Feindliche Übernahme

Deutschland 2001, 100min
R:Carl Schenkel
B:Nikolai Müllerschön
D:Thomas Kretschmann,
Klaus Löwitsch,
Désiree Nosbusch,
Martin Semmelrogge
„Dieses Mal wird es weder Gewinner noch Verlierer geben!”
Inhalt
Die Althan AG hat ein hat eine revolutionäre Energiequelle entwickelt: Hocheffiziente, umweltschonende Kraftwerke. Diese sollen in einem Festakt feierlich ans Netz gehen. Doch eine Gruppe Terroristen hat andere Pläne - und es gibt nur einen, der sie aufhalten kann: der zuvor geschasste Sicherheitsexperte Robert Fernau (Thomas Kretschmann). Doch welche Rolle spielt die dunkle Vergangenheit seines Ziehvaters Konrad (Klaus Löwitsch)? Was genau wollen die Terroristen? Und vorallem: Wie hält man sie ganz alleine auf?
Kurzkommentar
Alternative Energien, Globalisierung, DDR, feindliche Übernahmen, Neo-Nazis - Carl Schenkel ("Abwärts") packt so ziemlich alles an Themen in seinen neuen Film, was momentan aktuell ist. Kein Wunder, dass viele Kritiken jammern, "Feindliche Übernahme" sei uncool. Auch wenn dieser Vorwurf kaum gerechtfertigt ist, so ergeht sich Schenkel doch in ein paar ärgerlichen Klischees, die den Spass an diesem Action-Film "made in Germany" trüben.
Kritik
Man kennt das ja: Die Deutschen sind immer die Bösen, sei es in diversen James Bond-Filmen, sei es in der Stirb-Langsam-Trilogie. Von diesem Fast-Axiom kann wohl auch Drehbuchautor Nikolai Müllerschön nicht ab, und so sind in diesem Film nicht nur die Helden sondern auch die Bösen allesamt Deutsche. Doch, woher nehmen? Klar, da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Zum einen die Neonazis, die sowieso per se böse sind, zum anderen eine fiktive Elitetruppe der NVA, die ohne zu fragen allerlei schmutzige Befehle ausführte. Schon allein das ist tief in die Klischeekiste gegriffen, wenn auch nicht prinzipiell unvorstellbar. Hier schliesst sich auch die oft zu lesende Kritik an: hanebüchen, unrealistisch, unglaubwürdig. Sicher, teilweise ist diese Kritik berechtigt, aber es gilt wie so oft zu unterscheiden, zwischen der Glaubwürdigkeit in Bezug auf die reale Welt in all ihren Details, und zwischen der Film-immanenten Glaubwürdigkeit. Täte man das nicht, so wären alle Filme, die nicht der Realität entsprechen (von Nosferatu bis Trainspotting), als schlecht abzulehnen. Dass also in "Feindliche Übernahme" ein Szenario aufgebaut wird, in dem NVA-Truppen in Afgahnistan kämpfen, Neonazis Konzerne überfallen und deutsche Energie-Firmen die Welt revolutionieren, das mag nicht mit der deutschen Wirklichkeit übereinstimmen, als Grundlage für einen Film taugt es aber allemal. Interessanterweise wird hier mit zweierlei Maß gemessen: Von deutschen Filmen erwartet man anscheinend, dass sie sich nicht in hemmungslosen Klischees ergehen - amerikanische Filme dürfen dass, und niemand regt sich auf. Dass beispielsweise in "Goldeneye" eine völlig erfundene russische Separatistengruppe einen westlichen Superhubschrauber klaut, um ein ebenso erfundenes Satellitensystem dazu zu verwenden, einen ehemaligen Secret-Serivce-Agenten reich zu machen, in dem sie einen EMP über London auslöst - das fand damals niemand hanebüchen oder unrealistisch. Nun gut, für James Bond mögen ganz eigene Gesetze gelten, aber die für viele als Action-Masstab geltenden Filme von Bruce Willis sind klischeetriefend, dass es schlimmer nicht geht, und besonders realistisch dürften sie auch kaum sein. Insofern ist dieser Vorwurf in doppelter Weise unangebracht. Was die Klischees angeht, die natürlich auch in fiktiven Szenarien auf realen Situationen beruhen, sonst wären es keine Klischees: Hier hätten sich die Machen von "Feindliche Übernahme" vielleicht einen Gefallen getan, wenn sie etwas weniger plump vorgegangen wären. So verliert der Film einen Gutteil seiner auch ernsten Aussage, die er zum Teil anstrebt.

Denn: Die Grundidee des Filmes ist bemerkenswert, und wäre wohl in Amerika, dem zu viel gelobten Filmland, kaum umgesetzt worden. Während dort die Bösewichte zumeist mindestens irrsinnig sind, legt "Feindliche Übernahme" Wert auf nachvollziehbare (wenn schon nicht realistische) Handlungsmotivationen. Alle an dem Coup beteiligten Parteien wollen ihr eigenes Ziel erreichen: Ob das der Schlag gegen die Globalisierung ist, den die Neonazis führen wollen, oder die titelgebende feindliche Übernahme, die der graue Mann im Hintergrund plant, wenn Althan aufgrund der missglückten Inbetriebnahme der Kraftwerke am Boden liegt - all das ist vorstellbar. Dass man mit Aktienkursen reich werden kann, ist nichts neues, und dass man mit krimineller Energie die Aktienkurse manipulieren und damit erheblich in das Gefüge der Weltwirtschaft eingreifen kann, sollte spätestens seit den real erfolgten dDOS-Attacken auf im Internet präsente Firmen klar sein. Dass gezielt Sabotageakte ausgeführt werden, um den Aktienkurs kurzfristig zu drücken und dann von der Erholung zu profitieren - wer kann schon fest versichern, dass nicht auch dies schon stattgefunden hat? Interessant ist auch, dass die grosse Erfolgsfirma ihr Geld mit umweltfreundlicher Energiegewinnung macht - in den USA wären es wohl Waffen- oder Chiphersteller. Dass die reaktionären Eliten der DDR und die nicht minder reaktionären Neonazis den Gegenpart zu den sauberen, verantwortlichen Energiemanagern übernehmen dürfen, ist ein bisschen naiv, aber dennoch eine nicht zu unterschätzende politische Aussage. Auch das würde ich gerne mal in einem amerikanischen Film sehen - die Nader-Fraktion als Helden gegen NRA und Vietnam-Freaks.

Bei all dem muss aber klar sein: "Feindliche Übernahme" ist in erster Linie ein Action-Film. Eine besonders tiefschürfende Auseinandersetzung mit diesen Themen ist nicht zu erwarten - das kann und will der Film nicht leisten. Dass er diese Themen dennoch anspricht, ist für mich das gerade Gegenteil von mangelnder Coolness. Womit wir bei den Darstellern wären: Tatsächlich, was die Dialoge angeht, so ist man Hollywood-Filmen irgendwie Knackigeres, Kernigeres gewohnt. Das kann man nun sehen wie man will: Im positiven Sinne bedeutet es, dass sich "Feindliche Übernahme" mal nicht dem Zwang zu markanten Sprüchen unterwirft. Apropos markant: Dieses Prädikat haben auch die Schauspieler verdient, zumindest Löwitsch und Semmelrogge. Wirft man einen Blick in andere Kritiken, so ist dort sowohl von lächerlichen Figuren als auch von scharf gezeichneten, glaubwürdigen Charakteren die Rede. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte: Den bekehrten NVA-Schlächter spielt Löwitsch durchaus überzeugend, die grimmige Rolle hat er ja sowieso drauf. Auch Kretschmann, der bereits in einigen Hollywood-A-Produktionen zu sehen war, macht seine Rolle gut, wobei die Figur hier meiner Meinung nach mehr Konsequenz nötig hätte. Der Wechsel zwischen sensiblem Computerexperte und hartem Action-Held fällt nicht überzeugend aus. Die Neonazi-Fraktion ist nicht ganz ohne: Semmelrogge spielt meinem Empfinden nach zu irr, seine Schläger-Kollegen sind hemmungslos überzeichnet. Und ihre Namen - Hagen, Geissler, Albrecht - wieder ein trauriges Klischee. Die Hintergund-Garde dagegen kann überzeugen. Auch die Fotografie gefällt: Zwar nicht revolutionär, aber flott und gut geschnitten, mit teilweise sehenswerten optischen Einfällen - auch wenn hier die Amerikaner noch vorne liegen. Aber statt des bekannten Kamerafluges über New York oder Los Angeles mal Frankfurt - warum nicht? Auch hierzulande gibt es Skylines...

Ob "Feindliche Übernahme" wirklich ein empfehlenswerter Film ist, darüber kann man streiten, aber da die meisten Wertungen wegen "deutscher Qualitäten" automatisch 20%-40% abziehen, schlage ich sie drauf. Sicher, "Feindliche Übernahme" hat noch nicht die weitgehend hirn-unbeanspruchende Stromlinienförmigkeit von Bruckheimer und Konsorten erreicht, ist an manchen Stellen noch deutlich ungeschliffen, und wäre auch recht leicht ein gutes Stück besser zu machen gewesen, allzu einfach kann man unbestreitbare Mängel finden, aber das unterschwellige Abnicken der Behauptung, dass man bei uns halt keine Action-Filme machen kann, ist nicht nachvollziehbar. Also, warten wir auf den nächsten deutschen Actionfilm. Immerhin hat sich seit "Straight Shooter" schon so einiges getan. Meine Tips für den nächsten Film: 1. Ruhig auf eigenständige, unamerikanische Themen (wie in diesem Film etwa Alternative Energien oder NeoNazis) setzen, diese aber konsequent im Hintergrund belassen oder konsequent und aussagekräftig bearbeiten. 2. Den Klischee-Faktor deutlich reduzieren. 3. Nicht zu viel auf einmal wollen. 4. Die Action-Szenen verbessern. Wenn das gelingen sollte, dann wäre der deutsche Actionfilm dem amerikanischen geradezu vorzuziehen.

Sehenswerter deutscher Actionfilm, trotz einiger ärgerlicher Klischees


Wolfgang Huang