Saw II

USA, 93min
R:Darren Lynn Bousman
B:Darren Lynn Bousman, Leigh Whannell
D:Tobin Bell,
Lyriq Bent,
Tim Burd,
John Fallon,
Franky G
L:IMDb
„Those who do not appreciate life do not deserve life”
Inhalt
Jigsaw lebt! Und er hat sich neue Spiele ausgedacht. Nachdem ein Mordopfer entdeckt wird, an dem Jigsaw deutlich seine Handschrift hinterlassen hat, nimmt Detective Eric Matthews (Donnie Wahlberg) seine Spur auf. Erstaunlich schnell schafft er es, Jigsaw (Tobin Bell) zu finden – um sofort festzustellen, dass der Fahnungserfolg nur Teil eines mörderischen Spiels ist. Denn das Mastermind hält Matthews’ Sohn und sieben weitere Menschen in einem Haus gefangen. Sie haben nur zwei Stunden, um die versteckten Hinweise zu entschlüsseln und der Todesfalle zu entkommen. Und Matthews muss das mörderische Spiel scheinbar ohnmächtig auf einem Videomonitor mit ansehen.
Kurzkommentar
Der Konventionenzwang fordert erbittert ein: „Saw“, der Helloween-Überraschungshit 2004, gebietet aufgrund des finanziellen Erfolgs ein Sequel. Darren Lynn Bousman inszeniert routiniert das Schlachtvieh auf der Bank des Soziopathen. Irgendwie dröge.
Kritik
Ein Verdacht beschleicht den Besprechenden. Ein unbewusstes Zusammenspiel von Filmemachern und DVD-Player-Herstellern existiert. Wie sonst sollte es zu erklären sein, dass Filme wie die „Saw“-Reihe (Teil 3 ist für Oktober 2006 angekündigt) oder die „Final Destination“-Filme (Trailer zu Teil 3 bereits verfügbar) so eiskalt mit dem „Skip-to-next-murder-scene“-modus operandi arbeiten? Diese Titel wurden praktisch durch ihren Einfallsreichtum, was die Tötungsszenen betrifft, dazu verdammt/getrimmt, immer wieder partiell gezeigt zu werden. Immer wieder Schädel, Blut, Hirn. Die heilige Trias der Belanglosigkeit. „Saw 2“ zeigt sie in Vollendung.

Das Konzept, das hinter „Saw 2“ steht, gibt sich verworren. Die Tötungsszenen sind allesamt sehr harsch und humorlos inszeniert. Die Optik ist passend körnig-dreckig. Jedoch vergessen die Filmemacher grundlegende Wahrheiten: um als Horrorfilm zu schmerzen, muss man als Horrorfilm ernst genommen werden. Und hier versagt „Saw 2“. Der für vier Millionen Dollar in Toronto abgedrehte Schnellschuss bietet zwischen den Folterszenen, welche vor morbid-letaler Wolllust der Detailversessenheit triefen, nichts, was den Zuschauer fesseln könnte. Manchmal ist man zwar erstaunt, was die übel geschriebenen Charaktere in den 93 Minuten Laufzeit da so treiben, aber dieses Ergebnis erzielte der 8mm-Schulfilm aus dem Biologie-Unterricht auch. Die angeblich so gewichtigen Fragestellungen, die „Saw 2“ immer wieder anzuschneiden (!) versucht, sind rostig wie ein altes Sägeblatt (!!!): In seiner pervertierten Montessori-Logik („Hilf mir, es selbst zu tun.“) würde sich der „Saw 2“- Killer sehr gut mit dem „Phone Booth“ – Moralisten verstehen: Die Menschheit hat also heutzutage keinen Lebenswillen mehr; durch Extremsituationen bringt man sie dazu, an ihrem Leben wieder Gefallen zu finden und für/um dieses zu kämpfen.

Mag dieser Ansatz für sich genommen schon reichlich seltsam anmuten, so führt ihn die Gruppensituation in „Saw 2“ endgültig ad absurdum. Je mehr Egozentrik und „(Über-)lebenswille“ an den Tag gelegt wird, desto wahrscheinlicher ist das Scheitern jedes Einzelnen innerhalb der Gruppe. Das kann nicht das Ziel des Soziopathen sein, der seinen Darwin anscheinend nicht richtig gelesen hat – und mit ihm die Drehbuchschreiber. Gegen Ende des Streifens (auch wenn die „Zeit“-Sonderbeilage zur Berlinale meint, der Begriff „Streifen“ sei out) werden noch einmal alle Register des „Wir-hatten-da-noch-eine-klasse-Idee- für-eine-total-unvorhersehbare-Wende“-Gedankens gezogen. Geradezu zwanghaft wird Rückbezug auf den ersten Teil genommen – was dem im Raum stehenden Vorwurf der offensichtlichen Konstruiertheit keinen Gefallen tut. Donnie Wahlberg hat wohl auch keine Lust mehr, seit „The Sixth Sense“ in Permanenz als Psycho-Wrack (in diesem Fall: der „total fertige Bulle“) besetzt zu werden: Er spielt demnächst schneidiges Militär in der Macho-Airforce-Nummer „Annapolis“.

Er KAM, er SAW, er SÄGTE: Müder Horrorthriller als Opfer der Sequel-Industrie


Rudolf Inderst