James Bond 007 - Casino Royale

England / USA, 145min
R:Martin Campbell
B:Neal Purvis, Robert Wade, Paul Haggis
D:Daniel Craig,
Mads Mikkelsen,
Judi Dench,
Eva Green,
Caterina Murino
L:IMDb
„Ach, wie ich den kalten Krieg vermisse.”
Inhalt
James Bonds (Daniel Craig) erste "007"-Mission führt ihn zu Le Chiffre (Mads Mikkelsen), dem Bankier weltweit operierender Terroristen. Um ihn zu stoppen und das Terror-Netzwerk zu zerschlagen, muss Bond Le Chiffre bei einem Pokerspiel im Casino Royale besiegen. Ein Spiel, bei dem es um hohe Einsätze geht. Bond ist anfangs verärgert, dass eine schöne Beamtin des britischen Schatzamtes, Vesper Lynd (Eva Green), damit beauftragt wird, ihm seinen Einsatz für das Spiel auszuhändigen und das Geld der Regierung zu bewachen. Doch nachdem Bond und Vesper gemeinsam eine Serie tödlicher Anschläge von Le Chiffre und seinen Handlangern überlebt haben, entwickelt sich zwischen den beiden eine gegenseitige Anziehungskraft, die sie in noch größere Gefahr bringt und Bonds Leben für immer prägen wird.
Kurzkommentar
Die Buhrufe des Vorfeldes werden spätestens im wuchtigen Auftakt des neuen Bonds zum Schweigen gebracht. Martin Campbell wagt in vielerlei Hinsicht den Stilbruch, um das altersschwache Format wieder attraktiv wirken zu lassen. Daniel Craig ist als Bond eine streitbare Wahl, was nichts daran ändert, dass „Casino Royale“ mit überraschender Härte weit überdurchschnittliche Action-Kost bietet. Nur an Humor und Schurken mit Format mangelt es jetzt.
Kritik
Was für ein Auftakt. Nach der Häme, mit der Darsteller Craig übergossen wurde, bevor überhaupt jemand eine Sekunde des neuen Bond gesehen hatte, gönnt man es allen Beteiligten am Film, dass der in einer bizarren Wende plötzlich von aller Welt gefeiert wird. Bond hat tatsächlich seinen Ereignischarakter zurück, die notwendige Frischzellenkur ist geglückt. Das Risiko, das Regisseur Martin Campbell in seinem zweiten Bond nach „Goldeneye“ (1995) eingegangen ist, hat sich ausgezahlt, auch wenn die ‚Unmöglichkeit’ des neuen Platzhalters für Traditionalisten weiter feststehen dürfte, und das nicht nur deswegen, weil dieser Bond im ironischen Umgang mit dem eigenen Erbe einen Scheiss darauf gibt, ob der Martini geschüttelt oder gerührt ist.

Schon in der furiosen Eröffnung macht „Casino Royal“ mit Krachen klar, wodurch die neue Figur definiert ist und was von den alten Attributen preisgegeben wird: Kompromisslose Härte mit Rambo-Allüren, eigentlich ein Frevel an der Figur des ewig geleckten Gentleman, very unbritish, indeed. Bond stellt in der Eröffnungs-Action einem Bombenleger auf Madagaskar nach, und hier gelingt Regisseur Campbell durch eine packend geschnittene und unglaublich waghalsige Verfolgungsjagd quasi die Renovierung des gesamten Action-Genres. Dann jedoch jene Szenen, die drastisch deutlich machen, dass es um nichts weniger als die Neuerfindung einer ganzen Serie geht. Das Bild des Agenten als Ehrenmannes wird mit Füßen getreten, wenn Bond eine ganze Botschaft zerlegt und keinen Wimpernschlag zögert, zum Erreichen des Ziels zu eben denselben Mitteln zu greifen, wie seine Gegner: Töten, töten, töten. Monster werden um eben solche zu bekämpfen.

„Casino Royale“ soll chronologisch der erste Bond sein. Craig als rohen Rüpel zu zeigen, der noch endlose Lektionen in Feinschliff braucht, macht Sinn, auch wenn man seine erheblichen Probleme damit haben kann. Craig hat ohne Zweifel die nötige Präsenz, um die Rolle auch in folgenden Filmen zu tragen und entsprechend auszubauen. In „Casino Royale“ ist mimisch kaum etwas gefordert. Deswegen, weil Campbell diesen frühen Bond eher als mundfaul und lakonisch installiert, deswegen, weil der Hauptakzent von Craig ohnehin eher körperbetonte Qualitäten verlangt. Craig wirkt prollig und bullig, exakt wie der Gegenentwurf zu all dem, was einem an Bond lieb und teuer ist. Aber eben das hat auch seinen Reiz. Immer dann, wenn es wieder hart zur Sache geht, läuft „Casino Royale“ zur Höchstform auf. Die Action-Szenen, Herzstück eines jeden Bonds, sind mehr als nur hinreichend spektakulär und der Film ist trotz seiner einhundertvierundvierzig Minuten kurzweilig geglückt.

Dennoch hat „Casino Royale“ Schwachstellen. Zunächst wünscht man sich, der kalte Krieg wäre nicht geendet. Es ist nämlich so, dass Bond dadurch endgültig im 21. Jahrhundert angekommen ist, dass er sich teils nervig undurchsichtiger Personenverflechtungen und Motivationen bedient. Personalisiertes Verbrechen nach der „Postmoderne“ sieht dann so aus, dass Bond gegen verschiedene Bösewichter ringt, hinter denen wieder ein anderer steht und so weiter – Terrorismus als Hydra, die der Dramaturgie nichts Gutes tut. Bald wünscht man sich den guten alten, durchgeknallten Überschurken und dessen klare Motivation zurück: die Weltherrschaft. Woran es „Casino Royale“ mangelt, ist der ebenbürtige Schurke und die wohlige Fiktion, dass die Welt nach dessen Ableben eben wieder auch in Ordnung ist. Der Däne Mikkelsen hätte zwar das Charisma dazu, er wird jedoch zum Banker degradiert, der das Gespenst des ‚internationalen Terrorismus’ finanziert. Wie aufregend, da fehlt es doch an Format.

Das andere Defizit ist das, das für die neue Härte die vorige, nonchalante Ironie auf der Strecke bleibt. Campbell inszeniert Bond nicht als Bond, sondern als reinrassigen Actionfilm, der sich eine humorvolle Distanz zur Hauptperson keinesfalls erlaubt. Nur hin und wieder setzt es irritierend schlagfertige Einzeiler („Dann bist du eine blöde Kuh“), die für Laune sorgen. Davon hätte es mehr sein dürfen. Hinzu kommen auch einige Schwachstellen in der Mitte des Films, bevor sich „Casino Royale“ im zerstörerischen Finale in Venedig wieder fängt. Insgesamt ist Campbells Einführung des blonden Bonds aber mehr als gelungen und macht gerade im Vergleich zu den schwachen vorigen Teilen Lust auf mehr.

Verjüngungskur geglückt: Sicher inszenierter Proll-Bond mit hohen Schauwerten


Flemming Schock