Requiem

Deutschland, 93min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Hans-Christian Schmid
B:Bernd Lange
D:Sandra Hüller,
Anna Blomeier,
Nicholas Reinke,
Burghart Klaußner
L:IMDb
„Ich verlange doch gar nicht viel vom Leben”
Inhalt
Tübingen und Umgebung, Anfang der 70er Jahre. Die junge Michaela Klingler (Sandra Hüller) verlässt ihr streng katholisches Elternhaus, um ein Studium zu beginnen. Glücklich, das kleinbürgerliche Umfeld hinter sich gelassen zu haben, genießt sie die ersten Schritte in der neuen Freiheit und findet mit Hanna (Anna Blomeier) und Stefan (Nicholas Reinke) schnell Freunde an der Uni. Doch Michaela wird von ihrer Vergangenheit eingeholt: Trotz ärztlicher Behandlung hat sie immer öfter mit epileptischen Anfällen und Wahnvorstellungen zu kämpfen. Sie hört Stimmen und glaubt, von Dämonen besessen zu sein. Verzweifelt begibt sich Michaela in die Obhut eines jungen Priesters und stimmt schließlich einem Exorzismus zu.
Kurzkommentar
Deep Purple singt „When the night wind softly blows through my open window, then I start to remember the girl that brought me joy“ und wir wissen, dies ist ein Film des Rückblicks, der Sehnsucht und der Trauer. Hans-Christian Schmid fängt diese Atmosphäre der Ohnmacht und der Melancholie perfekt ein und findet dafür in Sandra Hüller die gebührende Darstellerin. Dass dabei manches zu lehrbuchreif und glatt wirkt, kann man auch als Stärke eines Films verstehen, der auf jede Metaebene verzichtet und in seiner dramaturgischen Schnörkellosigkeit zum Punkt kommt.
Kritik
Am Anfang steht das Glück. Die Zusage zum Studium in Tübingen nach etlichen Bet- und Bittstunden in der örtlichen Kirche. Die ungelenke, kükenhafte Art des unsicheren Mädchens verrät, dass für dieses Leben soeben eine große Weiche gestellt wurde. Eine Weiche, zu der die Sehnsucht schon vergleichsweise alt ist, vielleicht so alt, dass sie kaum länger hätte aufrecht erhalten werden können. Später erfahren wir, dass Michaela bereits 21 ist und in der Schule ein Jahr ausgesetzt hat. Man spürt, diese Zusage ist gewissermaßen die letzte Chance, ihrem Leben eine eigene Richtung geben zu können. Papa wünscht es ihr von Herzen und hat sich, zum Unwissen der Mutter, bereits um ein Zimmer im Studentenwohnheim gekümmert. Am Tag des Einzugs macht er ihr ein weiteres Geschenk: eine nagelneue Schreibmaschine. Man ahnt, dass ein Zeichen der Zuneigung kaum hätte größer ausfallen können.

Doch das Glück ist brüchig. Wenn es nicht bereits Michaelas Körpersprache verrät, dann doch spätestens der Blick der Mutter, der alles zuwider ist, was einem demütigen Leben widerspricht. Marianne Klingler geht auf in ihrer Demut, ihrer eben fundamentalen Interpretation des Glaubens. Wie andere ihrer Generation missversteht sie die Kirche als „Versicherungsgesellschaft für schlechte Zeiten“. Sie glaubt, ihre Anspruchslosigkeit auf Erden reserviere ihr besonders gute Plätze im Himmelreich. Sie glaubt, dem Übermenschlichen dann besonders gut zu dienen, wenn sie das Menschliche reduziert. Sie ist gewissermassen der Super-GAU des provinziellen Katholizismus: sie biedert sich Gott an. Sie ist auch die einzige Figur des Films, der man ihre Eindimensionalität nicht verzeiht.

Doch Schmid und Lange gefallen sich nicht in der leichten, überheblichen Position eines Richters, der das Treiben in einem 800 Seelen-Dorf belächelt. „Requiem“ ist zunächst einmal eine Bestandsaufnahme, eine rein emphatische Wiedergabe eines nachdenklichen stimmenden Todesfalles, der in Wirklichkeit natürlich noch viel absurdere Züge annahm als im Film dargestellt. „Requiem“ ist der Versuch, zunächst einmal darzustellen und erst dann zu verstehen, und damit der schärfste Widerspruch zum Populärkino. Belege dafür sind etwa die Vermeidung eines Dialekts, der das Geschehen allzu schnell als Kuriosum gebrandmarkt hätte, oder auch der nahezu totale Verzicht auf die Darstellung der Medizinwelt, die bequeme, wissenschaftliche Erklärungsmuster ins Spiel gebracht hätte. Der Zuschauer soll vorurteilsfrei am Schicksal von Michaela Klinger teilhaben können und sich erst dann mit dem Warum beschäftigen. Erst die emotionale, dann die rationale Dimension.

Gemäß diesem Anspruch funktioniert der Film größtenteils hervorragend, sei es als Annäherung an eine nicht immer sympathische Figur, sei es als eine bedrückende Studie über Ratlosigkeit, Ohnmacht und Verblendung. Auch wenn man einwenden kann, dass es sich Schmid und Lange oft zu einfach machen, wie im Falle der Mutter oder im allzu lehrbuchreifen Aufbau des Drehbuchs, so darf man doch nicht die Ambivalenz der Figur unterschätzen: Michaela wirkt häufig allzu undankbar und selbstvergessen, selbst in ihren klaren Momenten. Ihren Freund Stefan lässt sie nach dem ersten Kuss gleich draußen stehen und auf den Rat ihrer Freundin Hanna gibt sie nichts. Sandra Hüller, die in der Tat eine Entdeckung ist, besitzt die Fähigkeit, im einen Momenten wunderhübsch, im nächsten aber bereits unheimlich abstossend zu wirken. Geschickt arbeiten sie und Schmid das Unerklärliche aus der Figur heraus, das dem Zuschauer ein konstantes Abarbeiten verlangt und eine einfache Einordnung – „Die ist ja bloß verrückt“ – verhindert.

Stark wird „Requiem“ aber schließlich dadurch, dass er das Gefühl der Ohnmacht so blendend zu kommunizieren versteht. In Michaelas Umfeld herrscht pure Ratlosigkeit, was den Umgang mit ihr anbelangt. Der Exorzismus, dem schließlich zugestimmt wird, ist glaubwürdig verankert im erzkatholischen Glauben des Elternhauses, überzeugt ist von ihm jedoch niemand. Selbst der Pfarrer rät Michaela ursprünglich zu einer psychologischen Behandlung, froh, dass er das Problem dann los wäre, froh sicher auch, dass sein Gottesbild dann unangekratzt bliebe. Triebkraft hinter der Praktik ist maßgeblich der junge Pfarrer Borchert, dem man jedoch seine Sensationsgier mehr und mehr anmerkt. Vermutlich wäre ein Exorzismus für ihn ein ziemlich spektakuläres Ding.

Die Tragweite und Traurigkeit, die dem Schicksal der Michaela Klinger innewohnt, wird in einer Einstellung besonders deutlich: Michaelas kleine Schwester Helga sitzt versteckt im Treppenhaus der Klingers während sich Michaela im Wohnzimmer schreiend gegen den Exorzismus wehrt. Sie darf nur hören, aber nicht sehen, was mit Michaela passiert. Was in Schmids „Nach Fünf im Urwald“ noch spielerisch-humorvoll war – die Einflechtung der Perspektive eines noch jüngeren Familienmitglieds – weicht hier der unangenehmen Realität: jede Generation muss durch ihre eigene Hölle. Und das titelgebende Requiem bezieht sich nicht einfach auf Michaela Klinger, von der wir ohnehin ahnen, dass sie die Strapazen nicht überstehen wird. Es bezieht sich auch auf ihre Jugend. Eine Jugend nämlich, die nie stattgefunden hat.

Taktvolle Anteilnahme an einem nachdenklich stimmenden Todesfall


Thomas Schlömer