One Day in Europe

Deutschland, 100min
R:Hannes Stöhr
B:Hannes Stöhr
D:Florian Lukas,
Erdal Yildiz,
Kirsten Block,
Rachida Brakni,
Miguel de Lira
L:IMDb
„This is not about the camera, it's about the photos”
Inhalt
Eine englische Geschäftsfrau und eine russische Rentnerin in Moskau, ein Berliner Rucksacktourist und ein schwäbischer Taxifahrer in Istanbul, ein ungarischer Pilger und ein galizischer Polizist in Santiago de Compostela, ein französisches Straßenkünstlerpärchen in Berlin: Sie alle werden in Gepäckdiebstähle verwickelt. Es ist der Tag des Championsleague-Finales zwischen Galatasaray Istanbul und Deportivo La Coruña in Moskau. Überall herrscht Fußballfieber, den Euro gibt es auch schon. Nur mit der Verständigung ist es manchmal ganz schön schwierig.
Kurzkommentar
Es wundert, mit welchem Wohlgefallen Hannes Stöhrs „One day in Europe“ auf der diesjährigen Berlinale aufgenommen wurde. Sein Film ist inhaltlich, handwerklich und auch darstellerisch lasch, seine Geschichten witzlos und einfach uninteressant. „One Day in Europe“ ist ein öder, mutloser, banaler Film, der einem nicht mehr als ein Achselzucken abringen kann und auch nicht annähernd sein hintergründiges Ziel erreicht, dem Zuschauer ein vereintes Europa schmackhaft zu machen.
Kritik
Episodenfilme haben ja immer ein Problem: das der Konsistenz. Statt einer zentralen Geschichte erzählen sie mehrere, statt eines Protagonisten gibt es zahlreiche, statt eines durchgängigen, handwerklichen Stils wird munter variiert. Und doch gibt es üblicherweise eine große Gemeinsamkeit: den thematischen Überbau. Ist aber ja klar, sonst hätte man die Episoden auch gleich als unabhängige Kurzfilme veröffentlichen können. Reizvoll können solche Kompilationen dann sein, wenn die Vielfalt der Episoden die Differenziertheit des Themas widerspiegeln und wenn das inhaltliche und stilistische Spektrum zur Meinungspluralität beiträgt. (Sehr prominent: „11’09’’01 – September 11“.) Spannend kann es auch sein, mittels der Episoden Schicksale zu verknüpfen (sehr berühmt: „Short Cuts“) oder typische Plotkonstruktionen eines Films ironisch zu hinterfragen (sehr unterhaltsam: „Lola rennt“). Aber bevor nun die Klassifizierungswut Überhand nimmt: zu theoretisierend sollte man Hannes Stöhrs „One day in Europe“ wohl nicht betrachten.

Stöhr, der 2001 mit „Berlin is in Germany“ ein veritables Kinodebüt vorlegte, nutzt die Episodenstruktur seines Films aus einem eher einfältigen Grund: ich möchte einen Film über die Vielfalt Europas drehen, also brauche ich verschiedene Handlungsorte, folglich auch verschiedene Handlungen und Charaktere. Daraus macht er in Interviews schon insofern keinen Hehl, als dass die Auswahl potenzieller Städte rein praktisch motiviert sein musste: in Berlin wohnt er, in Santiago de Compostela hat er mal gewohnt, in Istanbul hat er einige Freunde, in Moskau war er bereits ein paar mal zu Besuch – und sowieso muss Moskau in einen Film über Europa, ist ja auch die Grenze zu Asien. Und so eine Babuschka ist auch immer lustig.

Was ich damit sagen will: nach Stöhrs Logik, der in gängigen Interviews ebenso wenig müde wird, zu betonen, dass der Titel seines Films auch visionär gedeutet werden soll, kann man in einem Film, der jedem Land nur 20 bis 25 Minuten zugesteht und der außerdem ein breites Publikum erreichen will, nicht auf Klischees verzichten. Neben der resoluten Russin gibt es mürrische Beamte, neben naiven Pilgerern erfolglose Straßenkünstler, neben ausgelassener Siesta deutsches Pflichtbewusstsein. Anstelle der Erforschung europäischer Gemeinsamkeiten gibt es nur Fußball – was wohl kaum ein genuin europäisches Phänomen ist.

Es ist klar, dass Stöhr diese Klischees nicht fördern, sondern nur ironisieren möchte, es ist auch klar, dass er es auf einer subtileren Ebene durchaus versteht, sie zu hinterfragen. Der miesepeterige, türkische Polizeibeamte, der in Florian Lukas nur den rüpelhaften, deutschen Spaßtouristen mit Nazi-Vergangenheit sieht, wird etwa dadurch entlarvt, dass die ihm unterstellte Polizeibeamtin auf feine Weise zu verstehen gibt, wie reaktionär doch im Gegenzug das türkische Rollenverständnis von Mann und Frau ist. Dann aber kommen wieder die schwäbelnden Taxifahrer und die gelangweilten Spanier, die kein Problem damit haben, in einer Tour sowohl ihre Frau als auch ihre Liebhaberin zu besuchen.

Das Spiel mit Autoritäten, der possenhafte Humor, das sind Elemente der „Commedia dell’Arte“, jener Komödienrichtung, die im Theater schon immer mit Stereotypie und einer gewissen Derbheit gearbeitet hat. Auch Buster Keaton und Charlie Chaplin waren ja immer dann am lustigsten, wenn sie die Polente oder die oberen Zehntausend veralbert haben. Ich kann mich allerdings nicht daran erinnern, dass Chaplin einem derart am Boden zerstörten Charakter wie dem suizidgefährdeten Pilger noch ins Gesicht getreten und ihn ausgelacht hätte wie es die spanischen Polizeibeamten tun als dieser gebetsmühlenartig betont, wie ungemein wichtig ihm doch die zahlreichen, gestohlenen Fotografien waren.

Leidlich unterhaltsamer, größtenteils banaler und schwungloser Episodenfilm


Thomas Schlömer