Liberty Heights

USA, 127min
R:Barry Levinson
B:Barry Levinson
D:Adrien Brody,
Ben Foster,
Orlando Jones,
Bebe Neuwirth
L:IMDb
„Hey Leute, ich bin ein Jude!”
Inhalt
Baltimore 1954 - ein Jahr, das alles veränderte. In diesem Jahr wird die Rassentrennung in den Schulen erstmals aufgehoben: Schwarze und weiße Kinder aus verschiedenen Wohnvierteln drücken zusammen die Schulbank. Die ersten Rock-'n'-Roll-Rhythmen erfreuen die Teenager. Die meisten Familien können sich jetzt Automobile leisten - und erleben dadurch eine nie zuvor gekannte Freiheit. Die Kurtzmans machen allerdings noch weitere Erfahrungen: Sie lernen, was es heißt, diese rasant aufstrebende, von weißen Protestanten dominierte USA als jüdische Mitbürger zu erleben. Ben Kurtzman (Ben Foster) freundet sich mit einer schwarzen Mitschülerin an, und sein Bruder Van (Adrien Brody) verliebt sich unsterblich in die protestantisches Dubbie (Carolyn Murphy).
Kurzkommentar
Der für "Rain Man" oscarbedachte Barry Levinson beweist in einem wenig bemühten Zeitpanorama seine Stärke vor allem in Stil und Montage. Wo die Darstellung von Generations-, Klassen- und Rassenkonflikten Tiefenschärfe vermissen lässt, gefällt der feinsinnige Film durch dezente, aber vorbildliche Darsteller und seine belebte Erzählweise.
Kritik
Vor 18 Jahren entwarf Barry Levinson in seinem erfolggekrönten Kinodebüt "Diner" ein mit Feingefühl behandeltes Zeitpanorama, angesiedelt in seiner Geburtsstadt Baltimore. Die Filme "Tin Men" und "Avalon" hatten leicht autobiografischen Färbung und die gleiche Kulisse, wie nun auch "Liberty Heights", die vierte Zueignung an Levinsons Heimatstadt. Mit ihr geht es zurück in die so gern verklärten 50er Jahre.

Ausgangspunkt der Handlung ist das jüdische Viertel Liberty Heights, dessen Freiheit unter lantentem bis verletzend zur Schau getragenen Antisemitismus leidet. Hinzu kommt die Problematik der nur langsam, aber bestimmt fallenden Rassismusschranken und Diskriminierung zwischen Schwarz und Weiss. Levinson will so die ganze Komplexität von religiösen, rassischen und sozialen Konventionen verhandeln, was gerade angesichts der bisher selten thematisierten sozialen Situation von amerikanischen Juden interessant ist. Dass er kein schleppendes Trauerspiel, sondern einen distanzierten bis selbstironischen Zugang zur nostalgisch empfundenen Epoche wählt, ist sein erster Verdienst. Der überwiegend beobachtende statt handfest wertende Inszenierungsstil ist gewandt und richtig akzentuiert, ohne jedoch dabei in tiefere Regionen vorzudringen.

Bildet die handwerkliche Seite zusammen mit dem durchweg zurückhaltenden, aber hervorragend stimmigen Wirken der guten Schauspieler den zweiten Pluspunkt des unterhaltsamen Gesellschaftsbildes, so mag man ihm andererseits oberflächliche Dümpelei ankreiden. Denn der fast dokumentarische Zugriff des Regisseurs ignoriert dramaturgische Spitzen und begnüngt sich oft vor allem mit reinen Vorführeffekten einer altgewohnten "Die jüdischen Jungens werden groß und Staunen über die Welt"-Geschichte, ohne dabei Motivation oder entscheidende Beweggründe der Einzelnen differenziert zu berücksichtigen. Stark neigt Levinson zur Typisierung seiner Portraits. Allerdings sind die narrativen Stränge geschickt miteinander verwebt, laufen dann nebeneinander her, um dann wieder nach Belieben zusammengeführt zu werden. Das entpuppt sich nicht als effekthascherisch, vielmehr als äußerst effektiv und angenehm elegant, auch deswegen, weil Levinson keinen Charakter plakativ bloßstellen würde.

Trotz der mit verhaltener Unentschlossenheit gefüllten zwei Stunden wirkt die lebendige Retrospektive niemals langatmig, wegen des gewählten Themas aber auch tiefenunscharf und zu banal. Gerade das Ende verzeichnet einen zu sentimentalischen Einbruch nach der Fasson "aus der Traum, das Ende holt uns alle". "Liberty Heights" ist ein kleines, wohl im Ganzen zu unambitioniertes Panorama einer für die USA zäsurhaften Epoche. Wirklich Neues kann und will die Baltimore-Hommage zwischen Witz und Tragik wohl nicht aufwerfen. Dass Levinsons Vergangenheitssehnsucht der Zuschauer dennoch aufmerksam folgt, liegt an der handwerklichen Perfektionalität, die auch Musik und Lebensart authentisch einzufangen scheint.

Formal und darstellerisch souveränes, aber teilnahmsloses Epochenbild


Flemming Schock