Wandelnde Schloss, Das
(Hauru no ugoku shiro)

Japan, 119min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Hayao Miyazaki
B:Hayao Miyazaki, Diana Wynne Jones
L:IMDb
„Lasst uns diesen dummen Krieg beenden.”
Inhalt
Das Mädchen Sophie arbeitet als Hutmacherin im Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Bei einem ihrer seltenen Besuche in der Stadt lernt sie zufällig den attraktiven und charismatischen Zauberer Hauro kennen. Sie verliebt sich in ihn und wird daraufhin von einer eifersüchtigen Hexe mit einem Fluch belegt, der sie in eine alte Frau verwandelt. Plötzlich muss Sophie sich im gebrechlichen Körper einer 90-Jährigen zurechtfinden. Unerkannt verlässt sie ihre Heimatstadt und zieht in die Ferne, um Hauro zu suchen und den bösen Fluch rückgängig zu machen. Schließlich findet sie ihn und arbeitet von nun an als Putzfrau in seinem geheimnisvollen "wandelnden Schloss" - ein gigantisches mechanisches Ungetüm, das sich auf insektenähnlichen Beinen bewegt, aus allen Löchern pfeift und seine Türen in vier verschiedene Welten und Zeiten öffnen kann. Feuer-Teufel Calcifer, der das Haus bewacht, und Hauros kindlicher Assistent Markl werden bald ihre Freunde - nur der selbstverliebte Hauro schenkt ihr kaum Beachtung und genießt das Leben in seiner unbekümmerten Art. Als er jedoch vom König berufen wird, sein Land vor dem drohenden Krieg zu retten, übernimmt er endlich Verantwortung.
Kurzkommentar
Die Meßlatte war hoch, vielleicht zu hoch. Das neue Werk von Anime-Legende Hayao Miyazaki hält dem Vergleich mit dem grandiosen „Chihiro“ nicht stand. „Das wandelnde Schloss“ bietet die bisher europäischste der phantastischen Welten von Miyazaki, leidet jedoch gerade im kitschigen Schlussteil unter einem verworrenen Plot. Dennoch ist „Das wandelnde Schloss“ einmal mehr ein graphisch bezauberndes und gesund sentimentales Märchen – mit überraschend pessimistischen Untertönen.
Kritik
Vor einigen Jahren bekam er zwar den Golden Bären in Berlin, dann darauf, ebenso für „Prinzessin Mononoke“, gar den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. „Chihiros Reise ins Zauberland“, 2003 produziert, rückte in Japan zum erfolgreichsten Film aller Zeiten auf und steht da wie ein überlaufendes Panoptikum phantastischer Einfälle. Doch wird auch der über 60-jährige Hayao Miyazaki an zwei Umständen nichts ändern, Umstände, die eine, wenn nicht gar die japanische Massenkulturform der Gegenwart aus der Warte des Exotischen und damit zum guten Teil auch Unverstandenen sehen: Zum einen, dass Animes, japanische Zeichentrickfilme, in Europa normalerweise keine große Chance auf dem Kinomarkt haben. Und das, obwohl der japanische Zeichentrickmarkt viel eher als der europäische auf alle Altersschichten zielt. Kulturelle Selbstvergewisserung und Selbstkritik kommen ohne Frage eher zum Zug als im größtenteils pädagogisierenden Kindertrickfilm europäischer Machart.

Zwar dürfte der „japanische“ Hayao Miyazaki mit „Mononoke“ und „Chihiro“ auch in Europa und hierzulande als unvergleichlicher Fabulist zu einigem Bekanntheitsgrad gelangt sein. Beide Streifen schafften es mit Erfolg ins deutsche Kino, stehen damit jedoch fast alleine. Dass japanische Animes, zugespitzt gesagt, hierzulande noch immer als Konsumgut einer leicht freakverdächtigen Randgruppe gelten, liegt zum anderen daran, dass sie, vom preisgekrönten Miyazaki eben abgesehen, in Stoffen und Bildern kaum als „wirkliche“ Kunstform wahrgenommen werden. Beim „neuen Miyazaki“ hingegen ist das natürlich wieder anders. Fast einstimmig bejubelt die Presse das schwelgerische Märchen, dessen Filmposter schon den „europäischen“ Miyazaki sichtbar macht: Die auf eine von Felsbrocken besetzte Bergwiese drapierten Figuren erinnern schlagend an die Optik jener berühmten TV-Serie, mit der Miyazaki weltweit Erfolg hatte, ohne dass sein Name damit verbunden würde: „Heidi“, ein kurioses schweizerisch-japanisches Kulturkonglomerat, da Miyazaki das im 19. Jahrhundert verfasste Kinderbuch von Johanna Spyri adaptierte.

Und über die visuelle Charakteristik der Figuren hinaus kehrt Miyazaki im entfernen Sinne zu dieser Konstellation zurück, wenn auch mit einigen drastischen Einschnitten: Denn auch diesmal basiert sein vor wunderbaren Motiven überquellender Film auf einer europäischen Literaturvorlage, auch diesmal hat das 19. Jahrhundert seinen Platz, unter so viel anderem. Miyazaki kopiert sich jedoch nicht selbst, „Das wandelnde Schloss“ ist alles andere als das sentimentale Spätwerk eines alternden Zeichners, der sich im zünftigen Bergpanorama- und Europa-Kitsch badet, das so allein in japanischer Vorstellung existiert. Vielmehr dreht sich die Welt des sicherlich nostalgischen Films auch um die Schattenseiten des 19. Jahrhunderts, um das Zerstörungspotential der industrialisierten Welt, um besinnungslosen Chauvinismus imperialistischer Mächte, um den Verlust des Alten, der Seele, den Raubbau des Neuen. Um die Kraft der Liebe, die Kraftlosigkeit des Alters. Das sind kaum originelle Motive, aber das Unwiderstehliche liegt erneut in der spielerisch leichten und doch vielschichtigen Synthese verschiedener Zeiten und Bilder.

Das Team um Miyazaki ist damit die globale Mythen-Maschine, die sich insofern selbst zitiert, als es, ähnlich wie in „Mononoke“, um Flüche, Erlösung und wieder einmal um die romantische Sehnsucht nach einer Zeit geht, in der Kultur und Natur wenigstens noch nicht im Krieg miteinander lagen. Denn das deutliche Gegenteil ist in der einen der vielen Realitäten des „Wandelnden Schlosses“ erreicht - und aus dieser anachronistischen Architektur bezieht Miyazakis Phantasie einen ihrer Hauptreize, aus einem Retrofuturismus, der die Formsprache im Kino mittlerweile immer öfter im Griff hat: Bestimmte in „Chihiro“ noch größtenteils „das Japanische“ die Bilder, würfelt Miyazaki im „Wandelnden Schloss“ herrlich unbekümmert alle Epochen und Jahrhunderte europäischer Architekturgeschichte ineinander; hauptsächlich lebt der visuelle Reiz jedoch vom verträumt spätmittelalterlichen Ambiente altdeutsch wirkender Fachwerkbauten und seiner Spannung zum Kernbild der Industrialisierung, zur Dampfkraft.

Der Hurra-Technikoptimismus des 19. Jahrhunderts wird zum Technikfuturismus: Stählerne Kampfschiffe schwimmen nicht nur, sie fliegen bereits – in Richtung industrieller Selbstzerstörung des Menschen. Dankenswerterweise erprobt sich nicht jedes Detail im „Wandelnden Schloss“ als bemühter Symbolismus oder Sinnbild. Die Einzigartigkeit von Miyazakis erfrischend exotischer und doch so vertrauter Phantasie liegt in der Liebe zum wunderbaren Detail, die keine Versessenheit ist: Traditionell handgezeichnete Bilder können gleichzeitig dynamisch und dann wieder beschaulich, sogar innerlich gesammelt wirken. Miyazaki nimmt sich Zeit. Auf dieser Grundhaltung buchstabiert er seine mythischen Charaktere aus, ohne ihre letzten Geheimnisse je ganz preis zu geben. Das Geheimnis als Funktionsprinzip, das die Handlung nicht immer durch nachvollziehbare Motivationen auf den Weg bringt. Wieso das Schloss, eine virtuose Mischung aus industriellem Schrottplatz, stählernem Drachen und Dampfmaschine, überhaupt wandelt, bleibt unklar.

Und das ist nur ein Punkt. Wer eigentlich genau wen und wieso verflucht, wer wieso gegen wen ringt, ob nun durch Zauber oder metallne Bomben, wird gegen Ende hin immer undurchsichtiger und konfuser. Der Optimismus des Endes wirkt nach aller Zerstörung aufgesetzt, selbst wenn es Miyazaki so gedacht haben sollte, um auf die Brüchigkeit des Happy Ends zu verweisen. Aber einfache Antworten würden der Parabel die Rätselhaftigkeit ohnehin nur nehmen. Hinter allem versteckt sich dabei das klassische Reifungs- und Altersmotiv des Märchens. Das betrifft Sophie, ebenso auch Hauro, der vom narzisstischen Bengel zum Weltretter um der Liebe willen reift. Dass sich Miyazaki weniger auf dramaturgische Linearität und Klarheit als auf ein phantastisches Schweifen von Fragment zu Fragment verlässt, ist die Stärke und doch gleichzeitig die Schwäche des „Wandelnden Schlosses“. Weil auch der Zuschauer in der traumhaften Verwirrung der vom Schloss zugänglichen Welten verloren geht, ziehen sich die zwei Stunden Laufzeit gegen Ende schon. Die Ideen gehen Miyazaki nicht aus, wohl aber der Willen, die Fäden konsequent wieder zusammenzuführen. So ist es schade, dass die finale Auflösung des „Schlosses“ Miyazakis Erzählweise erstmals in üble Kitsch-Soße tunkt. Doch das ist zu verschmerzen: Die Türen des „wandelnden Schloss“ bieten Zugang zu Welten, wie sie außer Miyazaki momentan nicht nur im Trickfilm niemand sonst zustande bringt.

Stilistisch atemberaubener Euro-Anime mit Erzählschwächen


Flemming Schock