Walk the Line

USA, 136min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:James Mangold
B:James Mangold, Gill Dennis, Patrick Carr
D:Joaquin Phoenix,
Reese Witherspoon,
Ginnifer Goodwin,
Robert Patrick,
Shelby Lynne
L:IMDb
„Hallo, ich bin Johnny Cash.”
Inhalt
1955 betrat ein taffer, hagerer Gitarrenspieler, der sich J.R. Cash nannte, die Studios von Sun Records – einem Label, das bald Berühmtheit erlangen sollte. Es war ein Moment, der die amerikanische Kultur nachhaltig und unauslöschlich beeinflussen würde. Mit seinen treibenden Akkorden, seiner großen Intensität und einer Stimme, die so tief und schwarz war wie die Nacht, trug Cash emotionale Songs vor, die vom alltäglichen Überlebenskampf, von Kummer und seelischer Not handelten. Songs, die mutig, lebensnah und völlig anders waren als alle Musik vorher. An diesem Tag startete die beeindruckende frühe Karriere von Johnny Cash. Während er einen völlig neuen Sound kreierte, der kommenden Rock-, Country-, Punk-, Folk- und schließlich auch Rapstars den Weg bahnte, begab sich Cash auf eine wilde, orientierungslose Reise persönlicher Veränderungen. Nach unbeständigen, sprunghaften Lebensabschnitten entwickelte er sich vom selbstzerstörerischen Popstar zum ikonenhaften „Man in Black“.
Kurzkommentar
Zwei Jahre nach seinem Myster-Thriller „Identity“ erprobt sich Mangold im Genre des Musiker-Biopics. „Walk the Line“, in enger Zusammenarbeit mit dem 2003 gestorbenen Country-Idol Johnny Cash entstanden, ist eine grundsolide von A nach B inszenierte Heiligenlegende. Das Minus an dramaturgischen Höhepunkten wird durch einen sensationellen Joaquin Phoenix in der Hauptrolle mehr als ausgeglichen. Auch Reese Witherspoon erstaunt und singt wie Phoenix selbst.
Kritik
Mit am Anfang war Elvis, der dem so anständigen Johnny die erste Pille gibt. Damals, in den 50ern, als man gemeinsam tourte und alle aus dem Häuschen brachte. Später, etliche Jahrzehnte später, erinnert sich der alte Cash daran, schreibt mit am Drehbuch zu „Walk the Line“ und es heißt, es sei ihm wichtig gewesen, dass in seine filmische Biographie so viel wie möglich an Wirklichkeit gepackt werde. Das mit der kritischen Distanz im Falle der Autobiographie ist aber so ein Ding, und was dabei herauskommt, wenn Cash-Fans und Cash selbst an einem Cash-Film arbeiten, dessen Premiere der Meister selbst nicht mehr erleben sollte, ist erahnbar. Natürlich muss es im Kino gar nicht darum gehen, wie es wirklich gewesen ist. Und so ist aus „Walk the Line“ die Heiligenlegende eines Country-Rebellen geworden, der das gebliebte Gesangsbuch der Mutter ebenso gegen die Bibel eines Priester-Daseins hätte tauschen können. Aber mit dem Aufputschmittel von Elvis mit anschließender Suchtkarriere legt Cash dann doch noch vorübergehend den verbindlichen Starabsturz hin.

Wie es endet, wissen vor allem die Cash-Jünger weltweit. Die Nicht-Kenner will Regisseur James Mangold mit seinem Denkmal eines Untadeligen auch noch gewinnen, sicher ebenso die Oscar-Juroren. Mit der Nominierung in den Kategorien zum Besten Film und Regisseur hat es dann zwar nicht geklappt, dafür aber erwartungsgemäß in denen der Darsteller. Im letzten Jahr gewann Jamie Foxx für sein Portrait des Ray Charles die begehrte Statuette und programmgemäß dürfte Joaquin Phoenix ebenso wie seine Partnerin in „Walk the Line“, Reese Witherspoon, in diesem Jahr abräumen. Völlig verdient, denn die Ausstrahlungskraft der Beiden auf der Leinwand ist fürchterlich gut. Aber „Walk the Line“ haftet, wie mittlerweile fast jedem Star-Biopic, durch das deutliche Schielen in Richtung Oscar-Prädikat etwas arg Kalkuliertes und stringent Glattes an. Das ist gleichzeitig ein Abnutzungsproblem des Genres: Mangold, der sich in seinen wenigen Filmen schon gewandt auf verschiedenen Feldern erprobte, wagt hier keine erzählerischen Experimente. Er pflegt das alterprobte, chronologisch-gradlinige biographische Muster und dessen übliche Zutaten.

So hätte es schon verwundert, wenn am Ende nicht die wenigen üblichen Epilogssätze kurz vor den Credits eingeblendet worden wären. Eine runde Sache, was Struktur und Erfüllung der Erwartungshaltung im Hinblick auf eine innere Erzähllogik angeht. Ergebnis ist allerdings auch eine recht behäbige Organisation des Erzählverlaufs, in der „Walk the Line“ rhythmisch die Aufstieg und zeitweiligen Fall der werdenden Kultfigur abhakt. Eine eigene Handschrift findet Mangold nur bedingt. Cash ist in dieser Projektion im Wesentlichen der brave Junge vom Lande, mehr blasse Chiffre als Persönlichkeit, die es mit Unbedingtheit antreibt. Der traumatisierende Tod des Bruders und der sich anschließende Vater-Sohn-Konflikt wirken immer wieder als leicht abgegriffene seelische Bewegungs- und Konfliktmoment. Mitreißend geschildert sind die meisten Stationen dann nicht. Sympathieträger Cash hier tatsächlich, weil er nichts anderes fand und Country schreibt er, weil er nichts anderes kann. Eine ewig bescheidene Sympathie. Missionarisches Popstar-Pathos verkneift sich „Walk the Line“, idolisiert wird trotzdem, denn Cash trägt zwar Schwarz, hat moralisch aber bis zum Ende eine weiße Weste.

So kann man vom dramatischen Standpunkt aus man schon fast dankbar sein, dass Cash seinerzeit ja die Aufputschpille von Elvis nahm. Der folgende Drogensumpf wird zum dramatischen Schlüsselereignis für die zweite Hälfte des Films, ohne den die Ereigniskette nicht viel her gegeben hätte. Aber selbst hier bleibt Cash der letztlich Lammfromme, der unwillentlich Opfer der Pillensucht wird und es eigentlich, gerade seiner Frau zu Hause, doch nur recht machen wollte, sich aber, wie es nun geschieht, unsterblich in eine bekannte Sängerin verliebt. Und am Ende rockt der Wohltätige dann noch im Knast vor vermeintlichen Tätern, die doch wiederum wie er auch Opfer sind – die der Gesellschaft. Dass „Walk the Line“ trotz seines eher hölzernen Erzählverlaufs ein insgesamt bewegender Film geworden ist, liegt an der Chemie der Hauptdarsteller. Da Mangold auch für seinen Perfektionismus bekannt ist, hatte Joaquin Phoenix ebenso selbst zu singen wie die völlig überraschende Reese Witherspoon. Ihr hätte man jenseits von seichten Blondinenrollen kaum mehr etwas zugetraut. Die Entwicklung der über Jahrzehnte unerfüllten Liebensgeschichte mit Happy-End wird dank Phoenix und Witherspoon zum Genuss.

Wie kaum ein Zweiter kann Phoenix dämonisch, zerrissen und tief leidend zugleich erscheinen. Das machte ihn in Ridley Scotts „Gladiator“ zur perfekten Besetzung des Tyrannen Commodos. Es war längst überfällig, dass er sich mit „Walk the Line“ in der vordersten Reihe der jungen Mimen platziert und die Bandbreite seiner Ausdrucksmöglichkeiten entfaltet, was mit den banalen Streifen der letzten Jahre („Ladder 49“) noch nicht gelangt. Gleiches gilt für die Intensität von Witherspoon. Der dramaturgische Rahmen selbst ist zu routiniert, wird aber von den beachtenswerten Gesangspassagen der Schauspieler getragen. Ob Phoenix´ Stimme Cash-Fans beglücken wird, mag dabei fraglich sein. Als weichzeichnerische Referenz an die Kultfigur dürfte „Walk the Line“ weithin für Zufriedenheit sorgen. Und im März, bei den Oscars, wird sich die Filmindustrie für ihre andauernden Verdienste im Genre des Musiker-Biopics dann erneut selbst dekorieren.

Leicht betuliches Biopic mit bestechenden Hauptdarstellern


Flemming Schock