V wie Vendetta
(V for Vendetta)

USA, 132min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:James McTeigue
B:David Lloyd, Andy Wachowski, Larry Wachowski
D:Natalie Portman,
James Purefoy,
Stephen Rea,
Hugo Weaving,
Stephen Fry
L:IMDb
„Gentlemen, I want this terrorist found … and I want him to understand what ‚terror’ really means”
Inhalt
Vor dem Hintergrund eines fiktiven totalitären Staates im Großbritannien der Zukunft wird die Geschichte einer jungen Frau aus der Arbeiterklasse namens Evey erzählt. Sie wird von einem maskierten Mann, der unter dem Pseudonym „V“ bekannt ist, aus einer lebensbedrohlichen Lage gerettet. V, ein zugleich belesener, exzentrischer, empfindsamer und intellektueller Mensch, hat sein Leben der Befreiung seiner Mitbürger von jenen verschrieben, die sie bis zur vollkommenen Gleichgültigkeit terrorisiert haben. Aber er ist auch ein verbitterter, rachsüchtiger, einsamer und brutaler Mensch, der von seiner persönlichen Vergeltungssucht getrieben wird. In seinem Bestreben, die englischen Bürger von der Korruption und Grausamkeit der Regierung zu befreien, verdammt er die tyrannische Natur der Führungsriege und fordert seine Mitbürger auf, mit ihm am 5. November – dem traditionellen Guy Fawkes Day – vor das Parlament zu ziehen.
Kurzkommentar
Mit „V for Vendetta“ legt James McTeigue ein beeindruckendes Regiedebüt vor. Die Grundlage in Comicform dafür lieferte in den frühen 1980er Jahren der bekannte Zeichner Alan Moore. Visuell beeindruckend und dramaturgisch erstaunlich sicher präsentiert sich dem Zuseher eine Art der Adaption, die Abstand nimmt vom ungefährlich bunten „X-Men“ / „Spiderman“ – Kino und sich in die Abgründe gesellschaftlicher Konsensgefahr begibt.
Kritik
Never say never. Man weiß es nicht, aber man möchte es beschwören: Alan Moore kennt seinen Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski. Beide Herren zählten zu den prominentesten Politikwissenschaftlern und gelten als Totalitarismusforscher der ersten Stunde. Ihr Grundlagenwerk „Totalitarian Dictatorship and Autocracy“ erschien 1956 und kann, untersucht man den Merkmalskatalog den die beiden US-Forscher aufstellen, um einen totalitären Staat zu klassifizieren, eins zu eins als Grundlage für das düstere Comic Alan Moores gedeutet werden, wenn man sich die Mühe macht, das portraitierte Großbritannien in „V for Vendetta“ näher zu beleuchten.

Der 132 minütige Film mit einem Budget von geschätzten 50 Millionen Dollar offeriert ein dystopisches London des Jahres 2018, in dem die totalitären Merkmale nach Friedrich und Brzezinski hervorragend durchdekliniert werden können: Es existiert eine ausgearbeitete Ideologie des Herrschaftssystems in „V for Vendetta“, welche alle lebenswichtigen Aspekte der menschlichen Existenz umfasst und an die sich alle in dieses Gesellschaft Lebenden zumindest passiv zu halten haben. Diese Ideologie, in diesem Fall eine religiöse-fundamentalistische Variante ist auf einen idealen Endzustand ausgerichtet. Der in drei Monaten gedrehte Film des jungen Regisseurs James McTeigue, der zuvor an Projekten wie „Matrix“ oder „Dark City“ mitgearbeitet hatte, weist weiterhin eine einzige Massenpartei mit Namen „Norsefire“ auf. Diese wird typischerweise von einem einzelnen Individuum, dem „Führer gelenkt.

Auch dieses Merkmal ist erfüllt – John Hurt, der ironischerweise in „1984“ das Opfer des Systems spielte, gibt in „V“ den fanatischen Parteilenker. Die Massenpartei wird üblicherweise von einem geringen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung, einer elitären Schicht, mitgetragen. Jene Partei ist hierarchisch, oligarchisch organisiert und mit der Staatsbürokratie verflochten. Der in London und Babelsberg entstandene Film stellt Sitzungen des obersten Parteigremiums beängstigend nahe an dieser Beschreibung dar. Auch der nächste Merkmalspunkt ist erfüllt: Ein Terrorsystem, auf physischer und psychischer Grundlage, das durch Partei- und Geheimpolizei-Kontrolle umgesetzt wird. Der Terror richtet sich sowohl gegen Regimefeinde als auch willkürlich gegen Teile der Bevölkerung. Dabei macht sich der Terrorapparat die moderne Wissenschaft, vor allem die Psychologie zunutze. Die wunderbar intensiv spielende Natalie Portmann, die für die Rolle Scarlett Johansson ausstach, bekommt dieses Terrorsystem am eigenen Leib zu spüren. Pervertierte wissenschaftliche Forschung und konzentrationslagerartige Zustände bestimmen die düstere Version von „V“.

Besonders deutlich setzt der Film das nächste Merkmal des totalitären Staates um: Ein nahezu holotisches Monopol über die Mittel der Massenkommunikation in den Händen der Massenpartei: vor allem Presse, Funk und Film. Diese Kommunikationskanäle spielen eine große Rolle in der täglichen Propagandamaschinerie, die im Verlauf des Films aber auch von der Gegenseite genutzt werden. Nur höhere Beamte im Dienste der Partei, dargestellt von der englischen Schauspiellegende Stephen Fry, ist es temporär möglich, die mediale Beschallung und Überwachung zu umgehen. Auch alle Kampfmittel liegen als Monopol in den Händen des Staates, als Unruhen ausbrechen, ist er auch gewillt, diese Mittel gegen die Zivilbevölkerung einzusetzen. Dazu bedient sich „V“ einer geschickten Bildercollage. TV-Nachrichtenbilder gaukeln Echtheit vor. Schließlich ist als letzter Punkt eine zentrale Lenkung der gesamten Wirtschaft auch festzustellen.

Elementar und konstitutiv für dystopische Handlungen sind immer jedoch auch Personen, welche sich diesem System der Unterdrückung und Manipulation entgegenstellen, wobei der Ausgang ihres Aufbegehrens nicht immer erfolgreich ist. Selbstironisch nimmt auch „V“ darauf Bezug: „Does it have a happy ending?“ „As only celluloid can deliver.“ Rüdiger Suchsland beschreibt den maskierten Rächer als geschmackvollen und alteuropäischen „Dandy des Terrors“, womit er den Kern des Wesens „V“ trifft und dennoch versäumt Suchsland es nicht, auf den weitaus wichtigeren Punkt hinzuweisen: „V“s Terrorismus ist beileibe nicht nur reine Opposition, er ist viel mehr als identitätsstiftendes Moment einer tragischen Figur zu werten. Der Zuseher ist gewillt, den Terror gut zu heißen, denn er trifft die „Richtigen“; nicht wenige kritische Stimmen der Filmrezension werfen dies „V“ vor: Ein Film als Terrorblaupause?

Viel eher schon scheint eine Verantwortungsethik im Sinne Max Webers hier den Ausschlag zu geben. Der erfolgreiche Ausgang rechtfertigt die Methoden – in diesen Kategorien scheint der maskierte Held, hinter dem kein anderer als Agent Smith, der sich gegen ein anderes System zur Wehr gesetzt hat steckt, und der sein persönliches „Victory“-Zeichen an Häuserfronten in London hinterlässt, zu denken und handeln. Enttäuscht wird sein, wer weniger eine politische als viel mehr eine Actionoptik-Revolution wie sie die „Matrix“ brachte, erwartet. Zwar werden handfeste Raufereien, Schießereien und Explosionen geboten, doch sind diese alle Nebenschauplätze einer erfreulich charaktergetragenen, irgendwie europäischen Handlung.

Gelungene Drehbuch-Wiedergutmachung der Wachowski-Brüder: Hervorragend besetzte und actionreiche Auseinandersetzung mit Totalitarismus und Demokratie


Rudolf Inderst