und ins Absurde übersteigert, doch immer seltsam lakonisch bleiben, ist Eastwood aufs Unterhaltsamste gelungen. Diese Szenen, die den schleppend undynamischen, uninspirierten Fortgang des Hauptplots auflockern, sind leider viel zu rar, bleiben beim Kinogänger jedoch weit länger haften als das ewige filmisch verarbeitete Thema der ungerechten Justiz mit der Inhumanität der Todesstrafe.

Verbrechen der Justiz, Phallussymbolik und müdes Drama.


Flemming Schock