Magnolia

USA, 188min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Paul Thomas Anderson
B:Paul Thomas Anderson
D:Tom Cruise,
Julianne Moore,
Philip Baker Hall,
John C. Reilly,
Philip Seymor Hoffman
L:IMDb
„Oh, diese gottverdammte Reue!”
Inhalt
Der Fernsehmagnat und Familienpatriarch Big Earl Partridge (Jason Robards) liegt im Sterben. Und während seine Frau Linda (Julianne Moore) an dem bevorstehenden Verlust zu zerbrechen droht, möchte Partridges Pfleger Phil (Philip Seymour Hoffman) den letzten Wunsch des alten Mannes erfüllen: Er will dessen verlorenen Sohn Frank ausfindig machen. Aber Frank T.J. Mackey (Tom Cruise), mittlerweile ein populärer Sex-Prophet, hat mit dem Vater gebrochen. Auch Jimmy Gator (Philip Backer Hall), Moderator von Partridges erfolgreichster Gameshow, weiss, dass er nicht mehr lange zu leben hat - und seine entfremdete Tochter Claudia (Melora Waters) will ebenfalls nichts von einer Aussöhnung wissen. Die kokainabhängige junge Frau verliebt sich in den aufrichtigen Cop Jim Kurring (John C. Reilly). Indessen hadert das Gameshow Wunderkind Stanley Spector (Jeremy Blackham) mit seinem lieblosen Vater. Und Donnie Smith (William H. Macy), einst wie Stanley als Kindergenie gefeiert, findet sich vor den Trümmern eines verkorksten Lebens wieder.
Kurzkommentar
Paul Thomas Andersons ("Boogie Nights") umjubelte dritte Regiearbeit entwirft einen erzählerisch wie stilistisch subtil verschachtelten Bilderbogen verwundeter Seelen. Weitschweifige Reflexionen über emotionale Unzulänglichkeit und die Suche nach einer Form von Liebe machen den Film in erster Linie zur formvollendeten Tragikillustration. Mit brillianten Schauspielleistungen ist alles auf Kunstwerk getrimmt, doch für seine wenig komplexe Botschaft und Charaktere ist "Magnolia" schlichtweg zu lang.
Kritik
Dass "Magnolia" (der Titel bezeichnet einen Boulevard, auf dem sich die beschriebenen Schicksale kreuzen) auf der 50. Berlinale den "Goldenen Bären" für den besten Wettbewerbsbeitrag gewinnen würde, war wohl aufgrund der eher mäßigen Konkurrenz fast obligatorisch. Regisseur Paul Thomas Anderson feierte mit seinem zweiten Film, dem Pornofresko "Boogie Nights" 1998 den Durchbruch bei der Kritik und liefert mit dem jüngsten Werk seinen persönlichen Versuch zum immer angesagteren Genre des Drei-Stunden-Films. Egal, ob "The Green Mile", das bald anlaufende neue Oliver Stone-Werk "An jedem verdammten Sonntag" oder eben "Magnolia" - seit James Camerons "Titanic" braucht ein potentielles Meisterwerk mindestens seine einhundertsechzig Minunten Entfaltung. So werden Produktionen unter zwei Stunden immer seltener und der Hintern des Zuschauers immer wunder, denn ob die Qualitäten der Filme proportional zu ihrer Länge steigen, ist eher fraglich.
Die Plots sind nicht komplizierter geworden, so dass Regisseure mit zunehmender Länge das Risiko eingehen, entweder erhöhte Spannungsintensität und Athmossphäre oder kaugummiartiges in die Länge ziehen zu bewirken. Ersteres trifft seltener zu und auch "Magnolia" kränkelt an der Annahme, dass inhaltliche Substanz mit Länge gleichzusetzen ist. Das erste vermeintliche Kriterium des künstlerischen Ausdrucks ist also die Länge, das zweite, nach dem sich P.T. Anderson ebenso richtet, ist die poetische Unglücksschilderung. Nur wer alltäglichen Weltschmerz und Trauer über menschliches Scheitern bildreich auswälzt, scheint Hoffnung auf künstlerische Anerkennung hegen zu dürfen. Das ästhetisierte Leiden wird dann weiterhin schematisch mit der Einsicht vermengt, dass das Leben ja trotz der Scheisse irgendwo wunderschön sei. Es ist nicht so, dass dies einen Film schlecht macht, jedoch ist die Erkenntnis alt und womöglich banal, dass Leiden einfach ist, Glück hingegen zu empfinden und konkret zu benennen, dem Menschen äußert schwer fällt. Und vielleicht gefällt er sich in dieser Lage. Wieso also nicht einmal ein Kaleidoskop des Glücks? Es wäre nicht mehr authentisch? - In der Fiktion liegt doch gerade die Aufgabe des Kinos.

Der gegenwärtige Trend hingegen zeigt dem Alltag entfliehenden Besucher nur die Hässlichkeit des Alltags und das ewige Paradoxon Mensch. Auch "Magnolia" setzt auf Leidensrealismus und stereotype Ergriffenheit beim Publikum, das allerdings in der bisher edelsten Form. Die inhaltliche Essenz richtet sich nach den Bedingungen des Episodenfilms, ist aber für die Länge des Streifens dennoch zu mager. Die einzelnen Charaktere sind typisierend: zwei kurz vor dem Tod stehende Männer, die Ehebrüche bereuen und sich die Schuld von der Seele reden wollen, ein zur Quizpuppe produziertes Kind, eine drogensüchtige Tochter, ein Sex-Guru mit verletztem Innenleben und und und. Jeder ist individueller Seelenkrüppel und versucht, es an der Oberfläche so gut wie möglich zu kaschieren. Andersons Film gleicht einer Komposition, die etwas abgestandene Existenzphilosophie in Hochglanzverpackung neu an den Mann bringt: Wir sind nicht das, was wir zu sein vorgeben, jeder ist missverstanden und irgendwann unehrlich, trotz so unterschiedlicher sozialer Herkunft sucht jeder letztlich das gleiche: Liebe und Vergebung. Die Momente, in denen jenes als Glück empfunden werden kann, sind gleich wieder von der Angst durchsetzt, dass im nächsten Moment alles zerbrechen könnte.

Die Quintessenz von Andersons langwierigen Seelenblicken verrät nichts aufregend Neues ("Sowas passiert. Sowas passiert einfach"), arrangiert die Tragödien jedoch in subtiler, fast perfekter Form. Auch die Bilder nehmen sich Zeit und sind von pointierter Musik fast stetig untermalt, die sich im richtigen Moment intensiviert. Das Geschilderte ereignet sich im Zeitraum eines einzigen Tages und Anderson entwirft - und das ist die größte Leistung - in der Entwicklung der einzelnen Episoden ein fast bruchloses Erzählgerüst. Verlässt die Kamera einen Protagonisten, wird stets äußerst künstlerisch (z.B. Mittels des Tons) zum nächsten übergeblendet, so dass der Eindruck des Verbundenseins aller Schicksale vor allem stilistisch entsteht. Zudem verstehen die klug ausgewählten Schauspieler, die durch das Drehbuch beschränkten Rollen maximal auszufüllen und völlig gleichwertig nebeneinander zu stehen. Besondere Bemerkung verdient dennoch Tom Cruises fast parodistische Darstellung des antifeministischen Sex-Gurus Frank T.J. Mackey, einer Art machoistischen Propheten ("Achtet den Schwanz und zähmt die Möse!") und Julianne Moores Hysterie. Mackeys Seminarinhalte scheinen so bizarr wie die am Ende niederprasselnde biblische Plage, die die etwas ratlose Pointe wiederum auf den Punkt bringt: im Leben kann einfach alles passieren. Vielleicht hätte Anderson den Inhalt straffen und einige Chraktere streichen sollen, denn so bleibt im Resumée nur ein unvergleichlich arrangierter und gespielter Film, dessen Aussage und Klimax zwar kunstvoll verwoben, aber eben nicht originell sind.

Schleppendes Leidens- und Lebensmosaik mit großartiger Stilistik


Flemming Schock