Caché

Frankreich, 117min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Michael Haneke
B:Michael Haneke
D:Daniel Auteuil,
Juliette Binoche,
Maurice Bénichou,
Annie Girardot,
Lester Makedonsky
L:IMDb
„Was sehen wir auf dem Band?”
Inhalt
Eigentlich ist auf diesen Bildern nichts Kompromittierendes zu sehen: Ein Auto wird geparkt, eine Tür fällt ins Schloss. Stille. Doch gerade diese Stille macht die Filmaufnahmen so bedrohlich: Was will der Fremde, der Georges Laurents Leben und das seiner Familie mit beunruhigender Geduld dokumentiert und ihm in Form von Videobändern zukommen lässt? Noch dazu zusammen mit naiv-grotesken Zeichnungen, die den Horrorphantasien eines Kindes entsprungen zu sein scheinen? Georges ist Moderator einer erfolgreichen Literaturtalkshow im Fernsehen, und deshalb vermutet seine Frau Anne zunächst einen verrückten Fan hinter den rätselhaften Filmaufnahmen. Die Polizei sieht keinen Grund zu handeln, solange nichts wirklich Bedrohliches geschehen ist. Doch das Gefühl der Beklemmung wird immer stärker und bringt Georges’ und Annes bürgerlich-intellektuelles Leben zwischen Literatursendungen, Vernissagen und Abendeinladungen allmählich aus dem Gleichgewicht. Während Anne noch offen über die rätselhafte Post spricht, beginnt sich die Stille der seltsamen Videobänder auf Georges auszubreiten. Die beiliegenden Zeichnungen beunruhigen ihn und bringen etwas in ihm zum Klingen. Meist sind es Strichmännchen mit blutig roter Kehle. Auf der letzten allerdings ist ein Huhn zu sehen, mit durchschlagenem Hals.
Kurzkommentar
Unter Zuhilfenahme von thrillerspezifischen Genrekonventionen führt Michael Haneke seine gestrenge Analyse an der menschlichen Natur fort. Längst nicht mehr darauf bedacht, die zentralen moralischen Fragestellungen seiner Arbeit plakativ umzusetzen („Funny Games“, „Bennys Video“), steht sowohl die beklemmende Atmosphäre als auch der moralische Anspruch in ‚Caché’ den früheren Filmen Hanekes in nichts nach.
Kritik
Michael Haneke wählt für sein neustes Werk die klassische Handlungsstruktur des Thrillers, welche für ihre Hauptfigur hinter einer zerbrochenen Normalbürger-Realität eine zweite, abgründige Sphäre bereithält. Doch der Film geht weit über die schlichte Erfüllung formelhafter Genrekonventionen hinaus, und schafft vor dem vermeintlichen Thriller-Hintergrund ein Versuchsfeld, auf welchem die menschliche Psyche einer nüchternen Analyse unterzogen wird. Zentrale Themen sind sowohl der private und kollektive Umgang mit Schuld, als auch die enorme Beeinflussung und Manipulation des Blicks durch die Massenmedien.

Hanekes Kamera führt ohne schönfärberischen Filter eine Wirklichkeitsebene vor, die aufgrund ihrer unbequemen Eigenheiten nur allzu gerne ausgeblendet und in den toten Winkel des kollektiven Bewusstseins gedrängt wird. Dass die daraus hervorgehende Ruhe trügerisch ist, vermittelt der Film bereits in der ersten Einstellung. Gezeigt wird zunächst die statische Totale auf eine ruhige und idyllisch anmutende Pariser Seitenstrasse. Unter Vogelgezwitscher und im indirekten Licht des klaren Morgens kreuzen vereinzelte Passanten das Bild. Regungslos verharrt die Kamera in ihrer Position, nur der anfänglich neutral konnotierte Blick durchläuft während den ersten, immer länger anmutenden Minuten der Ereignislosigkeit eine Veränderung, welche einen zunehmend lauernden Unterton annimmt. Der Film gerät abrupt ins Stocken und spult zurück.

Ab diesem Punkt setzt die eigentliche Erzählhandlung ein, der Schock des Publikums wird augenblicklich auf die anschliessend eingeführten Hauptfiguren übertragen. Effektvoll stellt Haneke dadurch gleich zu Beginn die Aussagekraft des Bildes in Fragen, indem er für die erste Szene einen Film im Film wählt, der als anonyme Aufzeichnung im Wohnzimmer der Laurents abgespielt wird. Mit Hilfe dieses selbstreflexiven Kniffs verschafft sich der Regisseur beim Publikum für die Dauer des Films eine nachhaltige Verunsicherung was die Glaubwürdigkeit der nachfolgenden Bilder betrifft. Damit wird jede neue Einstellung fortwährend auf ihren suggerierten Kontext hin hinterfragt, und tatsächlich stellt sich dieser in einigen Fällen als falsche Fährte heraus. Augenfällig wird Hanekes Hinweis auf das Phänomen der massenmediale Manipulation auch dann, als Georges die literarische Fernsehdiskussion, von der man annehmen sollte, dass sie ohne Veränderung an das Publikum weitergegeben wird, bedenkenlos schneidet und ihm unpassend erscheinende Gesprächsausschnitte sogar zensuriert. Offensichtlicher kann Haneke seine Aussage, dass Film „24 Mal Lüge pro Sekunde“ sei, kaum illustrieren.

Auch die verstörenden Bilder, welche aus Georges latentem Schuldbewusstsein an die visuelle Oberfläche schwappen, entziehen sich anfangs, ähnlich den Video-Aufnahmen, einer plausiblen Erklärung. Später als Traumbilder markiert, verweisen sie auf verdrängte und tief empfundene Schuld, die Georges nur allmählich in sein Bewusstsein sickern lässt. Schliesslich muss sich Georges eingestehen, dass eine grausame Handlung aus frühen Kindertagen möglicher Auslöser für die anonymen Attacken sein könnte. Überzeugt, dass das algerische Waisenkind, welches er damals eifersüchtig aus der Obhut seiner wohlhabenden Eltern vertrieben hatte, für die Videos und Zeichnungen verantwortlich ist, sucht er den Mann mit Hilfe einer anonymen filmischen Wegbeschreibung auf. Doch der verdächtigte Majid (Maurice Bénichou), einstmals indirektes Opfer des Algerien-Konflikts und heute als Erwachsener in ärmlichen Verhältnissen lebend, hat den permanenten Terror weder verursacht, noch hegt er einen persönlichen Groll gegen Georges, obwohl er angesichts dessen schicksalhafter, kindlicher Intrige guten Grund dazu hätte. Die Frage nach dem Film im Film, bzw. nach der Autorenschaft und Intention der Videos, ist und bleibt die eigentliche treibende Kraft des Plots, welche entgegen aller Zuschauererwartung jedoch nicht beantwortet wird.

Haneke durchbricht gewohnheitsgemäss ganz bewusst die Prinzipien des klassischen Kinos wie etwa Geschlossenheit oder einer Lösung des Rätsels, um für seine Figuren eine extreme Situation zu konstruieren, innerhalb derer eine glaubhafte Bestandesaufnahme menschlichen Verhaltensweisen möglich wird. So erübrigt sich auch die Frage nach einer realen Täterschaft, die sich zunehmend als abstrakte, selbstreflexive und allwissende Instanz entpuppt, die aus einer rätselhaften Perspektive und mit verschleierter Intention einen Blick auf das Leben der Laurents wirft. Die Funktion des anonymen Auges scheint unter anderem darin zu bestehen, Georges die einmalige Möglichkeit zu verleihen, sich in der Gegenwart mit einer schwerwiegenden Schuld aus der Vergangenheit auseinander zu setzten. Allerdings scheitert er durch sein Unvermögen, die begangene Schuld vor sich selbst, sowie vor seinen Mitmenschen zu verantworten. Aus Furcht, durch den Vorfall an gesellschaftlichem Ansehen einzubüssen, verengt sich sein Blickfeld auf eine immer trotziger eingenommene Opferhaltung. Er ist unfähig, den schuldlosen Majid um Verzeihung zu bitten. Alles was er in seiner von Aggressionen durchsetzten Panik noch zu artikulieren vermag, sind Drohungen, mit welchen er schliesslich eine Katastrophe heraufbeschwört.

Wie bereits in seinen früheren Filmen nimmt auch ‚Caché’ gesellschaftspolitische Dimensionen an, die nach Haneke aber nicht an den französischen Kontext der Erzählung gebunden bleiben sollen, sondern vielmehr auf eine universell zu betrachtende Problematik verweisen, deren Ursprung sich wiederum in der moralischen Unzulänglichkeit der menschlichen Natur findet. Und wie auch in seinen früheren Werken bietet das Filmende keine Lösungen, dafür neue Perspektiven; keine Antworten, dafür weitere Fragen.

Beklemmendes Psycho-Drama mit dem typischen hanekschen Blick auf die moralische Unzulänglichkeit der menschlichen Natur.


Cindy Hertach