Fight Club

USA, 139min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:David Fincher
B:Chuck Palahniuk,Jim Uhls
D:Brad Pitt,
Edward Norton,
Helena Bonham Carter,
Meat Loaf,
Zach Grenier
L:IMDb
„Erst wenn Du alles verloren hast, hast Du die Freiheit alles zu tun!”
Inhalt
Der namenlose Erzähler (Edward Norton) ist Schadensbegutachter bei einer großen Autofirma. Er leidet nicht unter einer körperlichen Krankheit, sondern unter emotionalen Störungen, die ihn in chronische Schlaflosigkeit und damit fast in den Wahnsinn treiben. Zeitweise findet er dadurch Erleichterung, dass er sich in psychologische Selbsthilfegruppen begibt, die eigentlicht nur für Krebskranke gedacht sind. Als er eines Abends auf den anarchischen Freigeist Tyler Durden (Brad Pitt) trifft, ist er von dessen Nilhilismus sofort gefangen. Nachdem die Beiden sich geprügelt haben, stellen sie fest, dass sie sich befreit fühlen - der 'Fight Club' ist geboren. Von nun an wächst rasant die Menge der Männer, die sich dem Kodex des 'Fight Club' verschreiben und sich prügeln, um überhaupt noch etwas zu empfinden. Doch bald drohen Tylers terroristische Pläne alles außer Kontrolle geraten zu lassen.
Kurzkommentar
Gesellschaftskritik und Anarchokultur sind nur Vorwand, die Gewalt nur Mittel zum Zweck: Fincher geht es in Wirklichkeit um die Reduzierung der Aufnahmefähgikeit des menschlichen Geistes auf simple Zusammenhänge wie Gewalt-Schmerz. Auch die Ausarbeitung kann überzeugen. Allein, es mangelt etwas an einem konsequenten Gegenentwurf. So bleibt 'FightClub trotz ausserordentlicher formaler Gekonntheit und inhaltlicher Genialität ein kleines Stück von einem wirklich grossen Werk entfernt.
Kritik
Die Kunst ist von allem frei, nur nicht vom Sinn. Sinn-lose Kunst ist unnütz.

Auf den ersten Blick mag es etwas überdimensioniert erscheinen, einen solchen Anspruch an den Film heranzutragen, aber ein kleines Beispiel soll zeigen, weshalb es dass nicht ist: Schon die Ausgangskonstruktion der Lebenssituation der Hauptfigur ist ein nicht zu übersehender Rückgriff: Der Erzähler ist in einer Auto-Firma angestellt, und seine Aufgabe ist es letztendlich, teure Rückrufaktionen für fehlerhafte Autos zu unterbinden, auf Kosten der Autofahrer. Völlig unübersehbar ist das ein Bezug auf die Lebenssituation von Franz Kafka, der von Beruf bei einer Verischerung angestellt war, und dessen Aufgabe es war, berechtigte Ansprüche abzulehnen. Diese Situation ist nicht umsonst Grundlage vieler seiner Werke, die nicht zuletzt davon handeln, wie machtlos das Individuum gegenüber dem undurchschaubaren, unüberwindbaren System ist. Selbst in dem höchst unwahrscheinlichen Fall, dass sich der Autor dieses Bezuges nicht bewusst war, lässt sich konstatieren dass die genannte Konstruktion von genialer Universalität in ihrer Sinnbildlichkeit ist, geradezu prototypisch.

Na dann mal los: Unter dieser Vorgabe lässt sich der Film trefflich analysieren, besonders das Moment der Gewalt.
Gewalt. Warum zeigt dieser Film derart unvermittelte Gewalt? Allzu leicht ist, vom Kernpunkt wieder abzukommen, und sogleich auf die mehrfach vorgetragene These der Konsumkritik zu kommen, vorgetragen sowohl von Filmcharakteren wie Kritikern. Sicher spielt die Konsumkritik eine Rolle, aber keine allzu bedeutende, andernfalls wäre es unverständlich (ausser man lastet Regisseur und Drehbuchschreiber wahlweise Inkonsequenz oder Idiotie an), weshalb einerseits Durden beispielsweise immer enorm hip gekleidet ist, andererseits das Ziel des Projektes Chaos die Nivellierung der finanziellen Ungleichheit sein soll -wäre Konsum derart verdammenswert, so wäre es das Streben nach Hippness und das Interesse am Geld es auch.
Nein, der Grund für die Gewalt ist ein anderer, und richtig klar wird er erst am Schluss, wenn das Verhältnis zwischen Durden und dem Erzähler geklärt ist (mehr sei hier nicht verraten): Die Kämpfenden im 'Fight Club' suchen nach der Einfachheit der Sinneserfahrung. Nach Kausalketten, die ins Instinktive reichen. Gewalt verursacht Schmerz. So banal es klingen mag, in der Einfachheit liegt der Schlüssel. Schmerz ist ein unmittelbar erfahrbares Erlebnis, und es ist verstehbar. Die Unmittelbarkeit ist es, die die Sucht danach erzeugt. Genau das ist auch die Berechtigung für die Figur der Marla, die keineswegs sinnlos ist, sondern mit logischer Konsequenz vom Autor eingebaut wurde: Sie steht in ihrer Unerklärlichkeit für das Weibliche an sich, und zwar für genau jenen Part, den Männer mit 'Versteh einer die Frauen' beschreiben. An einer Stelle im Film stellt Durden die Frage, ob Frauen wirklich das sind, was glücklich macht. Nein, im Sinne des Films sind sie das nicht, weil sie symbolisch für unverständliche Zusammenhänge stehen, weil sie unverstehbar sind, ganz im Gegensatz zum Schmerz. Symptomatisch: Marla redet dem Erzähler gegenüber von 'Beziehung', Durden jedoch spricht von 'Sportficken'

Diese Argumetation mag etwas seltsam klingen, aber ist dennoch recht überzeugend: Interessant ist, dass der 'Fight Club' strengen Regeln unterliegt, zum Beispiel, das "ein Kampf nur so lange dauert, wie er dauern muss". Tja, wie lange muss ein Kampf denn dauern? Wichtig ist, dass es nicht ums 'dürfen' geht, sondern ums 'müssen'. Wann ist die Aufgabe des Kampfes erfüllt? Nicht dann, wenn ein Sieger vorhanden ist, dass betont sogar Durden ausdrücklich. Nein, er ist dann vorbei, wenn die Kombattanten genug aufgesogen haben von der animalischen Einfachheit. Diese Gewalt verfolgt ein klar abgegrenzets Ziel, und das ist kein Selbstzweck. Deshalb ist sie in dem gegebenen Rahmen in ihrer dramaturgischen Funktion nicht zu kritisieren, denn die Kunst ist in ihrer Darstellung und in ihrem Inhalt, wie bereits erwähnt, frei.

Gleiches gilt für Projekt Chaos: Der Versuch, die gesamte Finanzwelt zum Einsturz zu bringen, hat nicht wirklich das Ziel, das Geld gleichmässig zu verteilen, nein, es geht vielmehr darum, die aus dem Geld resultierenden Komplexitäten des Lebens zu vernichten.

Ganz offensichtlich erfüllt das Projekt Chaos aber noch ein ganz anderes Ziel, und dass hat mit dem zweiten ernsthaften Vorwurf, dem des Faschismus, zu tun: Tatsächlich bemüht sich Fincher darzustellen, wie gefolgswillig die Anhänger von Durden sind, sinnbildlich in der Szene auf der Polizeiwache: Sie folgen, und zwar bedingungs- und gedankenlos.
In einer positiven Interpretation des Films versucht Fincher hier, auf die entsprechenden Gefahren hinzuweisen: Jene Simplizität des Lebens führt natürlich zu einem eingeschränkt fähigen Geist. Das ist das Prinzip beispielsweise des Nationalsozialismus. Hier führte die Reduktion auf einfache Ziele wie Volksgemeinschaft und die klare Umsetzung beispielsweise durch massive Förderung von vorwiegend sportlich organisierten Jugendgruppen zum gleichen Ergebnis: Eingeschränkte Denk- und Willensfähigkeit. Übrigens ist dies ein Grundansatz, der auch bei Orwell auftaucht: Hier soll der Menschen durch Vereinfachung der Sprache zu einer Vereinfachung des Denkens gebracht werden. Und impotente Denker sind nicht zu Wiederstand fähig, das ist offensichtlich. Es ist kein Zufall, dass insgesamt eher einfach strukturierte Menschen in schlechten Lebenssituationen besonders anfällig für Propaganda sind.

Die wahre Genialität des Films liegt darin, den entscheidenden Schritt aufzuzeigen: Wir alle wünschen uns manchmal, das Leben möge einfacher sein. Durden realisiert diese Wünsche, indem er die Sinneserfahrung der Menschen auf einfache Empfindungen reduziert. Der entscheidende Schritt aber ist der zweite: Diese Glückserfahrung und der Glaube an die Einfachheit verleiten dazu, die komplexen Wahrheiten des Lebens zu negieren. Das Leben ist nicht einfach, das Streben nach künstlicher Einfachheit sehr gefährlich.

EINE mögliche Interpretation, mag der geneigte Leser sagen, aber es gibt doch auch noch andere Aspekte. Sicher gibt es die, aber es gibt noch drei wichtige Dinge, die die aufgeführte Interpretation stützen:

Da ist zum einen die Sache mit der 'Chemie für Anfänger'. Zu Beginn habe ich mich wahnsinnig aufgeregt, weil so getan wird, als liessen sich mit etwas gutem Willen allein durch etwas Mischen soviele 'interessante' Stoffe herstellen. Aber diese Einfachheit (kommt einem dieses Wort nicht inzwischen bekannt vor?) ist gewollt: Sie ist ein weiteres Indiz, ein verstecktes, das uns durch inhaltliche Paralellität zu erkennen geben will, dass die dargestellte Handlung simplifiziert ist, und genauso wenig wie die Reaktionen in der Wirklichkeit funktionieren. Eine Warnung. Genausowenig, wie das einfach Mischen von Sauerstoff (O2)und Wasserstoff (H) Wasser (H2O) ergibt, genausowenig funktioniert die Übertragung der gesuchten Einfachheit auf die komplexe Wirklichkeit.

Dann: das Ende. Furios, aber schwach, mag man sagen. Sehen wir es so: Der Erzähler hat seine dunkle Seite erkannt, und versucht, den Konsequenzen seines falschen Handelns durch Suizid zu entgehen. Manch einer mag das für einen Versuch Finchers halten, sich aus der Affäre zu ziehen, aber in Wirklichkeit ist es das Gegenteil: Es ist eine klare Meinungsäusserung. Wir müssen uns unserer dunklen Seite bewusst werden, ihrer Wünsche und Forderungen erkennen, dürfen ihnen aber im Zweifelsfall nicht nachgeben. Genau das tut der Erzähler.

Und dann ist da noch die Sache mit dem 'big dick' (Spoiler!): Zwischendrin wird uns kurz eine kleine Episode vorgestellt, die zunächst keinen anderen Sinn zu haben scheint, als die Figur des Durden zu charakterisieren. Wer am Ende genau hingeschaut hat, erkennt aber, das hier genau jener dicke Schwanz wieder auftaucht -wenn auch nur für einen Sekundenbruchteil. Warum? Sicherlich will sich der Autor einen kleinen Spass erlauben, aber auch der ist nicht unmotiviert. Er trifft auf einer Meta-Ebene eine Aussage, sagt uns also etwas über den Film: Es ist wie bei Cinderella. Das Gesehene (der Film) ist schockierend, auch wenn man nicht so genau weiss, warum. Bei genauem Hinsehen, wenn man nämlich das dumpfe Unbehagen, dass der Film hinterlässt, überwindet, ist die Ursache recht klar. Es handelt sich um einen Aufruf, hinter das Offensichtliche zu blicken, über das Gesehene nochmal genau nachzudenken.

Kontroverse, erfrischend ungewohnte Aufforderung zum Nachdenken


Wolfgang Huang
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