Manila

Deutschland, 115min
R:Romuald Karmakar
B:Romuald Karmakar, Bodo Kirchhoff
D:Eddie Arent,
Michael Degen,
Jürgen Vogel,
Martin Semmelrogge
L:IMDb
„So isses, Mercy. So is des Leben.”
Inhalt
Manila, internationaler Flughafen. Wegen eines technischen Problems verzögert sich der Abflug einer Maschine, und so sind die Passagiere zum Warten gezwungen. Stunde um Stunde, die ganze Nacht. Erfüllt von ihren Reiseeindrücken kommen sie ins Reden und Erzählen - doch alles, was sie fern der Heimat erlebt haben, ist nichts gegen das, was sie mit ihren Geschichten in Gang setzen.
Kurzkommentar
Nach dem "Totmacher" legt Romuald Karmarker erneut einen konzeptuell innovativen Film vor, der kammerspielartig von der wirklichkeitsnahen Zurschaustellung von Moral, Aktionismus und menschlichen Abgründen lebt. Andererseits bleibt Karmakers Sittenverhandlung oft nur interessant, aber eben nicht spannend.
Kritik
Romuald Karmaker gab und gibt den Tätern eine Chance. Bereits mit 19 Jahren drehte er seinen ersten Film, die Super-8-Produktion "Eine Freundschaft aus Deutschland", in der es nicht nur um den Dämon, sondern um den Privatmann Adolf Hitler ging, also auch um etwas, das den Raum der "kanonisierten" Erinnerung sprengte. Nach einer Reihe von Dokumentarfilmen folgte 1996 mit dem "Totmacher" Karmakers erster Kinofilm, der minutiös und beängstigend authentisch mit psychiatrischer Präzision das Wesen des nimmersatten Serienmörders Fritz Harmann bis auf den Grund zu durchleuchten versuchte. Das einschneidende Kammerspiel zeigte Götz George als Harmann in der Rolle seines Lebens und brachte Karmaker neben dem deutschen Filmpreis auch eine gewaltig positive Resonanz vom Publikum, und das, obwohl aus der Perspektive des Täters geschildert wurde.
Dabei ging es dem Regisseur nicht um banale Provokation, sondern um Relativierung, um eine "andere Rezeption des Bösen", um Aspektbereicherung statt einfacher Dämonisierung. So auch im dreistündigen "Himmler-Projekt", mit dem Karmaker seiner Linie treu bleibt, aber diesmal ein "zentrales Dokument" der Geschichtsschreibung aufgriff. Der Film, "Hitlers Vollstrecker" in einer Rede vor SS-Generälen in Polen zeigend, hatte auf der Berlinale im Februar Premiere, nachdem "Manila" als offizieller Wettbewerbsbeitrag abgelehnt worden war, im Vorfeld der Auswahl zum diesjährigen deutschen Filmpreis ausschied und keine Unterstützung von der Filmförderungsanstalt erhalten hatte. Das riecht nach ideologischer Brisanz. Die Berlinale konnte wohl keinen Streifen gebrauchen, der anscheinend stereotyp und typisch das schweinische Deutschtum im Ausland herauskehrte. Oder war Karmakers Neuster einfach zu schlecht?

Die Idee, die Wartehalle eines Flughafens zum geschlossenen Raum zu erklären, und in ihm wiederum kammerspielartig zu beobachten, welche Wege Annäherungen, Distanzierungen, Phantasien und Gefühle nehmen, ist allein schon originell und gerade von Karmaker ist sicher keine polemische Reduktion auf den hässlichen Deutschen zu erwarten. So bleibt sie denn auch aus. Sucht die Kritik in "Manila" nach Stereotypen, sollte sie sich zu allererst fragen, was denn nun den "typisch deutsch" ist. Und schon die Antwort wäre ein Klischee. Nein, die illustren Figuren, die sich Karmaker aneinander reiben lässt, handeln und wirken authentisch - und dafür Verdient der Regisseur als "Psychochirurg" höchsten Respekt. Jede Figur ist voll von eigenwilligem Leben und sie muss es sein, wenn jeder Effekt von Außen fehlt. Es geht nicht um anklagende Demaskierung, sondern um beobachtende Herauskehrung des Inneren in einer Situation, die Voraussetzungen der Intimität und ihre Folgen erörtert. Was macht der Zivilisations- und Bildungsmensch, ist er auf engstem Raum mit seinesgleichen festgesetzt? Das gemeinsame Problem solidarisiert, die Sehnsucht nach der einzig "wahren" Heimat, in diesem Falle Deutschland, wird in kräftigsten Farben ausgemalt und man kommt sich unterschiedlichst näher, um den gemeinsamen Feind, die Zeit, totzuschlagen.

Karmaker führt die Protagonisten typisierend ein, aber mit äußerstem Feingefühl und investigativer Einsicht. Viele, so bezeichnende Momente der latenten Aggression, der Verführung, der Erinnerung und des geheimsten Geständnisses werden freigesetzt und kommen teilweise regelrecht zur Explosion. Der Zuschauer wird Zeuge von unterdrückten Trieben und heftigen Reaktionen, die wie ein Rückfall in archaische Exzesse anmuten. So masturbiert der weit gereiste Monteur Herbert (Kommentar zu einer Exekution in Saudi-Arabien, der der beiwohnte: "wie beim Stierkampf, wenn´s ernst wird") in einem kramphaft neurotischen Anfall auf der Toilette, indessen Martin Semmelrogge als mit der Toilettenfrau anbändelnder Sextourist Max in blinder Wut gegen die Tür trommelt, weil er sich um etwas betrogen wähnt. Minuten vorher zeigte er noch stolz dem pensionierten Lehrer Görler ("Aus´m Osten. Aus Apolda. Das liegt in der Nähe von Weimar - oder Buchenwald, wie Sie wollen") pornografische Fotos einer geliebten Prostituierten. Gleitet Karmaker mit seinem Sittenbild, seiner Situationserwägung über "die" Deutschen ins Vulgäre ab? Nein, vielmehr sind alle Akzente des observierenden Spiels gleichgewichtet und Teil einer distanzierten, aber beharrlichen Auslotung der Moral und Abgründe der Wartenden. Selten sieht man Psychogramme feiner herausgearbeitet. Das ist Karmakers große Stärke.

Weniger gelungen hingegen ist, dass der Verhaltensdiskurs es aufgrund schwacher Spannungskurve, die durch das Fehlen der äußeren Handlungsmotivation und mancher abgedroschener Dialoge zustande kommt, nicht vermeiden kann, streckenweise ins Belanglose abzudriften. Ein betont provokativer Charakter ist nicht auszumachen, denn Karmaker möchte nicht zuletzt unterhalten. Außergewöhnlich und interessant bleibt "Manila" aber immer, das auch nicht zuletzt durch die durchweg etablierten, glaubhaft spielenden Darsteller. Gegen Ende wird das teils absurde Kokettieren Karmakers besonders deutlich. Die Einzelnen verschmelzen zum gröhlenden Kollektiv, zum "Chor der Gefangenen von Manila", protestfreudig in immer größerer Heftigkeit im Chor "Polizeistunde kennen wir nicht" hervorschmetternd. Das war´s dann mit dem Bildungsbürgertum, Zwangsjacken werden gegen Bierseligkeit eingetauscht und gänzlich unzivilisierte Poloneserituale markieren die Rückkehr zum rauschhaften Trieb. Man lebt, und wenn man Schwein ist, dann nur ein armes. Als dann doch noch die Heimkehr folgt, ist das Verlassen des Fliegers auf dem Frankfurter Flughafen im symbolischem Grau-Blau gehalten. Der graue Alltag hat die gesichtslose Masse wieder, in der soziale Wärme und Kollektiverlebnis gestorben sind. Niemand braucht sich zu schämen, es war nur das echte Deutschland. Karmakers Wartehalle bleibt ein Raum ohne Katharsis, ohne Täter und Opfer.

Faszinierende Idee mit narrativ schwachem Ergebnis


Flemming Schock