Alles ist erleuchtet
(Everything Is Illuminated)

USA, 106min
R:Liev Schreiber
B:Liev Schreiber, Jonathan Safran Foer
D:Elija Wood,
Eugene Hutz,
Boris Leskin
L:IMDb
„Many girls want to be carnal with me... because I'm such a premium dancer!”
Inhalt
Ein junger Mann sucht die Frau, die während des Zweiten Weltkriegs seinem jüdischen Großvater in der Ukraine das Leben gerettet hat. Zunächst scheint es nur darum zu gehen, unter absolut bizarren Umständen die Fragmente einer Familiengeschichte zusammenzusetzen – doch schon bald gewinnt die Reise durch eine Reihe bewegender Offenbarungen überraschend an Bedeutung: Wie wichtig ist es, die Erinnerung zu bewahren? Wie gefährlich können Geheimnisse sein? Wie geht man heute mit dem Holocaust um? Was bedeutet Freundschaft? Und was Liebe?
Kurzkommentar
Foers Erzählung ‚Everything is illuminated’ ist mit den zahlreichen schrägen Figuren eigentlich geradezu prädestiniert fürs Independent-Kino. Und für das Regiedebut des US-Darstellers Liev Schreiber auch gar nicht mal so schlecht geraten. Schade nur, dass die feinen Zwischentönen der Vorlage unter die unsensiblen Räder der manchmal etwas plumpen Inszenierung geraten sind, welche den Film zwischen grober Komik und allzu sentimentaler Idealisierung hin und her pendeln lässt.
Kritik
Bestseller-Verfilmungen gelten bezüglich ihres Wirkungspotentials gemeinhin als eher zweischneidiges Schwert. Zwar bieten sie soliden Stoff, welcher bereits im Vorfeld auf seine hinlängliche Popularität überprüft werden konnte, provozieren beim Publikum aber gleichzeitig die auf der Hand liegende Frage nach der Adäquatheit der Verfilmung. Dem heiklen Medientransfer droht somit häufig und vor allem aus den Reihen der Fans ein besonders kritischer Blick. Die Adaption wird unter diesen Umständen als Anpassung missverstanden, wobei die Idee der Anpassung häufig und zu Unrecht eine Hochschätzung der Vorlage und eine Abwertung der Adaption impliziert. Dabei wird ausser Acht gelassen, dass die Vorlage durch die allgemeinen Produktionsbedingungen gezwungenermassen eine Vielzahl von einschneidenden Veränderungen erfährt. So muss beispielsweise der Stoff - um medienspezifischen Ansprüchen zu genügen - in eine adäquate Dramaturgie umgewandelt werden. Eine Romanverfilmung ist daher als eigenständiger Film zu verstehen, welcher sich lediglich um die filmische Neuinterpretation des literarischen Stoffes bemüht.

Jonathan Safran Foers umjubeltes Romandebut ‚Everything is illuminated’ darf in diesem Sinne als Beispiel für eine durchaus passable cinematographischen Fleischwerdung einer bis anhin als unverfilmbare Literaturvorlage angeführt werden. Unverfilmbar deshalb, weil das Buch von geradezu unbändig anmutender Textsorten-Polyphonie ist: Drei verschiedene Erzählebenen, in deren Rahmen sich Briefe, Reiseberichte und ein Roman im Roman zu einem wilden Textsorten-Stelldichein treffen, erschaffen die für diese Erzählung so reizvolle Vielstimmigkeit. In dieser Hinsicht kann der Film dem Buch natürlich niemals gerecht werden und dennoch ist Liev Schreiber („The Manchurian Candidate“) mit seiner ersten Regiearbeit kein so schlechter Wurf gelungen. Dank konsequenter Reduktion vormals komplexer Strukturen, beschränkt sich der Film auf die sehenswerte und recht unterhaltsame Handlung eines Road-Movies.

Die Reise des junge, amerikanischen Juden Jonathan Safran Foer (Elijah Wood) und seinen beiden ukrainischen Begleitern, dem Dolmetscher Alex (Eugene Hutz) und dessen Grossvater (Boris Leskin), legt seine dramaturgische Betonung besonders im ersten Teil auf alle möglichen Skurrilitäten und Derbheiten, weshalb man sich in den besten Momenten des Films stark an Emir Kusturicas schräges Balkan-Kino erinnert fühlen darf. Leider bleibt es bei dieser halbwegs gelungenen Nachahmung, denn trotz mitreissendem Gypsy-Punk, sonderbaren Nebenfiguren und aberwitzigen Dialogen erreicht der Film in seiner Darstellung von Land und Leuten nie ganz den komischen Charme und die kulturelle Authentizität eines Kusturica-Films. Das Timing der rohen Komik ist bisweilen verfehlt, die ukrainischen Figuren bleiben vielfach am gängigen Ostblock-Stereotyp verhaftet und der krachende Soundtrack tut sein übriges, um die teilweise plakativ geratene Inszenierung unvorteilhaft zu betonen. Umso mehr sorgen dafür die streckenweise eins zu eins adaptierten Dialoge als auch Elijah Wood als neurotisch-steifer Nerd für wohltuend absurde Filmmomente.

Ab der zweiten Hälfte macht der Film schliesslich Ernst mit der Reise in die Vergangenheit, derer sich zunehmend auch Alex’ Grossvater nicht entziehen kann. Die weitere, von da an überaus elegisch gefärbte Erzählhandlung entspinnt sich nicht nur entlang der Reise zum geheimnisvollen Stetl Trachimbrod, sondern auch aus den immer häufiger auftretenden sepiafarbenen Erinnerungen des Grossvaters. Durch Rückblenden erfährt man, dass jener weitaus mehr über Trachimbrods tragische Geschichte weiss, als er den anderen zu wissen vorgibt. Unklar ist in diesem Zusammenhang, weshalb sich Liev Schreiber bei der Figur des Grossvaters nicht an die literarische Vorlage gehalten hat und den ursprünglichen Ukrainer, welcher seinen jüdischen Freund den Nazis verraten hat, selbst zum jüdischen Opfer werden lässt. Aber vielleicht hängt das ganz einfach damit zusammen, dass der Film in seiner Gesamtheit zur weichgespülten Idealisierung tendiert.

Akzeptabel geratene filmische Interpretation einer formal sehr anspruchsvollen Literaturvorlage. Schade um die bisweilen schlecht getimte Situationskomik und der etwas gar rührseligen zweiten Hälfte


Cindy Hertach