Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2
(Pirates of the Caribbean 2 - Dead Mans Chest)

USA, 150min
R:Gore Verbinski
B:Ted Elliott, Terry Rossio
D:Orlando Bloom,
Johnny Depp,
Keira Knightley,
Jonathan Pryce,
Stellan Skarsgård
L:IMDb
„Ich liebe diese Momente. Ich winke ihnen zu, wenn sie vorüberziehen.”
Inhalt
Gerade erst ist Captain Jack Sparrow dem Fluch der Black Pearl entkommen, da wird er mit dem nächsten lebensbedrohenden Abenteuer konfrontiert: Denn Jack steht in lebenslanger Schuld bei Davey Jones, dem legendären Kapitän des Fliegenden Holländers und Herrscher über die Tiefen des Ozeans. Wenn er keinen Weg findet, den Bann zu brechen, ist er zu einem höllischen Leben nach dem Tode in ewiger Finsternis verdammt. Doch damit nicht genug: Denn Jacks ausgesprochen existenzielle Probleme erweisen sich als Hemmschuh für die bevorstehende Hochzeit seiner Freunde Will Turner und Elizabeth Swann, die wider besseres Wissen in die andauernden Eskapaden des Kapitäns verwickelt werden. Das Abenteuer kann beginnen.
Kurzkommentar
Schon jetzt einer der erfolgreichsten Filme der jüngeren Zeit, kann „Fluch der Karibik 2“ den hohen Erwartungen nicht ganz entsprechen. Regisseur Verbinski serviert einen mit Handlungssträngen und Motiven überlaufenden Topf Seemannsgarn. Ein zusammenhängender Plot zerbricht alsbald in unmotivierte und undurchsichtige Einzelstränge, die zwischen den Action- und Slapstickeinlagen die 150 Minuten recht lang werden lassen. Auch der Dialogwitz des Originals ist über Bord gegangen. Trotzdem machen Johnny Depp, stimmungsvolle Kulissen und eine schwitzende Rechenabteilung den zweiten Piratennonsens zu einer spaßigen Sommerphantasie.
Kritik
Vor drei Jahren war „Fluch der Karibik“ eine der Überraschungen des Kinosommers. Die nächste Überraschung zeigte sich, als das Piratengenre im Fahrwasser des Kassenschlagers dann doch keine Wiederauferstehung erlebte. Möglicherweise war der potentiellen Konkurrenz klar, dass es schwer würde, einen ähnlich komischen Paukenschlag auf die Beine zu stellen. Vor allem aber hätte ohne Johnny Depp eine Deklassierung nahe gelegen. Depp schuf mit seinem verschlagenen Tuntenkapitän Jack Sparrow eine moderne Kultfigur, ein Film im Film, das As im Ärmel. Es ließ das eigentliche Geschehen und weitere Hauptfiguren zum Beiwerk werden. Depps Einmannshow machte kolossal Spaß und rechtfertigte bereits allein eine Fortsetzung des wunderbar leichten wie ironischen Freibeuternonsens. Dramaturgische Löcher stopften Regisseur Gore Verbinski und seine Drehbuchautoren Ted Elliot und Terry Rossio mit Wortwitz und jeder Menge Gespür für Slapstick. Phantasievolle Kostümierung und prächtiges Setdesign taten ihr Übriges, um zum sympathischen „Fluch der Karibik“ Nachschlag zu verlangen. Überraschend lange ließ sich das Team dafür nun Zeit.

Das Rezept für eine anfänglich nicht geplante Fortsetzung war natürlich das Übliche: von allen Tugenden und Attraktionen des Originals einfach wenigstens einhundert Prozent mehr, um den Hunger nach Altbekanntem zu stillen. Fortsetzungen haben immer das Problem, einerseits das Rad nicht neu erfinden zu dürfen, andererseits aber Neues bieten zu müssen. Das endet dann oft so, dass entweder die Luft raus ist oder der Zuschauer mit irrsinnigen Plotexzessen („Matrix Reloaded“) in die Flucht geschlagen wird. In „Dead Man´s Chest“ sieht die versuchte Potenzierung der Tugenden des ersten Teils so aus: 1. Mehr Sparrow, 2. Mehr Spezialeffekte. Johnny Depp hampelt und torkelt als Jack Sparrow in mehr Szenen über die Leinwand. Zu erwarten war, dass die Auftaktszene Sparrows schwächer ausfallen würde als das grandiose Anlegemanöver im Original. Vielleicht nicht zu erwarten war, dass Sparrows Momente und die aller anderen Darsteller in fast keinem Zusammenhang mehr mit einem nachvollziehbaren Plot stehen würden – oder doch, denn immerhin handelt es sich um eine Jerry Bruckheimer-Produktion, bei denen üblicherweise keine Chance ausgelassen wird, den erzählerischen Rahmen lediglich als Alibi bis zur nächsten Actionsequenz einzuspannen.

Tatsächlich schießt das Team um Regisseur Verbinski über das Ziel hinaus. Die Idee um den Fliegenden Holländer als fantastisches Krakengesicht und seiner zombieartigen Fischcrew sowie Sparrows verlustig gegangene Seele klangen sehr viel versprechend. Leider überfrachten die beiden Drehbuchautoren das Geschehen von Beginn an mit hoffnungslos zu vielen Handlungssträngen und Motiven. Alsbald ist unklar, wer wem seine Seele schuldet und wieso, wer genau was will, wieso Davy Jones die Karibik terrorisiert und was er und Will Turners Vater da eigentlich so von Verdammnis und Seelenschuld quatschen. Egal, möchte man sagen, es handelt sich ja weiterhin bloß um eine Film gewordene Vergnügungsparkattraktion, und die Kritik bemüht treffend immer wieder diese Metapher. Aber „Fluch der Karibik 2“ ist 150 Minuten lang. Dass es da selbst Depp nicht schafft, öde Passagen zu überspielen, liegt daran, dass ihm das Script kaum treffsicheren Zeilen zuschreibt. Das gilt auch für die Mehrzahl der übrigen Dialoge: Lacher, selbst billige Schenkelklopfer, sucht man vergebens, vieles wirkt einfach fade herunter geschrieben. Ironischer Witz und die Leichtigkeit des Originals gehen dabei sichtbar baden.

Hätte sich Verbinski auf einen roten Faden und kompaktere Dialoge konzentriert, hätte „Fluch der Karibik 2“ locker um dreißig Minuten kürzer ausfallen können. Von Anbeginn wird deutlich, dass niemand der wirren Vielfalt der Handlungsstränge wirklich zu trauen scheint, viele Szenen sind unmotiviert und offensichtlich nur um ihrer selbst willen eingeschaltet, wenn sie auch witzig sind: so der Exkurs auf die Kannibaleninsel. Als das Herz des ganzen Spektakels wird Jack Sparrow sichtlich von der Flut der Spezialeffekte abgelöst, was im Hinblick auf den dritten Teil im kommenden Jahr bedenklich stimmt. Die Ergänzung des Piratenfilms um das Übernatürliche, tatsächliche Geisterschiffe und ihre grandios im Computer gebastelte Crew also, dient lediglich dazu, ein angemodertes Genre in Richtung aktueller Sehgewohnheiten aufzumotzen. Trotz dieser Einwände, trotzdem der Streifen keinen tragenden Mittelpunkt oder Spannungsbogen hat, Achterbahnfahrt auf Achterbahnfahrt reiht und dabei inhaltlich zerfasert: „Flucht der Karibik 2“ hält sich gut über Wasser, wo andere Blockbuster bereits abgesoffen wären. Die Kombination aus Effekten, komischen Actioneinlagen und nichtsdestotrotz durchweg skurril-sehenswerten Figuren macht weiterhin ziemlichen Spaß, ebenso das karibisch-sommerliche Szenario. Computer und Maskenbildner leisten gerade im Krakengesicht von Davy Jones wirklich Fantastisches.

Übrig bleibt von der Grafikdröhnung dabei wenig, „Fluch der Karibik 2“ ist Fastfood-Kino in Reinform. Sicherlich hätte mehr aus der Rückkehr von Sparrow gemacht werden können, sicherlich hätte eine bündige und spannende Story der Piratensaga einen zweiten Höhepunkt beschert. Letztlich sollte „Fluch der Karibik 2“ jedoch auch an seinem Hauptziel gemessen werden: bunter Rummel für die ganze Familie, nicht mehr. Und durch Johnny Depp ist selbst der Piratenfilm auch für weibliche Kinogänger ein Argument. „Dead Man´s Chest“ mag phasenweise seine veritablen Flauten haben. Ordentliche Produktionswerte, der Joker Depp und das unverbrauchte Setting erhalten jedoch die Lust auf den dritten Teil im nächsten Sommer.

Harmloser Piratenspaß mit gängigen Fortsetzungsmängeln


Flemming Schock