Dear Wendy

Dänemark / Deutschland / Frankreich, 101min
R:Thomas Vinterberg
B:Lars von Trier
D:Jamie Bell,
Bill Pullman,
Michael Angarano,
Danso Gordon,
Novella Nelson
L:IMDb
„They may be carried, but never be brandished”
Inhalt
Erzählt wird die Geschichte des jungen Einzelgängers Dick, der in der ärmlichen Bergarbeiterstadt Estherslope lebt. Als er eines Tages auf eine kleine Handfeuerwaffe stößt, fühlt er sich trotz seiner inbrünstigen pazifistischen Überzeugung magisch von ihr angezogen. Zusammen mit seinem neuen Partner überzeugt er bald eine Reihe anderer junger Ausgestoßener in der Stadt, mit ihm einen Geheimclub zu gründen: Die Dandies. Ein Club, der auf den Grundsätzen des Pazifismus, doch gleichzeitig auf der Lehre von Waffen beruht. Trotz ihres festen Glaubens an die wichtigste aller Dandy-Regeln („Ziehe niemals deine Waffe“) finden sie sich bald in einer misslichen Lage wieder, in der sie merken, dass Regeln dazu da sind, gebrochen zu werden.
Kurzkommentar
In der neuesten Regiearbeit des Dänen Thomas Vinterberg, mit der er und Dogma-Mitstreiter Lars von Trier abermals ein Faible für amerikanische Stoffe erkennen lassen, prallen Genrekonventionen aufeinander: Die Geschichte jugendlicher Selbstfindung mit den Themen des „Coming-of-age“-Dramas wird mit der Dramaturgie und den Figurenkonstellationen des Westerns verwebt, hinzu kommen die experimentellen Eigenheiten der Filmemacher. Zu einem gesellschaftspolitischen Seitenhieb, den beide nach eigenem Bekunden nicht im Sinn hatten, fehlt es letztlich an differenzierender Schärfe.
Kritik
Für ihn sei Dogma tot, ließ Thomas Vinterberg kürzlich verlauten, gestorben in dem Moment, als er und Lars von Trier, der zweite Verfasser des Dogma-Manifestes, ihr Regelwerk publik machten und damit sich selbst erklärten. Von da an sei es jedem selbst überlassen gewesen, sich an diese Grundsätze des Filmschaffens zu halten, oder eben nicht. Es folgte eine ganze Reihe weiterer Dogmaproduktionen dänischer Regisseure, während sich Vinterberg und von Trier neuen Experimenten zuwandten. Erdacht als reduktionistisches Reglement, weniger aus künstlerischem Anspruch heraus als vielmehr aus simpler Geldnot, wie böse Zungen behaupteten, war "Dogma" ein schematischer Gegenentwurf zum Studiokino amerikanischer Prägung.

Dem überbordenden Einfluss amerikanischen Kulturimports sahen sich die beiden Dänen in ihrer Heimat in einem Ausmaß ausgesetzt, welches sich der ärgste Antiamerikanist hierzulande nicht vorstellen mag. Die Ambivalenz dieser Einflussgröße, seine Hassliebe zu den USA betont von Trier immer wieder, und so ist es nur folgerichtig, dass sie in seinem Werk nach der anfänglich rein formalistischen Gegenpositionierung durch "Dogme 95" auch eine inhaltliche Auseinandersetzung erfahren hat. Eine Amerikatrilogie will er schaffen, mit dem außergewöhnlichen "Dogville" setzte er dazu den Auftakt und obwohl "Dear Wendy", zu dem von Trier das Drehbuch beisteuerte, letztlich Thomas Vinterbergs Film ist, so atmet er doch durch und durch denselben Geist wie die cineastische Theateraufführung. Dementsprechend schwer fällt es, "Dear Wendy" eben nicht als Allegorie auf amerikanisches Selbstverständnis zu verstehen; eine Lesart, von der sich beide Filmemacher distanzierten.

Denn die Gemeinsamkeiten beginnen schon am Handlungsschauplatz: „Electric Park Square“ ist der Mikrokosmos einer idealtypischen, vom Kohlebau geprägten Kleinstadt und in seiner schematischen Anlage – eine Szene zeigt die gezeichnete Draufsicht eines Lageplans des Platzes, beinahe schachbrettartig in Teilbereiche gegliedert – ruft er Erinnerungen wach an von Triers Kreidestadtbild aus „Dogville“. Auch atmosphärisch liegt ein Vergleich nahe, fühlt sich „Dear Wendy“ in seiner stilistischen Überhöhung ähnlich entrückt und unwirklich an. Rund um diesen Platz also fristen die Hauptfiguren ein ebenso unspektakuläres wie unscheinbares Dasein, sehr bald wittert man ein weiteres Lehrstück um ländlich-amerikanische (Waffen-)Moral.

So wenig sich diese Deutungsebene verdrängen lässt, so sehr ist sie auch eine vordergründige Betrachtungsweise des Films. Vinterberg und von Trier nutzen das Thema Waffen als Aufhänger, um ihrem Film einen Look und eine dramatische Struktur zu verleihen. Man fühlt sich nicht von ungefähr an den klassischen Western erinnert, natürlich zuallererst wegen der altmodischen Kostümierung der Charaktere, aber auch, wenn die Protagonisten in der Routine ihrer alltäglichen Besorgungen einfach nur ein paar Mal ein und dieselbe Straße überqueren müssen. Auf die Initiation und die Zusammenführung der Figuren im Gemeinschaftserlebnis folgen ein herber Rückschlag und ein finales Aufbäumen. Spätestens in der Auflösung der Geschichte fehlt nur noch das genreübliche „Tumbleweed“, vom staubigen Wüstenwind die Hauptstraße hinunter geweht, um den „High Noon“-artigen Showdown zu vervollständigen. Gebrochen wird dieser neuzeitliche Westernlook von einigen stilistischen Spielereien: Da wird ins Standbild gemalt, um die Flugbahn eines abgefeuerten Schusses zu illustrieren, da werden, ähnlich der Aufnahmen in „Three Kings“, detaillierte Aufnahmen vom Eindringen eines Projektils in den menschlichen Körper gezeigt und da tönt der Schraddelrock der „Zombies“ vom Soundtrack, der allerdings nur so klingt, als sei er neumodisch auf alt getrimmt. Zwischenzeitlich kommt auch die wacklige Handkamera wieder zum Einsatz, mit der Vinterberg seinen größten Erfolg feierte („Das Fest“).

Unter dieser Oberfläche schlummert jedoch ein handfestes Jugenddrama, eine „coming-of-age“-Geschichte, die auch hier genreübliche Motive aufgreift: der Verlust der Unschuld, Eifersucht, Selbsttäuschung, die Konfrontation mit der verständnislosen Erwachsenenwelt und der daraus resultierende, unvermeidliche Konflikt. Eine Reihe von Einzelschicksalen findet sich zusammen, die alle dasselbe Los teilen: Mangels familiären Rückhalts haben ihre Lebensumstände sie in einen Außenseiterstatus gedrängt, in den sie sich mit der Zeit gefügt haben. Eher zufällig tritt das gemeinsame Interesse und die Begeisterung für Waffen bei zweien von ihnen hervor. Aus einem Hobby wird ein mit religiösem Eifer und ritualisiertem Ernst praktizierter Kult, als sich herausstellt, dass das Tragen von Waffen immens zur Steigerung des Selbstwertgefühls beiträgt. Durch ihre „Partner“, die bei Gruppenentscheidungen gleichberechtigte Stimmen erhalten, erfahren sie eine Aufwertung ihrer Persönlichkeiten. Der Identifikationsgrad geht so weit, dass er Rückschlüsse zulässt von der Waffe auf ihren Träger: Wer eine verräterische High-Tech-Waffe benutzt wie der Sheriff, so schließen die „Dandies“, kann kein aufrichtiger Mensch sein.

Einen solch sinn- und identitätsstiftenden Beitrag darf man nicht für sich behalten, es reift der Entschluss, einen geheimen Club zu gründen, damit auch andere Opfer der unerbittlichen pubertären Hierarchie davon profitieren. Geprägt von den besten Absichten beginnen die Jugendlichen quasi Liebesbeziehungen mit ihren stählernen „Partnern“, geben ihnen Namen und pflegen einen von altmodischen, aber zeitlosen Idealen bestimmten Lebensstil, der ihnen die lang ersehnte Sicherheit verleiht: Plötzlich gehen sie erhobenen Hauptes über „ihren“ Platz, fühlen sich gleichberechtigt gegenüber den schuftenden Minenarbeitern, die die Stadt im Griff haben. Man fühlt sich an Teddy Roosevelt erinnert, der einmal die Prinzipien seiner Außenpolitik auf den Punkt brachte: "Speak softly and carry a big stick, you will go far."

Dass sie ihre „Partner“ ihrer Bestimmung gemäß jemals gegen Menschen richten würden, schließen die „Dandies“ grundsätzlich aus: Von ihren Waffen wollen sie niemals Gebrauch machen. Dass sie gegen dieses Prinzip schon bei den gemeinschaftlichen Schießübungen in einem stillgelegten Teil der Kohlemine verstoßen, bei denen sie ihre Fertigkeiten gleichermaßen verfeinern wie demonstrieren, verdrängen sie mit hartnäckiger Hingabe. Dem offensichtlichen Widerspruch, der Unvereinbarkeit der wiederholt postulierten pazifistischen Einstellung und der ungebremsten Waffenvernarrtheit kann nur mit der romantischen Naivität der Heranwachsenden begegnet werden, die das offensichtliche, nahende Unheil nicht sehen mögen. Der anfängliche Respekt und die Achtung, die sich die Jugendlichen entgegenbringen, werden alsbald durch eifersüchtiges Gebaren vergiftet.

Amerika als unbedarfter, waffenverliebter Teenager? Die Verlockung dieses Gleichnisses ist groß, die Anzeichen zu deutlich, um es zu übersehen. Und doch mutet es ähnlich plump an wie der potentielle Vorwurf, Vinterberg würde rassistische Vorurteile bedienen, indem er den Unruhestifter des Idylls schwarz sein lässt. Wer eine wirklich bemühte Reflektion über amerikanische Miss- bzw. Zustände erwartet, der ist bei Cronenbergs „A History of Violence“ immer noch besser aufgehoben. Die schmerzliche Erfahrung jedenfalls, dass gute Absichten nicht immer die beste Vorgehensweise sind, bleibt keinem erspart in seinem Lebenslauf. Da sind auch die „Dandies“ keine Ausnahme. Das ist in seiner unausweichlichen Tragik zwar schön anzusehen, aber ebenso vorhersehbar.

Bemerkenswerte Genrevermählung, gewohnt experimentierfreudig, aber frei von dramaturgischen Überraschungen


Reinhard Prosch